Für Franz Kafkas äffischen "Bericht für eine Akademie" legt Ben Becker den Gehrock an.
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BerlinDie dramatische Orchestermusik würde zum „King Kong“-Thriller aus den frühen Dreißigern passen, Filmbilder eröffnen auch den Abend. Wie das legendäre Hollywood-Monster klettert ein menschenähnliches Wesen im Affenfell auf einer tropischen Insel herum. Doch dieser Affe begehrt keine weiße Frau, sondern lernt schwimmen, baut sich ein Boot und segelt davon. Millionen Jahre später schrubbt er in einem Containerschiff die Gänge. 

Der Text dazu stammt von Friedrich Engels, dessen kurze, unvollendete Schrift „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ (1876) ein Klassiker geblieben ist. Natürlich ist manche These nach fast 150 Jahren wissenschaftlich überholt. So hatte Engels noch angenommen, die menschenähnlichen Affen hätten sich auf einem Festland, das im Indischen Ozean versunken ist, entwickelt. Wurde das Einspielvideo deshalb auf Sri Lanka gedreht?

Programmtrailer für "Affe".

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Die Aktualität wird auch durch den orangefarbenen Arbeitsoverall betont, in dem Ben Becker dann auf die Bühne tritt. Ein Schild mit der Aufschrift „Affe“ klebt darauf. Das Kostüm passt zum Kosenamen, den die Engels-Pflichtlektüre bei den DDR-Studenten im Marxismus/Leninismus-Grundkurs hatte: „Der Affe auf dem Weg zur Arbeit“. Einen Lacher bekommt Becker, als er die Passage vom Anteil der Fleischkost an der Entwicklung des Gehirns vorträgt, mit einem Gruß „an die Herren Vegetarier“.

Auch dass Friedrich Engels den Vor-Berlinern unterstellt, sie hätten ihresgleichen vor tausend Jahren noch aufgegessen, sorgt für Schmunzeln im Saal. Sehr heutig wirkt der Text vor allem an den Stellen, die den Raubbau des Menschen an der Natur beschreiben und eine Abkehr vom kapitalistischen Profitstreben sowie eine „vollständige Umwälzung unserer bisherigen Produktionsweise“ fordern. Dabei stellt Ben Becker hier kein politisches Pamphlet auf die Bühne, sondern trägt einen auch stilistisch erstaunlich modernen Text vor.

An keiner Stelle macht sich der Schauspieler zum Affen

Überhaupt bleibt Becker eng und streng bei seinen beiden Originalen. Die Kopplung der Engels-Schrift mit Franz Kafkas Text über die Menschwerdung eines gefangenen Schimpansen bleibt die Grundidee des Abends – als Überbrückung muss ein Stroboskop-Gewitter herhalten. Auch als Kafkas „Rotpeter“ macht sich Ben Becker nicht etwa zum Affen, sondern wirft die Affenmaske schnell ab und trägt den „Bericht für eine Akademie“ (1917) ohne jedes äffische Verhalten im Gehrock vor. Anders als Friedrich Engels knüpft Franz Kafka ja auch nicht an die Wissenschaft an, sondern spiegelt den Umgang mit der Kreatur, die Überheblichkeit der menschlichen Gesellschaft.

Rotpeter hat nur die Wahl zwischen Zoologischem Garten und Varieté, weswegen er schnell das menschliche Verhalten kopiert (das Trinken von Alkohol etwa) und zum Bühnenstar wird. Tatsächlich werden Menschenaffen aber bis heute in Käfigen zur Schau gestellt – als domestiziertes Wesen im Gehrock schreitet Becker im Finale auf ein Zoo-Video mit Affen hinter Glas zu. „King Kong hat umsonst geliebt“, heißt es im Abspann.

"Ich bin Künstler und kein Philosoph", sagt Ben Becker in diesem Gespräch. Und macht dann doch ein paar tiefgründige Bemerkungen. 

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Wie der Schauspieler über die Bühne stapft, wie er mit seiner tiefen Bass-Stimme als visionärer Engels und als höhnischer Rotpeter seine Anklagen herausschmettert, das hält das Publikum durchaus in Atem und füllt den weiten Raum. Wie auf all seine Soloabende passt auch hier die Redewendung „dem Affen Zucker geben“. Wer die beiden rezitierten, relativ kurzen Klassiker allerdings kennt, wird hier kaum überrascht. Die Monologe bleiben ein klassisches Bildungsprogramm, dem etwas mehr spielerische Lässigkeit gut getan hätte – Peter Fox mit seinem Berliner „Stadtaffen“ hatte es vor zehn Jahren vorgemacht. Nach gut einer Stunde tritt der „Affe“ schon wieder ab.

Verglichen mit seinem „Judas“, den Ben Becker über 100 Mal in großen Häusern wie dem Berliner Dom gespielt hat, und der weiter ausgeholt und stärker zu Assoziationen herausgefordert, der mehr provoziert hat, bleibt dieser „Affe“ ein nahes Wesen, dem jeder die Hand schütteln kann. Kein Verräter, sondern eben ein Verwandter.  

Ben Becker: Affe, 20.2., 20 Uhr, (Zusatztermine am 1./2.12), Admiralspalast, Friedrichstr. 101