Es gibt sie noch, die Wunder, wenn es um Berlins Bauprojekte geht. Ein ehrgeiziges Ziel der Nationalgalerie ist glücklich erreicht. Etwas später, als geplant, auch um etliches teuerer. Aber es ist vollendet – und, wie jedermann sich ab diesem Wochenende überzeugen kann, grandios gelungen.

Picassos einen napoleonischen Hut tragender „Sitzender Harlekin“ von 1905 aus der Rosa Periode, sowie sein exklusives Kollegium geben aus diesem Anlass eine gänzlich unpäpstliche Audienz. Es wird gefeiert, dass der spätklassizistische Westliche Stülerbau an der Charlottenburger Schloßstraße, seit 1996 Standort des Museums Berggruen, nun den doppelten Ausstellungsplatz bekam. Die aus lauter ästhetischen Delikatessen und Moderne-Ikonen bestehende, 2000 an Berlin übertragene Kollektion des nach langem Exil zurückgekehrten Sammlers Heinz Berggruen (1914-2007) hat ein Zusatz-Domizil bekommen: Das strenge preußische Kommandantenhaus am Spandauer Damm. Die Architekten Kuehn Malvezzi verbanden im Auftrag der Staatlichen Museen beide historischen Gebäude durch einen gläsernen Übergang mit Blick zum Garten.

Auf 1250 Quadratmetern Ausstellungsfläche und jeweils drei Etagen sind an hell und warm strahlenden Wänden und in Vitrinen nun die Werke der seit 1996 gezeigten Berggruen-Kollektion „Picasso und seine Zeit“ zu sehen. Außerdem – das ist das Sensationelle – erlesene Dauer-Leihgaben der Familie des Mäzens.

Erlesene Dauer-Leihgaben

Diesen „Nachschlag“ hatte der greise Heinz Berggruen noch vor seinem Tod mit Berlin und den Staatlichen Museen vereinbart – seine Erben lösen das Versprechen ein. Was jetzt an Bildern von Picasso und Cézanne, Klee und Matisse aus den Privaträumen der Familie dazu gekommen ist, das hat die Welt so noch nicht gesehen. Der Name Berggruen und Berlins Museumslandschaft werden somit für immer eins. Dies dürfte auch als Leitgedanke des Kulturstaatsministers Bernd Neumann durchschimmern, wenn er heute Abend die Eröffnungsrede hält.

Der erweiterte Museumskomplex ist also gleichsam Heinz Berggruens erneuertes Vermächtnis: Die Stadt, aus der der nichtreligiöse Wilmersdorfer Jude 1936 vor den Nazis nach Amerika emigrierte und nach dem Krieg in Paris lebte, bekam sein ganzes sammlerisches Lebenswerk: 167 Arbeiten wurden im Jahr 2000 für die Nationalgalerie erworben. Berggruen gab die Schätze damals weit unter Wert ab – für 126 Millionen. Zu teuer, sagten Kritiker, die sich wohl eine reine Schenkung eingebildet hatten, eine Morgengabe, meinten andere beglückt. Aber ohnehin sind die einzigartigen Werke der markantesten Künstler der Klassischen Moderne nicht als Summe zu beziffern.

Die Eröffnungsschau des Doppelmuseums konzentriert sich auf sechs aus der Premiumklasse der Avantgarde: Pablo Picasso und Georges Braque, Paul Cézanne und Paul Klee, Henri Matisse und Alberto Giacometti. Sparsam, luftig, teils thematisch, teils chronologisch und auch im gelungenen ästhetischen und zeitgenössischen Dialog sind die Werke dieser sechs Evangelisten der Moderne arrangiert. Später, erklärt Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann enthusiastisch, kämen bei Wechselausstellungen weitere Zeitgenossen dazu. Henri Laurens etwa. Und Vincent van Gogh.

Giacomettis bronzene „Große Stehende“

Giacomettis bronzene „Große Stehende“ im Entree des Stülerbaus lenkt den Blick hinüber in die neuen Räume. Die Sichtachse durch die sachliche gläserne Galerie, von der aus man in den großen Museumsgarten schauen kann, führt wiederum zu Giacomettis ausgedünnten existenzialistischen Figuren: große und winzige Menschlein, eine Katze, deren Körper mit Schwanz zum Strich reduziert ist. Dieser Künstler, den Berggruen neben Picasso und Klee besonders liebte, wollte mit seinen Gebilden das Flüchtige fangen, es festhalten. Ein Suchender, wie der Sammler selbst auch einer war.

Wie im alten scheint auch im dazu gekommenen Ausstellungshaus das Prinzip des Kubismus angewandt: Viele Blickwinkel statt nur einer Perspektive. Das Von-allen-Seiten-Betrachten der Werke offenbart auch, was gar nicht zu sehen ist, man sich aber gut vorstellen kann. Hier wird Kunstgeschichte erzählt und zugleich von einer so intimen wie entgrenzt weitsichtigen Sammlerleidenschaft. Staunend über sich selber konstruiert man etwa vor seinem geistigen Auge eine Picasso’sche Bassgeige aus ihrem Gehäuse oder eine Gitarre aus den wie schneckenhaft geschwungenen Bildformen heraus. Sogar aus einer Tischplatte mit Zeitung. Raum, Körper Gegenstände lösen sich auf in einzelne Flächen und Formen. Und setzen sich, wie bei einem Puzzle, wundersam wieder zusammen.

Raum, Körper Gegenstände lösen sich auf

Alles ist frei komponiert. Picasso etwa legte die Köpfe an wie bei den Alten Ägyptern: im Profil oder frontal, die Nasen indes von der Seite, und die Augen sitzen an falscher Stelle. Sämtliche Perioden des Spaniers, von der Blauen über die kubistische bis zur späten, sind in diesem Museum durch Haupt-und „Neben“-Bilder aufgetan. Formfindung und -zertrümmerung, Erotik und Mystik, Geschlechterkampf und die Tragik des Alterns sprechen aus den Flächen. Matisse entwickelt vor unseren Augen in Farbharmonie sein genial vereinfachendes „System parallel zur Natur“. Und der Magier und Poet Klee, zelebriert auf zwei Etagen des neuen Hauses: ein Zaubergarten, in dem Kunst zum Gleichnis für die Schöpfung wird.

Heinz Berggruen, unlängt absurderweise von Kritikern postum bezeichnet als Kunstspekulant, machte dieses Berliner Panorama einer prägenden Kunstära erst möglich, und nach seinem Tod auch noch seine Familie, die Ehefrau, die vier Kinder. Wer sich davon überzeugen will, muss nach Berlin. Hier gibt es nicht bloß Pleiten, Pech und Pannen. Dies als frohe Botschaft an die Kunstwelt.

Mehr dazu am Samstag im Wochenend-Magazin S. 6/7
Das erweiterte Museum Berggruen, Schloßstr. 1 (Charlottenburg) lädt zu den Tagen der offen Tür am 16. und 17. März, je 10 – 18 Uhr. Ab 19. März haben beide Häuser von Di–So 10–18 Uhr geöffnet.