Sonntagskinder, so sagt die Sage, können zu Ostern die Glocken der versunkenen Stadt Vineta hören. Die Sage sagt nicht, wo. Jedenfalls nicht genau. An der Ostsee soll es sein. Im Bodden zwischen Barth und Zingst behaupten die einen, bei Koserow vor Usedom die andern, vor Wollin im Stettiner Haff die dritten. Wenn der Ort schon nicht klar ist, stimmt das mit den Sonntagskindern vielleicht auch nicht. Der Däne Bent Sørensen jedenfalls wurde am 18. Juli 1958 geboren. Das war ein Freitag. Die Glocken von Vineta aber hat er gehört.

Er konnte sogar aufschreiben, was er hörte: Glocken, Stimmen, Rufe, Fragen, Weinen – alles ohne Worte. „The Bells of Vineta“ ist ein kurzes Stück für Soloposaune. Der Spieler bläst, singt und seufzt in sein Instrument. Man sieht sie vor sich – die Menschen im Meer. Kulleräugig, kullerköpfig und kullermündig rufen sie. Uns aber erreicht durch das Wasser nichts als klingende Kullerblasen. Wir verstehen nichts und können nicht helfen. Es ist herzzerreißend.

„Die Einwohner können nicht sterben, und ihre Stadt geht nicht zugrunde“, sagt der pommersche Storch Herr Langbein zum kleinen Nils Holgerson in Selma Lagerlöfs Kinderbuch, durch das Bent Sørensen auf die Vineta-Sage stieß. Es ist ein typischer Sørensen-Stoff: Sehnsucht, Unerreichbarkeit, versunkene Anwesenheit, verborgene Gegenwart. Nichts kann der Mensch halten, alles zerrinnt. Und trotzdem ist nichts vorbei. Alles, was je war, umgibt uns als Schatten und Echo. „The Shadows of Silence“ ist der Titel eines Klavierstücks, inspiriert durch den Glockenklang im Hintergrund eines Telefongesprächs. Ins Verklingen mischen sich zwei tröstlich-traurige Takte aus Mozarts Klaviersonate KV 311. Kaum will man sie fassen, sind sie schon weg. An Mozart – ohne ihn zu zitieren – erinnert auch das Klarinettenkonzert „Serenidad“ in seiner bestürzenden Schönheit und Milde. „Gelassenheit“ bedeutet der spanische Titel. Es ist Musik, die mit widerstandsloser Weisheit hinnimmt, ihr Leben lassen zu müssen.

Im Juni 2013 wurde in Potsdam Sørensens Konzert für Violine, Akkordeon und Streicher mit dem Titel „It is Pain Flowing Slowly on a White Wall“ aufgeführt. Es umarmt die Hörer durch seinen Raumklang und inszeniert den Abschied als langsamen Auszug der Musiker aus dem Saal. Da waren Etliche fassungslos: Sie wollten bei den Festspielen Barockmusik hören, und dann traf sie dieses Stück eines dänischen Zeitgenossen so tief wie Mozart oder Bach – reihenweise rote Augen und zitternde Lippen im Publikum. Musik, die unerhört kunstvoll, bis ins Letzte ausgehört ist, aber sich nicht selbstbespiegelt in Material und Technik, sondern sich der Welt zuwendet in ihrer Schönheit und Schwermut zwischen unserem Geborenwerden und Sterbenmüssen.

Bent Sørensen ist, spätestens seit er 1996 für sein Violinkonzert „Sterbende Gärten“ den Musikpreis des Nordischen Rates bekam, in Skandinavien so angesehen wie Wolfgang Rihm in Mitteleuropa. Geboren wurde er in Borup, einem kleinen Ort auf der Insel Seeland, an der Bahnstrecke von Roskilde nach Ringsted. Lange hat er dort gelebt: in einem Bauernhaus, das einmal eine Scheune war, umgeben von einem alten Garten. „Viele Leute sagten mir: ,Das muss ja inspirierend sein“. Aber Inspiration kommt aus dem Innern. Es spielt kaum eine Rolle, wo du lebst. Ich suche überall nach Spuren meiner Musik und werde inspiriert von Dingen, die ihrerseits (ohne es zu wissen) schon inspiriert zu sein scheinen von meiner Musik“, erzählt Sørensen. Es fällt ihm leicht, über Musik zu sprechen: „Es ist sogar wichtig. Dadurch wächst die Inspiration. Das ist wie eine Therapie. Ich fange an, über meine Musik zu reden, und plötzlich sage oder denke ich etwas, das ich zuvor nicht gedacht hatte“.

