Deutschland hat noch keine befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Umgang mit kolonialer Raubkunst gefunden. Während etwa der französische Präsident Emmanuel Macron in seiner Rede am 28. November 2017 in Ouagadougou in Burkina Faso als erster europäischer Politiker von Rang ein klares Bekenntnis zur Restitution abgab und die Rückgabe von Objekten aus französischen Museen nach Afrika binnen fünf Jahren ankündigte, vollziehen sich die deutschen Schritte allenfalls in homöopathischen Dosen.

Von der anfangs in der großen Koalition vollmundig angekündigten Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in den deutschen Museen (und darüber hinaus) blieb bisher nur die Schaffung einiger Stellen in den Museen selbst, auf denen erst einmal ein paar Jahre lang untersucht werden soll, welche Objekte überhaupt geraubt sind. So richtig und wichtig eine genaue Untersuchung der Erwerbsumstände eines jeden einzelnen Objektes ist, so verfehlt ist es, den Museen selbst die Durchforstung ihrer Bestände zu überlassen. Transparenz, Offenheit und Glaubwürdigkeit kann so nicht (zurück-)gewonnen werden, wenn die Hauptnutznießer des kolonialen Kunstraubes selbst (er)klären dürfen, was gestohlen wurde und was nicht. Schließlich lässt man auch nicht die Erben Gurlitts klären, was Raubkunst ist und was nicht. Von der Frage der Restitution ganz zu schweigen.

Eine kurze Geschichte der Benin Bronzen 

Der Eindruck, dass es hier um eine sehr kontrollierte Aufarbeitung gehen soll, gar um das Aussitzen des Problems, wird noch dadurch bekräftigt, dass auch bei den Objekten, deren Raubcharakter eindeutig ist, keine klaren Konsequenzen folgen. Der bedeutendste Fall sind hier die Benin-Bronzen, die wohl wertvollsten während der Zeit des Kolonialismus nach Europa verbrachten Kunstwerke Afrikas. 

1897 brach das Britische Empire einen Konflikt mit dem Edo Königreich im heutigen Nigeria vom Zaum und plünderte dessen Hauptstadt Benin-City in einer sogenannten „Strafexpedition“. Bis zu 4000 Kunstobjekte, darunter die weltberühmten Bronzegüsse, wurden teils ganz offiziell von der britischen Regierung verkauft, um die Kriegskosten zu begleichen, teils von einzelnen Soldaten geplündert. 

Ihr Auftauchen in Europa nur wenige Wochen später war eine Sensation, widerlegte ihre Existenz doch die kolonialistische und rassistische Ideologie von Afrika als dunklem, geschichts-, kultur- und kunstlosen Kontinent, wie sie etwa auch der Philosoph Hegel vertrat. Dass Afrikaner und Afrikanerinnen Kunst schufen, konnte fortan niemand mehr leugnen. 

Nigerianische Seite hat einem Rotationsverfahren zugestimmt

Umso schwerer wiegt, dass von diesen „Bronzen“ zwar Tausende in europäischen Museen (700 im Britischen Museum, knapp 600 im Berliner Ethnologischen Museum – und bald im Humboldt Forum-, aber etwa auch knapp 200 im Hamburger „Museum am Rothenbaum, Künste und Kulturen der Welt“ liegen, aber kaum welche in Benin City oder überhaupt in Nigeria zu sehen sind. Und das, obwohl es seit Jahren Forderungen nach Rückgabe gibt und eigentlich der Umstand ihres Erwerb, nämlich Raub aus Krieg und Plünderung, hinlänglich bekannt ist. Stattdessen werden sie auch in der permanenten Ausstellung im Humboldt-Forum einen sehr prominenten Platz einnehmen.

Statt die Richtung vorzugeben, hat die Politik es auch hier den Museen überlassen, in einem sogenannten „Benin-Dialog“ mit anderen europäischen Museen und nigerianischen Regierungsvertretern eine Lösung zu finden. Um überhaupt ihren Bürgern die Chance zu eröffnen, diese Kunstwerke jemals zu Gesicht zu bekommen, hat nun die nigerianische Seite zugestimmt, dass Museen aus Deutschland, Großbritannien, Österreich, den Niederlanden und Schweden einige der „Bronzen“ in einem Rotationsverfahren nach Nigeria ausleihen, in ein noch zu errichtendes Museum. Die europäischen Partner feiern dies als großen Fortschritt; allen voran die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die in der Vergangenheit unter Druck geraten war wegen der zögerlichen Aufarbeitung ihres immensen kolonialen Erbes. 

Die Politik schafft keine Rahmenbedingungen für den Dialog

Als einer der Träger des Humboldt-Forums befindet sich die SPK hier unter einem besonderen Legitimationsdruck, und der Fortschritt ist in mancherlei Hinsicht auch ein Rückschritt. Zwar erkennen die Museen implizit den problematischen Erwerbskontext an, versprechen aber nur, die gestohlenen Objekte an ihre ursprünglichen Eigentümer zu verleihen. Eigentlich blanker Hohn! Nicht die Nigerianer sollten die Bronzen ausleihen, sondern die Europäer von Nigeria, und in Berlin sollte ein Benin-Museum eingerichtet werden mit diesen Leihgaben, eventuell als Teil des Humboldt-Forums, um generell an den kolonialen Kunstraub zu erinnern, der Europas Museen füllte.

Dabei kann man den einzelnen Museen hier nicht einmal den größten Vorwurf machen. Viele können und dürfen nicht einfach restituieren, selbst wenn sie wollten. Es ist die Politik, die die Rahmenbedingungen nicht schafft, weder durch entsprechende Gesetze noch durch wegweisende Gesten. Allenfalls dass ein so mächtiger Zusammenschluss von europäischen Museen, wie er im Benin-Dialog vertreten ist, nicht mehr Druck auf die Politik ausübt, nicht mehr Öffentlichkeit herstellt, ja die übrige Zivilgesellschaft außen vor lässt, diesen Vorwurf kann man sehr wohl machen.