In Belgien kehrt ein altes Fernsehgefühl zurück. Zumindest unter den dortigen Freunden von ARD und ZDF. Sie verabreden sich jetzt wieder zum TV-Gucken, bei Freunden, Bekannten oder Kollegen. Doch was den Hauch der 50er-Jahre verströmt, als sich die Nachbarschaft um den einzigen Fernseher in der Straße versammelte, ist einer bitteren Notwendigkeit geschuldet: Der staatliche belgische Netzbetreiber Belgacom hat ARD und ZDF im vergangenen Monat aus dem Programm genommen, stattdessen flimmern jetzt bei Belgacom-Kunden die Privatkanäle RTL und Sat.1 über den Schirm.

Der Hintergrund der Entscheidung ist schnell erklärt: Der alte Lizenzvertrag zwischen dem Netzanbieter und den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern lief aus. Belgacom habe seine Abonnentenzahlen auf 1,4 Millionen Kunden verdreifacht, sagen ARD und ZDF. Sie wünschten deshalb im neuen Vertrag mehr Geld für ihre Leistung. Um steigende Urheberrechtsgebühren zu begleichen, sagt Pascal Albrechtskirchinger vom ZDF-Verbindungsbüro in Brüssel. Die Belgacom aber mochte so viel nicht zahlen. Also handelte sie: Seit 14. Mai heißt es in Belgien: Schwarzer Kanal – zumindest was die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF angeht.

Dezente Anfragen vor dem Finale

Die Empörung ist groß. Die Verzweiflung auch. Man trifft Kollegen, die um die Nachrichtensendungen „Tagesschau“ und „heute“ trauern. Bekannte, die das Wochenende nicht mehr würdig abschließen können, weil der „Tatort“ am Sonntagabend fehlt. Und Fußballanhänger, die sich vor Champions-League-Finale oder DFB-Pokalendspiel mal nebenbei ganz dezent erkundigen, wer denn eventuell seine TV-Programme über die Anbieter Numericable oder Telenet bezieht. Die nämlich haben ARD und ZDF weiterhin im Programm. Telenet warf dafür sogar die RTL und Sat.1 raus.

Mittlerweile beschäftigt das Ganze sogar die deutsch-belgische Politik. Der deutsche Botschafter beim Königreich Belgien in Brüssel, Eckart Cuntz, wurde vergangene Woche bei Belgacom vorstellig. Kanzlerin Angela Merkel nahm sich beim jüngsten EU-Gipfel Elio Di Rupo zur Seite. Gut, der Euro muss gerettet werden, aber es gibt auch Wichtigeres im Leben. „Tatort“ und „heute-show“ etwa.

Im Internet hat sich nun eine Kampagne gebildet. Rund viertausend Unterschriften hat die Initiative „ARD und ZDF moeten blijven“ unterzeichnet. Initiatorin ist die Parlamentsmitarbeiterin Sonja Giese. Auf der Plattform sind rührende Eingaben zu finden. „Dass ich Sender wie RTL sehe, erlaubt meine Mutter nicht, weil da so viel Mist kommt“, beklagte ein Elfjähriger.

Die Sender wollen reden

Rund 40 000 Deutsche leben in und um Brüssel. Dazu kommen rund 80 000 Mitglieder der deutschen Gemeinschaft, der Minderheit in Ostbelgien. Auch in Flandern sind die Klagen über das Fehlen der Alternative aus Deutschland groß. „Wir sind jederzeit offen für Verhandlungen und konstruktive Gespräche“, beteuert ZDF-Mann Albrechtskirchinger. Getan hat sich aber wenig.

Andere verlieren deshalb allmählich die Geduld. „Die Entscheidung, die beiden deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme aus dem Angebot von Belgacom TV zu nehmen, ist ein sehr unfreundlicher Akt gegenüber den zahlreichen deutschsprachigen Bewohnern Belgiens“, sagte die CDU-Europaabgeordnete Doris Pack der Berliner Zeitung. Pack ist zugleich Mitglied des ZDF-Fernsehrates. Sie erklärte: „Ich hoffe sehr, dass der große Protest und Initiativen wie der offene Brief oder die Online-Petition Wirkung zeigen und es zu einer schnellen Lösung für die Betroffenen kommt.“ Bis dahin heißt es für belgische Zuseher: Bleiben Sie dran, ARD und ZDF gibt’s ja immerhin noch beim Nachbarn in der ersten Reihe.