In manchen Szenen des neuen „Ben Hur“ ist schwer zu entscheiden, ob die Komik beabsichtigt ist oder nicht. „Bitte, das ist alles ein Irrtum“, klagt der frischgebackene Galeerensträfling Judah Ben-Hur, als erseinen Platz auf dem Schiff bekommt. Man muss sich das nur mit dem wunderbaren Akzent des britischen Schauspielers  Jack Huston vorstellen, um sogleich an  Monty Python zu denken. Motto: Jeder nur ein Ruder!

Pompöse Bibel- und Christusfilme wie den Klassiker „Ben Hur“ von Jahr 1959 in Zukunft unmöglich zu machen, war das erklärte Ziel der britischen Komiker, als sie mit „Das Leben des Brian“ (1979) ebenfalls eine Parallelgeschichte zum Leiden Christi entwarfen. Das hat geklappt, aber leider nur im übertragenen Sinn – natürlich wurden weiterhin konventionelle Bibelfilme gedreht. Auch die Neuverfilmung von „Ben Hur“ durch Timur Bekmambetov („Night Watch“) ist so bierernst wie der Vorgänger, jedoch ohne William Wylers Monumentalklassiker (elf Oscars) ästhetisch wie inhaltlich das Wasser reichen zu können.

Das berühmte Wagenrennen wird gleich zu Beginn des Films angedeutet, um das erhoffte junge Publikum auf eine lange Durststrecke vorzubereiten. Was davor geschieht, ist weitgehend bekannt: Der jüdische Patriziersohn Judah Ben-Hur wird von seinem römischen Jugendfreund Messala verraten und, fälschlich eines Attentats bezichtigt, auf die Galeere verbannt. Er entkommt und nimmt mit Hilfe des Scheichs Ildirim, einem mächtigen Player im örtlichen Rennzirkus, fürchterlich Rache. Die Botschaft eines seltsamen Heiligen allerdings führt ihn zur Vergebung.

Jack Huston als Judah mit trendigem Hipsterbart

Das altehrwürdige Hollywood-Studio MGM verscherbelt hier nicht sein Silber, denn die Rechte an Lew Wallaces Roman von 1880, eine Weile das meistverkaufte Buch nach der Bibel, sind längst frei verfügbar. Wie lieblos man das eigene Erbe anging, zeigt indes schon die Besetzung. Jack Huston als Judah mit trendigem Hipsterbart und Toby Kebbell als Messala sind wenig bekannt. Ein Star von der Statur Charlton Hestons damals –  körperlich in dieser berserkerhaften Story durchaus ein Punkt – galt wohl als verzichtbar. Dazu kommt mit dem Russen Bekmambetov ein Regisseur, der auf Subtilität grundsätzlich keinen Wert legt. Das Mastermind hinter „Abraham Lincoln Vampirjäger“ wäre zwar der richtige Mann, um die Sache zeitgemäß mit Testosteron aufzupumpen. Doch so einfach, stellt sich heraus, ist das gar nicht.

Analoger Streifen war glaubhafter

Wenigstens am Wagenrennen gibt es nichts zu mäkeln. Wirbelnde Achsen, grimmige Kämpfer, tödliche Unfälle – die Ikonographie ist unkaputtbar dieselbe – wie Bekmambetovs Film überhaupt mehr von einem Remake hat, als er zugibt. Es ist nicht seine Schuld, dass man dem digitalen Bild weniger glaubt als dem analogen des Klassikers. Angeblich wurde nur wenig nachbearbeitet; die Unfallbilanz ist mit einem verletzten Stuntman ähnlich der von 1959. War der alte „Ben Hur“, die legendäre Materialschlacht, je mehr als das „Fast & Furious“ seiner Zeit? Aus den damals 50.000 Statisten werden in der Arena 400 röhrende Zuschauer, digital multipliziert. Wyler hätte es vermutlich genauso gemacht.

Das Problem ist, wie so oft in der Welt, die Religion. Sie lässt sich nicht einfach wegretuschieren, auch wenn sich Bekmambetov mit einer eineinhalb Stunden kürzeren  Laufzeit alle Mühe gibt. Wer will, erkennt hier einen Kompromiss zwischen säkularen Ansprüchen und dem nicht unwichtigen christlichen Markt der USA, der „glaubensbasierten“ Filmen selbst minderer Güte oft noch ein kommerzielles Nachleben beschert. Die Folge sind  leidlich weihevolle Szenen, die so hektisch geschnitten erscheinen wie das Wagenrennen.

Streitet sich Judah etwa in Jerusalems Gassen, blickt plötzlich ein Tischler von seinem Hobel auf und verkündet: „Liebet eure Feinde!“ Das ist dann doch  unfreiwillige Komik, die dadurch gesteigert wird, dass man Jesus heute auch von vorn sieht. Selbst Hustons Judah, sanftmütiger, aber im selben Atemzug noch gleichgültiger als seinerzeit Hestons, ist wenig beeindruckt.

Blitzbekehrung in wenigen Sekunden

Niemand vermisst die Halleluja-Chöre, das Pathos eines Films, der doch vor allem Kinoreligion war – zu höheren Ehren von MGM. Aber eine Blitzbekehrung – in der Szenenfolge Ölberg, Kreuzigung, Wunderheilung der Leprakranken  – in wenigen Sekunden? Da bleibt nur ungläubiges Staunen.

„Ben Hur“ war damals angetreten, das moribunde Hollywood vor dem Fernsehen zu retten. Der Aufschub gelang bis zum Sandalen-Desaster „Cleopatra“ vier Jahre später. Selig sind, die da glauben, dass nun endlich die Zeit solch fader, mit überflüssigem 3D aufgepeppter Pseudospektakel  gekommen ist. Es dürfte sich um einen Irrtum handeln.