Man kann am Donnerstag im Felleshus der Nordischen Botschaften erleben, wie Bent Sørensen über Musik spricht. Dann kommt er nämlich zu einer Podiumsdiskussion beim Festival „Nordlichter“, das der Cellist Marcus Hagemann wieder auf die Beine gestellt hat. Für das Stenhammar-Quartett und die Pianistin Katrine Gislinge entstand auch ein neues Stück, das bei der Nordischen Nacht des Festivals am Freitag im Radialsystem uraufgeführt wird: „Rosenbad – Papillons“. Ein sinnreich-verspielter Titel, denn „Rosenbad“ ist ein Schloss in Karen Blixens letzter Erzählung „Ehrengard“, „Papillons“ jedoch ein früher Klavierzyklus von Robert Schumann, genau aus jener Zeit, in der Blixens erotische Erzählung spielt. Schumann und Blixen eint die virtuose Artistik einer Form als Kaleidoskop, in dem das Schicksal der Figuren funkelt.

Kaleidoskopisch ist auch die Form von Sørensens Stück. Denn „Rosenbad – Papillons“ gehört zu einer „Papillons“-Trilogie mit zwei weiteren „Schmetterlings“-Werken, deren Untertitel „Pantomime“ und „Mignon“ lauten. „Pantomime“ kombiniert das Klavier mit einem Kammerensemble, „Mignon“ mit einem Streichorchester. In allen drei Werken ist der Klavierpart jeweils derselbe, aber die Abfolge der sieben Sätze ändert sich und die Umgebungsmusik auch. „Kinoartig“ nennt Sørensen dieses Verfahren – und zugleich erinnert es an das Figurenkarussell in den Klavierzyklen „Papillons“, „Carnaval“ und „Davidsbündlertänze“ von Robert Schumann.

Muss man sich für solch eine Nähe zu romantischem Denken heute nicht rechtfertigen? „Nein“, sagt Bent Sørensen. „Ich glaube an Romantik, aber ich denke darüber nicht nach. Im Jahr 2014 Musik mit einem Bleistift zu schreiben, ist doch selbst schon romantisch. Für mich ist Musik, meine Musik, Gefühl. Das mag manchen Leuten zu romantisch erscheinen. Aber ich kümmere mich nicht mehr sehr um die Meinung anderer. Es ist zu spät für mich, irgendetwas zu beweisen“.

Nicht als dänisch, sondern als nordisch oder gar europäisch empfindet sich Sørensen selbst. Aber seiner Musik, die avancierte Verfahren ebenso kennt wie sie sich tonaler Erinnerungen nicht schämt, merkt man an, dass sie von den ganzen Verheerungen Mitteleuropas, den unfruchtbaren Ideologisierungen der „Tradition“ und der „Avantgarde“ frei ist. Im Benedictus aus Sørensens „Fragmenten eines Requiems“ glaubt man, einen Raum zu betreten, in dem Tote und Lebende sich begegnen wie in der „Traumzeit“ singender Ureinwohner Australiens. Sørensens Musik überbrückt Schluchten der Existenz, die anders nicht zu überbrücken sind. Trotzdem bleibt der Schmerz des Abstands spürbar – solange das letzte, große Ostern noch nicht angebrochen ist.

Nordlichter-Festival: 27. Februar 2014, 19.30 Uhr, Diskussionskonzert in den Nordischen Botschaften, Rauchstraße 1. 28. Februar, 19 Uhr, Nordische Nacht im Radialsystem V, Holzmarktstraße 33. 1. März, 20 Uhr, Rias-Kammerchor, Philharmonie, Kammermusiksaal.