Die Belgierin Frie Leysen.
Foto: dpa/Tim Brakemeier

BerlinDie belgische Festivalgründerin und Kuratorin Frie Leysen ist im Alter von 70 Jahren gestorben, dies melden am Montagnachmittag die öffentlich-rechtlichen Medien Belgiens. Leysen war eine Verfechterin der modernen Performancekunst, die sich von keinen Länder- und Genregrenzen aufhalten ließ. Ihre Karriere führte sie auch nach Deutschland, wo sie 2010 das Festival Theater der Welt und 2012 die Festivalsparte Foreign Affairs der Berliner Festspiele übernahm. 

Von 1980 bis 1991 leitete sie das von ihr gegründete Kunst- und Kulturzentrum deSingel in Antwerpen und etablierte es als Vierspartenhaus, in dem Architektur, Tanz, Musik und Schauspiel miteinander in Beziehung traten. 1993 gründete sie in Antwerpen das Kunsten Festival des Arts, ein kosmopolitisches Stadtfestival, das schon im Namen die flämische und französische Sprache vereint und die Ausrichtung ausweist, nämlich ihr Interesse an lokaler und internationaler Kunst. Leysen, die wie ein Schlot rauchte und immer auf Reisen war, beließ es aber nicht bei Europa: Ihr Interesse zielte auf die entlegensten  Kulturkreise dieser Welt und hinter die gängigen exotischen Klischees. Eine bewusste Gegenmaßnahme zu den erstarkenden nationalistischen Bestrebungen, die im Zuge des Balkankrieges neu erwachten. 

In Berlin war sie zum ersten Mal 2007 mit dem panarabischen Festival Meeting Points 5 zu Gange. Das 2010 stattfindende Theater-der-Welt-Programm aus Leysens Hand war bereits von einer postkolonialistischen Themensetzung bestimmt, die vielleicht erst heute so richtig in Berlin angekommen ist und ausgefochten wird.

2012 übernahm sie interimistisch einen Jahrgang der internationalen Festivalsparte der Berliner Festspiele, die mit der Spielzeiteuropa in die Krise geraten war. Foreign Affairs hieß ihre Gründung und zielte auf wortwörtliche Übersetzung dessen, was eigentlich auswärtige Angelegenheiten meint: eine Affäre mit dem Fremden. Sie arbeitete mit Künstlerinnen und Künstlern wie Hiroaki Umeda, Anne Teresa De Keersmaeker und Bruno Beltrão zusammen und entdeckte immer wieder neue Namen und Formate. Bei ihr liefen die feinen und wichtigen Kontaktlinien der internationalen Theater- und Performanceszene zusammen, auch das wird ein schwer auszugleichender Verlust sein.   

Der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender verabschiedet sich via Twitter mit diesen Worten: „Frie, hab Dank. Du warst eine große Gründerinnenfigur und Kämpferin und hast die hehren Worte nicht gemocht. Für dich kamen die Kreativen vor den Institutionen, und deine Neugier war so groß und vielfältig wie die Welt. Danke für jeden nicht gefundenen Kompromiss. Du fehlst.“