März 2020. Das Coronavirus verbreitet sich zunehmend auf der Welt. Menschen sterben, mehrere Länder verhängen einen Lockdown. Medien berichten abwechselnd von den Gefahren der Pandemie und von Dingen, die man jetzt tun kann, wenn man zu Hause bleiben muss: Steuererklärung erledigen, Ausmisten, Livestreamings gucken – und so weiter. Letzteres entwickelt sich schon bald zu einem Dauerbrenner in der lahmgelegten Konzertlandschaft.

Doch da ist noch etwas anderes: Mitten in der Pandemie taucht auf dem sozialen Videoportal TikTok plötzlich dieser Song auf – dieses eine Lied, das den Zustand der häuslichen Quarantäne so unglaublich treffend zusammenfasst: „Supalonely“ von Beene (zu Deutsch: „Supereinsam“). Ein knapp dreieinhalbminütiger, leicht ironischer Popsong, in dem die 20-jährige Neuseeländerin mit dem amerikanischen Musiker Gus Dapperton über das Einsamsein sinniert und wie man sich dabei fühlt: „Lalalalala, ich bin einsam, supereinsam, eine einsame Schlampe.“

In der ersten Lockdown-Phase wirkte „Supalonely“ wie das Motto der Stunde. Millionen Nutzer ahmten das Lied auf Tiktok nach, bewegten ihre Lippen zum Refrain und stellten sich genauso lethargisch in ihre Wohnung, wie sich Benee im dazugehörigen Musikvideo präsentierte. Obwohl das Stück bereits Ende 2019 erschienen war und eigentlich die Trennung von Benees Ex-Freund behandelt, landete es drei Monate später als Tiktok-Corona-Song weltweit in den Charts, Radiosendern und TV-Shows. Während viele Musiker unter der Corona-Krise noch immer leiden, macht das Stück Benee folglich zum Star. „Manchmal fühle ich mich ein bisschen schuldig“, sagte sie in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“. „2020 war für so viele Menschen so hektisch und schrecklich – und für mich war es das bisher größte Jahr meiner Karriere.“

Benee, die bürgerlich Stella Rose Bennett heißt und in Auckland, Neuseeland, wohnt, spielte schon im Alter von acht Jahren Gitarre und Saxofon. Die Musik lies sie jedoch irgendwann sein, da sie sich in den Kopf setzte, eine Karriere als Wasserballspielerin einzuschlagen. Dafür wollte sie hart trainieren. Mit 17 schien ihr das schließlich nicht mehr so attraktiv zu sein, und so fand sie fast zufällig wieder zur Musik, als sie ihr Interesse für das Schreiben und Aufnehmen von Liedern entdeckte. Ihre ersten Songs veröffentlichte sie, wie so viele junge Musiker in ihrem Alter, auf der Streamingplattform Soundcloud. Sie wurde anschließend von einem Produzenten entdeckt, veröffentlichte einige EPs, die Single „Supalonely“ und jetzt eben, trotz anhaltender Pandemie, das Debüt „Hey U X“.

Wird Benee „Supalonely“ gerecht und liefert nach?

Bei einem weltweiten Hit sind die Erwartungen an ein Album natürlich hoch. Wird sie „Supalonely“ gerecht und liefert nach? Oder bleibt sie wie so viele andere nur ein One-Hit-Wonder, das Glück hatte, zur richtigen Zeit den richtigen Nerv zu treffen?

Die 13 neuen Lieder machen schnell klar: Hier folgt ein Knaller nach dem anderen – die Musik ist unglaublich spaßig, unglaublich gut! Auffällig ist, dass Benee keinem konkreten Muster folgt. Die Platte ist weder verträumter Indierock noch ein poppiges HipHop-Werk und erst recht nicht ein rundes Popdebüt. Vielmehr klingt „Hey U X“ wie die Sammlung ihrer größten Lieblingskünstler, die sie auf eine coole, lethargische Weise zu etlichen Musikstilen interpretiert.

Foto: Universal Music
Benee spielt gerne mit verschiedenen Stilen – musikalisch und modisch.

Zu finden ist etwa das verträumte Electro-Folk-Stück „Happen To Me“, das gut auf einem Album von Ben Howard enthalten sein könnte und mit einer großartigen Leadgitarre sowie Benees facettenreicher Stimme überzeugt: Herrlich tief wie der Sänger King Krule und dann wieder klar und hoch wie Billie Eilish sinniert sie mit ihrer Mezzosopranstimme über zermürbende Gedanken. Eilish ist es letztlich auch, mit der sie oft verglichen wird. Einerseits ist es das Alter, die Vorliebe für bunte Haare und legere Kluft aus den 90er-Jahren, anderseits die kindliche Coolness, das gute Songwriting und die Freude, Musikstile zu mixen. Benee spannt den Bogen nur etwas weiter: In dem Lied „Sheesh“ mit der Musikerin Grimes tobt sie sich etwa auf einem Drum’n’ Bass-Beat aus, „Night Garden“ sympathisiert mit Jazz, Soul. Und „Snail“ hüpft und funkt, als wäre man in den 80er-Jahren gelandet. „Ich werde mich in Zukunft definitiv nicht zurückhalten“, sagte sie der britischen Musikzeitschrift „NME“. Sie wolle musikalisch viele Dinge ausprobieren.

Während es manchen Bands wie The 1975 nur bedingt gelingt, ein Allround-Album aufzunehmen, brilliert Benee mit „Hey U X“ durch ihren Facettenreichtum. Ihre Lieder machen Spaß, Lust auf mehr, neugierig auf Folgewerke. Ein zweiter Lockdown? Mit Benee kein Problem.

Benee: „Hey U X“ (Republic/ Universal Music)