Streitbar im Auftrag der Natur: Der Künstler Ben Wagin.
Foto: imago/Kai Horstmann

BerlinAls der Künstler Ben Wagin, der am Mittwoch seinen 90. Geburtstag feiert, in den frühen 90ern für sein „Parlament der Bäume“ mitten im Regierungsviertel kostbares Land beschlagnahmte, war dem nicht beizukommen. Man wäre gegenüber dem freundlichen Mann – der ziemlich aufbrausen kann! – als der moralisch Nichtswürdige erschienen.

Autobiografie „Nenn mich nicht Künstler“

Die Mauer abräumen und Bäume ausreißen, nur um Büros zu bauen? Das ging nicht. Er spricht, um seine Projekte durchzusetzen, auch weltberühmte Politiker sehr direkt an: „Du, mach mal ... “, lesen wir in der zusammen mit der Journalistin Astrid Herbold 2014 publizierten Autobiografie „Nenn mich nicht Künstler“ (Chr. Links Verlag).

Eigentlich feiert er den Tag seiner Zeugung am 21. Juni 1929, nur die unsinnliche Umwelt besteht auf Standesamtdaten. Immer wieder hat er seinen Namen geändert, in den 50ern war er als Bühnenbilder Vann Ben, dann in der West-Berliner Boheme Ben Wargin, um 2010 fiel das „r“, Ben Wagin, auch WaBen war im Gespräch, japanisch-hebräisch für Sohn des Friedens.

Baumkult der Romantik

Geboren wurde Wagin in Jastrow in Westpreußen, direkt an der damaligen Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Polen. Seit 1957 studierte er – nunmehr Ben Wargin – an der Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin, machte 1962 die später berühmte Studentengalerie S im Sigismundhof im Hansaviertel auf, avancierte, konnte ab 1968 mit der Galerie S im Europa-Center arbeiten, nahm an der Art Basel teil. 1975 entstand, in der Tradition der kämpferischen Murales Mexikos seit den 30ern, am Sigismundhof das grandiose Brandwandbild „Weltbaum I“, im Oktober 1976 wurde der Baumpatenverein e. V. begründet – inzwischen hat er 50.000 Ginkgobäume gepflanzt. Oft sind das Erinnerungsprojekte, die an Kriegsverluste und Friedenshoffnung gemahnen.

Ob man Ben Wagin als politischen Künstler bezeichnen kann, ist dennoch umstritten, zu deutlich stehen seine Zeichnungen und Installationen in der Tradition der deutschen Romantik, ihres Baumkults. Doch ist Wagin eben nie in die reaktionäre Falle des „deutschen“ Waldes geraten. Herzlichen Glückwunsch an den Künstler, der sogar Architekten, Investoren und Politiker dazu bringen kann, Bäume stehen zu lassen.