In der Nacht zum 26. Juli 2020 wurde im Volkspark Hasenheide eine illegale Party von der Polizei geräumt.
Foto: Morris Pudwell

Berlin, die Club-Hauptstadt, hat in der Corona-Krise ein neues Problem: illegale Open-Airs. Seit Wochen schon finden sie in den großen Parkanlagen statt, immer wieder löst die Polizei sie auf. Am Sonnabend in der Hasenheide wuchs die Teilnehmerzahl auf mehrere Tausend an. Ist es richtig, dass solche Partys verboten sind?

CONTRA: Berlin doesn't ❤ you! 

Von Tomasz Kurianowicz

Seit Jahrzehnten schon tobt ein Streit zwischen Ravern und Nicht-Ravern, der sich an der Frage entzündet, ob die Techno-Szene Teil einer politischen Protestkultur sei. Die meisten Technobegeisterten sind sich einig und antworten beherzt mit: „Ja ❤!“ Sie verweisen gerne auf die legendären Partys im Nach-Wende-Berlin, die Loveparade, die Bar 25, die sommerlichen Fusion-Festivals, das Berghain, und mahnen an, dass nicht nur die Hamburger Schule und der HipHop Ausdruck von Gesellschaftskritik seien, sondern eben auch Techno mit seinem impliziten Widerstandsgewumme. Die Botschaft dahinter: „Love and Peace for all!“

Spätestens seit der an Zynismus nicht mehr zu überbietenden Gummiboot-Demo vor dem Urban-Krankenhaus von Ende Mai muss man diese These stark bezweifeln. Spätestens da haben sich Teile der Berliner Partyszene als medizinische Analphabeten entblößt, die in ihrer Ignoranz gegenüber der Infektionsgefahr zu vergleichen wären mit aluhuttragenden Virusleugnern. Die Raver, die sich jedes Wochenende in der Hasenheide treffen, um Liebe und Freiheit zu feiern, bestätigen das Negativ-Klischee in ihrem vermeintlichen Protest gegen coronabedingte Hygienemaßnahmen. Sie tun nicht nur den Clubbesitzern keinen Gefallen (Stichwort: Imageschaden), sie laufen auch Gefahr, die Deutungshoheit über die Elektro-Kultur genau jenen Spießern zu überlassen, die in ihren Beats nichts anderes erkennen als systembejahenden Wodka-und-Koks-Hedonismus.

Fakt ist: Die Partys sind die blamablen Rituale einer Scheiß-egal-Gesellschaft. Wenn in den Krawallen in Stuttgart und Frankfurt am Main noch ein Protest, eine aufgestaute Unzufriedenheit von minderbemittelten Jugendlichen erkannt werden kann, ist das bei den Partygängern von der Hasenheide anders. Die illegalen Raves werden von gelangweilten „rich kids“ angeführt, wohlbetuchten Australiern, Amerikanern und Kreuzköllnern, denen es schlicht nicht in den Kram passt, dass ihr Berliner Feier-Sommer von der Pandemie unterwandert wird. Man ist ja schließlich nur einmal jung – Coronavirus hin oder her!

Nach der illegalen Partynacht im Volkspark Hasenheide vom 26. Juli 2020 blieben leere Bierflaschen und Müll übrig.
Foto: Pudwell

Aber es kommt noch schlimmer. Die Massenaufläufe in der Hasenheide beweisen in ihrer Symbolkraft nicht nur ein peinliches, sondern auch noch ein gefährliches Timing. Denn ausgerechnet jetzt gehen die Infektionszahlen wieder hoch. Ausgerechnet jetzt warnen Virologen davor, dass sich das Virus flächendeckend ausbreitet und Lokalpolitiker erneut dazu zwingen könnte, harte Lockdown-Maßnahmen durchzusetzen. Das würde am Ende nicht nur der Clubkultur schaden, sondern allen Gaststätten- und Bar-Betreibern, also der Berliner Wirtschaft insgesamt. Damit wären die Partys nicht nur medizinisch gefährlich, sondern auch menschlich unsolidarisch und ökonomisch desaströs. 

Dabei hat der Berliner Senat bewiesen, dass eine Balance zwischen persönlicher Begrenzung und gesellschaftlicher Freiheit durchaus gelingen kann, wenn sich alle, wirklich alle an die Mindestregeln halten. Umso trostloser wäre es, wenn ausgerechnet illegale Partys im alternativen, politisch links einzuordnenden Kreuzkölln als Grenzverletzung in die Geschichte eingehen würden, an der alle Berliner anschließend zu leiden hätten. Dann würde sich der Leitspruch der Partyszene von ‚Love and Peace for all‘ umkehren in ein zynisches ‚Corona and Lockdown for all‘.

