Bericht über das Digitalmusikfestival CTM: Nicht ganz so futuristisch wie oft behauptet

Berlin - Auch am Wochenende bot das Digitalmusikfestival CTM, der 2018 unter dem Titel „Turmoil“, zu deutsch „Aufruhr“ stehende musikalische Ableger des Medienkunstfestivals Transmediale, weiter eine Vielzahl an Aufführungen, Diskussionen und Installationen, die sich mit künstlicher Intelligenz befassten.

Wie allen Kennern von Laptop-Geschnurpsel-Musik bewusst ist, enthält diese seit langem Elemente künstlicher Intelligenz: der schnurpselnde Laptopkünstler kann sich etwa in einem Programm wie Max sogenannte Patches programmieren, in die sich dann akustische Signale hineinsenden lassen, welche von den Patches wiederum mit mehr oder weniger Autonomie verfremdet und zerlegt werden.

Interessant daran ist, dass das resultierende Klangspektrum trotz der Möglichkeit, jeden erdenklichen Klang zu prozessieren, oft ein wenig ähnlich zu klingen scheint – jedenfalls schallt mir seit 15 Jahren, während derer ich derlei Darbietungen besuche, fast immer ein sehr vertrautes Wabern und Rauschen entgegen, das gerne mal von ach-so-harschem digitalen Bollern, Sägen oder Fiep-Klicken unterbrochen wird. Schön ist das allemal, aber vielleicht nicht ganz so futuristisch wie oft behauptet.

Wie die digitale Idee einer Farfisa-Orgel

So auch am Freitagabend im HAU1, wo zunächst der Kölner Musiker und Komponist Marcus Schmickler – in den 90ern schon unter dem Namen Pluramon durch erhabene Postrock-Elektronik aufgefallen – sowie der in Düsseldorf lehrende Digitalkünstler, -philosoph und -programmierer Julian Rohrhuber an zwei MacBooks eine Performance absolvierten, die auf dem Konzept des Mind Reader fußte.

In den 50er Jahren entwickelt, war Mind Reader ein primitiver Computer, der im Verlauf eines Schnick-Schnack-Schnuck-Spiels mit einem humanoiden Partner dessen Spielzüge zu antizipieren suchte. Das Resultat im HAU klang wie die digitale Idee einer Farfisa-Orgel, die ein, zwei spielautomatenhafte Triolenläufe spielte und dabei von Pitch-, Glissando- und Effekten unterbrochen wurde.

Danach erschienen George Lewis und Roscoe Mitchell, um live improvisierte Bläserklänge in einen Dialog mit Software zu bringen. Beide sind frühe Mitglieder der Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM), die seit den 60er-Jahren Musiker am äußeren Rand von Jazz und freier Improvisation fördert. Lewis, ursprünglich Posaunist, entwickelte bereits in den 80ern mit dem Programm Voyager, das dem Auftritt im HAU auch den Titel gab eine Art frühe Version des eingangs erwähnten Max, Mitchell, Saxofonist, war Mitgründer des legendären Art Ensemble of Chicago.

Altmodische und eindeutig menschlich

Mitchells zunächst fein gesetzten Free-Jazz-Figuren wurden komplexer und veranlasste den Voyager in Lewis’ Laptop zu angenehmen Rauschen und Gurgeln, ein Klangbild, wie wenn man mit leicht unruhigem Magen an einem Autohof Rast macht. Die flexiblere Interaktion kam dann aber doch eher von menschlicher Seite – schließlich gehören Mitchell und Lewis zu den versiertesten freien Improvisatoren, die wir kennen, und das merkte man auch.

James Ferraros dystopische Video-Musik-Theater-Performance „Plague“ im HKW hingegen war eher unbeholfen, die Idee böser Computer, die in naher Zukunft die Herrschaft übernehmen, wurde durch an Schrottskulpturen von Hippiefestivals erinnernde Visuals, 80er-Jahre-MIDI-Sounds und schlechte Schauspielerei vermittelt.

Wer heutzutage die sinistre Seite künstlicher Intelligenz darstellen will, sollte auf derlei altmodische und eindeutig menschliche Maschinendarstellungen verzichten, sondern umgekehrt einfach Bilder von uns allen zeigen: Menschen, die ein Smartphone benutzen.