Wer ist Beate Zschäpe? Nicht nur das Münchner Oberlandesgericht versucht seit nunmehr zweieinhalb Jahren, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Auch Journalisten rätseln seit dem Auffliegen vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ vor fast vier Jahren über die Persönlichkeit der heute 40-Jährigen, die mit ihren verstorbenen Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt das Kerntrio der rechten Terrortruppe gebildet haben soll.

Trotz tausender Artikel ist das mediale Bild von Beate Zschäpe nur ein Zerrbild geblieben, eine Melange aus Fakten und Spekulation. Was zuvorderst am Subjekt der Berichterstattung liegt – seit ihrer Festnahme und auch vor Gericht schweigt Zschäpe eisern, nie hat sie sich schriftlich geäußert, weder zu ihrem Leben im Untergrund noch zu den ihr vorgeworfenen Taten.

Und so greifen die Medien einerseits auf die Aussagen der wenigen Zeugen zurück, Nachbarn aus Zwickau und Urlaubsbekanntschaften zumeist, die Zschäpe nach ihrem Untertauchen 1998 kennenlernten. Andererseits wird versucht, jede Geste und jedes Mienenspiel der Angeklagten im Gerichtssaal zu deuten, aus Frisur und Kleidung auf Psyche und Geist zu schließen.

Zwei maßgebliche Darstellungsweisen von Zschäpe

Die Berliner Soziologin Charlie Kaufhold, Autorin am Feministischen Institut in Hamburg, hat die NSU-Berichterstattung unter einem speziellen Gesichtspunkt analysiert. Ihr geht es darum, welche Bedeutung es für die Medien hat, dass Zschäpe eine Frau ist – also welche „vergeschlechtlichten Bilder“ vermittelt werden und welche Effekte dies auf die Gesellschaft hat.

Dazu analysierte sie für ihre Abschlussarbeit im Studiengang Gender Studies an der Humboldt-Universität Artikel über Zschäpe. Kaufhold konzentrierte sich dabei auf Bild-Zeitung, taz, Süddeutsche Zeitung (SZ) und Spiegel online, und zwar in den Monaten November 2011, als der NSU aufflog, und Mai 2013, als der Münchner Prozess begann. Für die Zwischenzeit beschränkte sie sich auf Stichproben und zog auch andere Zeitungen heran.

Eine lesenswerte Essenz dieser Arbeit ist jetzt als Buch im Münsteraner Verlag Edition Assemblage erschienen. Es trägt den Titel „In guter Gesellschaft? Geschlecht, Schuld & Abwehr in der Berichterstattung über Beate Zschäpe“.

Kaufholds Fazit: Es gibt zwei maßgebliche Darstellungsweisen von Zschäpe, bei denen Geschlecht eine zentrale Rolle spielt – sie nennt sie dämonisierende und bagatellisierende Feminisierung. Die bagatellisierende Variante dominierte demnach am Anfang der Berichterstattung , als Zschäpe noch eher als Mitläuferin, Bettgespielin und Hausmütterchen des Trios dargestellt wurde. Später – und bis heute – überwiegt hingegen die Dämonisierung. Nun wird Zschäpe laut Kaufhold als deviant, also von der Norm abweichend, und als personifiziertes Böses gezeichnet.

Wie etwa in der Bild-Zeitung am Tag nach dem Prozessauftakt: „Der Teufel hat sich schick gemacht“, steht da in fetten Lettern auf Seite 1, daneben prangt ein Foto der Hauptangeklagten in schwarzem Hosenanzug und weißer Bluse. Mit dieser Bild-Text-Kombination „wird auf Zschäpes Weiblichkeit Bezug genommen, sie wird aber nicht als „normale“ Frau dargestellt, sondern als „Teufel““, schreibt Kaufhold. In anderen Artikeln ist von der „unheimlichen Nazi-Mörder-Braut“ die Rede, die „mit dem Killer im Bett“ liege, und davon, dass das Böse ein „Allerweltsgesicht“ habe, das der Angeklagten eben.

Wie auf einer Strandpromenade

Doch nicht nur der Boulevard stellt Zschäpes Körperlichkeit in seinen Artikeln in den Fokus, fand Kaufhold heraus. Auch taz, SZ, FAZ sowie Spiegel online beschreiben die Hauptangeklagte über ihr Äußeres, während die übrigen vier Angeklagten über ihre politischen Einstellungen charakterisiert werden. So konnte man nach dem Prozessauftakt 2013 lesen, wie Zschäpe lächelnd Kaugummi kaut, wie sie die Haare schüttelt, „als sei sie auf einer Strandpromenade“, wie sie „fast posend, mit einem Anflug von Koketterie“ ein paar Schritte macht. Bis heute spielt die Körperlichkeit eine wesentliche Rolle in den Berichten.

Kaufhold kommt anhand vieler Beispiele zu dem Schluss, dass Zschäpe durch die Verwendung feminisierter, sexualisierter, erotisierter Bilder eine „böse“ Weiblichkeit zugeschrieben werde. Immer wieder konstruierten die Medien dabei eine Gegenüberstellung von Norm und Devianz, bei der Zschäpe stets auf der Seite der Devianz, also der Normabweichung, stehe.

Der Effekt: Weil die „Nazi-Braut“ nicht dazu gehöre, könne die Dominanzgesellschaft, die Kaufhold als deutsch, weiß und nicht jüdisch definiert, Schuldgefühle aus ihrem Bewusstsein ausschließen. Damit werden der gesellschaftlichen Mehrheit Möglichkeiten geschaffen, „eigene Schuld und Mitverantwortung für … rassistische Strukturen in Deutschland abzuwehren … (und) eigenen Rassismus zu verneinen“.