Die Botschaft muss ankommen: Ein verlorener Party-Sommer ist keine Tragödie, ein ausgelassener Rave keine Schande fürs Tagebuch. Schluss mit der Angst, irgendetwas zu verpassen. Es wird Zeit, dass die Partyszene das Coronavirus akzeptiert und, statt illegal zu tanzen, den Senat belagert und nach einer legalen Alternative verlangt. Man möge bedenken: Wenn schon Donald Trump anfängt, eine Maske zu tragen und Hygienemaßnahmen einzuhalten, sollte die Berliner Party-Szene erst recht keinen Widerstand mehr leisten.

PRO: Es muss gefeiert werden, gerade jetzt, gerade in Berlin 

Von Annika Leister

Es muss gefeiert werden, gerade jetzt, gerade in Berlin. 3,7 Millionen Menschen leben hier, das Durchschnittsalter beträgt nur 42,6 Jahre. Berlin ist damit eines der Bundesländer mit der jüngsten Bevölkerung. Viele aus dieser Gruppe sind Singles und genießen nicht das Privileg einer geräumigen Wohnung mit Sonnenbalkon in Prenzlauer Berg. Die Isolation in der Corona-Krise hat auch sie hart getroffen.

Plötzlich wird die Welt wieder – virus-konservativ – nach Familien und Haushalten eingeteilt. Wem aber die Freunde Familie sind, wem der Verein, das Spreeufer, die Kneipe oder der Club das Wohnzimmer ist, der wird in dieser Welt schnell einsam.

Über ihre Probleme diskutierte die Politik nur wenig. Und dachte gar nicht über kreative, coronakonforme Alternativen für ihr soziales Leben nach. Das rächt sich jetzt. Doch geschimpft wird nicht über den Senat, es ist genau umgekehrt: Der schimpft jetzt, wie Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Montag, über „die Partyexzesse“ und droht mit hohen Bußgeldern. „Ich verstehe diese Menschen nicht“, sagte Kalayci, und: „Pandemiezeit ist keine Partyzeit.“ Abgehakt.

Wie praktisch für Kalayci, wie wenig hilfreich für den Diskurs. Und wie fatal für die Virusbekämpfung in der Hauptstadt. Denn nur weil Kalayci nichts versteht, werden die illegalen Partys nicht aufhören. Mit strengeren Strafen werden sie sich nur weiter ins Verborgene zurückziehen – und damit noch unkontrollierbarer werden.

Die Menschen auf der Straße verstehen nämlich inzwischen einiges: Sie verstehen, dass Corona uns noch sehr lange begleiten wird. Dass Impfstoff und Immunität Hoffnungen, aber keine verlässlichen Heilsbringer sind. Dass sie die von der Politik ausgerufene „neue Normalität“ austesten und ihren eigenen Umgang mit den Regeln finden müssen. Das ist gut. Auch das macht mündige Bürger aus.

Und jetzt ist zum Austesten, auch zum Durchatmen die beste Zeit. Das Leben findet gerade draußen statt, die Zahl der Neuinfektionen ist niedrig. 215 hat Berlin in der gesamten vergangenen Woche laut Kalayci verzeichnet. Clubs waren zu Beginn der Pandemie Hotspots, bei Open-Air-Veranstaltungen scheint die Lage aber eine andere zu sein: Weder der 1. Mai noch die viel gescholtene Bootsdemonstration auf dem Landwehrkanal oder die Black-Lives-Matter-Demo mit mehr als 15.000 Teilnehmern zogen größere, nachvollziehbare Infektionsketten in der Stadt nach sich.

Offiziell sind laut Corona-Verordnung des Senats ohnehin schon jetzt Veranstaltungen mit bis zu 1000 Menschen erlaubt. Während in anderen Städten schon seit Wochen wieder Open-Air-Konzerte auf Abstand in dieser Größenordnung stattfinden, wird hier großflächig gezögert und gezaudert. Nun bekundet der Senat vollmundig, man wolle legale Open Airs vereinfachen, unbedingt noch diesen Sommer. Er weiß aber auch genau, dass er dafür zu spät dran und auf die Bezirke angewiesen ist – von denen sich viele nach wie vor sperren.

So widerspricht der rot-rot-grüne Senat sich in vielen Punkten selbst, stößt die jungen Bewohner Berlins vor den Kopf und verweigert den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Stadt nicht nur eine Perspektive, sondern das Überleben. Will er seine Glaubwürdigkeit retten und Kontrolle bewahren, dann müssen rasch Konzepte und Spots für Open Airs her. Je mehr Party-Möglichkeiten, desto besser – nur dann nämlich lässt sich der Ansturm lenken und entzerren.