Welket Bungué in dem deutschen Wettbewerbsbeitrag  „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani
Foto: Sommerhaus Filmproduktion

Berlin - Bevor die   Pressekonferenz  begann, stellte sich die künstlerische Leitung der 70. Berlinale zum Gruppenfoto auf. Es dauerte ein bisschen, ehe die 21 Frauen und Männer, die die verschiedenen Sektionen vertreten, ihren Platz auf dem Podium gefunden hatten. Das Gipfeltreffen der B 21, wie man es nennen könnte, besaß Symbolwert. Immer wieder kam der neue Festival-Direktor Carlo Chatrian bei dem traditionellen Termin im Haus der Bundespressekonferenz am Mittwoch in Berlin auf die Idee des Kollektivs zurück. Der Film sei ein kollektives Medium, geschaffen für ein Kollektiv von Zuschauern, in dem freilich jeder einzelne seinen ganz persönlichen Zugang zu dem Gesehenen finden werde.

Das Leitungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian
AFP/Odd Andersen

Nach ein paar schönen Worten zum Geleit ging es dann ohne große Umstände hinein in das Programm des diesjährigen Wettbewerbs, dessen Bekanntgabe sich das neue Leitungsduo aus Mariette Rissenbeek  und Carlo Chatrian für diesen Tag  aufgespart hatte. Da zuvor  wirklich nichts durchgesickert war, hatte die Bekanntgabe der Bärenkandidaten tatsächlich Neuigkeitswert. Wo also anfangen? Am besten am Anfang. Der erste Film im Wettbewerb der Jubiläumsberlinale hätte treffender kaum ausgewählt sein können.

Berlinale-Film „Undine“: Die unheilvolle Wasserfrau

Die deutsch-niederländische Produktion „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani („Shahada“, „Wir sind jung, wir sind stark“) bietet eine    Adaption des Romanklassikers von Alfred Döblin, in der das Geschehen aus dem Berlin des Jahres 1929 in die Gegenwart verlagert wird. Die Hauptrolle spielt Welket Bungué aus Guinea-Bissau, dessen Filmfigur sich als  Flüchtling im kriminellen Milieu Berlins zu verlieren droht. Und auch der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag spielt in Berlin. Christian Petzold, praktisch ein Hausregisseur der Berlinale, konkurriert in diesem Jahr  bereits zum fünften Mal um einen Berlinale-Bären. Seine „Undine“ orientiert sich frei am Mythos um die unheilvolle Wasserfrau, wobei auch Petzold die Geschichte in die heutige Zeit transformiert.

Paula Beer und Franz Rogowski in Christian Petzolds „Undine“
Christian Schulz

Die  Historikerin Undine arbeitet im Senat für Stadtentwicklung und bietet Stadtführungen an. Als sich ihr Freund von ihr trennen will, wird die  junge Frau von dem Fluch eingeholt, ihn töten zu müssen. Wie schon in Petzolds Seghers-Adaption „Transit“ vor zwei Jahren verkörpern Paula Beer und Franz Rogowski die tragenden Rollen in dem Spiel.  Die andere Lieblingsschaupielerin   des Regisseurs, Nina Hoss, ist in dem Schweizer Beitrag „Schwesterlein“ zu sehen, einem ebenfalls größtenteils in Berlin spielenden Künstlerdrama um eine  Theaterautorin und ihren exzentrischen, an Leukämie erkrankten Zwillingsbruder, der von Lars Eidinger gespielt wird. Thomas Ostermeier macht in diesem Film von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond die Schaubühnenfamilie komplett.

Javier Bardem und Salma Hayek werden bei der Berlinale erwartet

Bevor es mit dem Wettbewerb weitergeht, den Carlo Chatrian zügig abspulte, ohne dabei persönliche Präferenzen erahnen zu lassen, noch ein wenig Statistik. Insgesamt haben die Filmscouts in diesem Jahr 6800 Beiträge gesichtet, aus denen sich  schließlich 18 Bären-Anwärter herauskristallisierten. Mit 340 statt zuletzt 400 Filmen ist das Angebot etwas schmaler als bisher, was den Kritikern von Dieter Kosslick gefallen müsste, die den abgelösten Direktor für die sukzessive  Aufblähung und Eventisierung des Festivals haftbar machten. Für Chatrian und seine  das Geschäftliche verantwortende Leitungspartnerin Mariette Rissenbeek liegt der Schwerpunkt nicht auf dem roten Teppich, so viel lässt sich jetzt schon sagen. Auf die Frage, welche Gäste denn so  zu erwarten seien, sagte Chatrian schmallippig: die Filmemacher.  

Schließlich ließ er sich noch die Namen Javier Bardem, Salma Hayek, Elle Fanning   und Willem Dafoe  entlocken. Über das weitere Programm lässt sich von der Papierform naturgemäß noch nicht viel sagen. Interessant dürfte eine Auskopplung aus dem vieldiskutierten DAU-Projekt des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky sein. Während  „Natasha“ als Spielfilm angekündigt wurde, läuft die Dokumentation „DAU-Degeneratsia“ als Berlinale-Special im Haus der Berliner Festspiele.

Neben Berlinale-Debütanten, etwa aus Kambodscha oder dem Iran, sind etliche Rückkehrer annonciert: So zeigen die Britin Sally Potter „The Roads Not Taken“, der Koreaner Hong Sangsoo „The Woman Who Ran“ und der US-Amerikaner Abel Ferrara „Siberia“. Ein Motto gibt es in diesem Jahr nicht. „Brauchen Sie ein Motto?“, fragte Chatrian in die Runde. „Wenn die eher dunklen Farben überwiegen, mag das daran liegen, dass die von uns ausgewählten Filme eher illusionslos auf die Gegenwart blicken, nicht weil sie Schrecken verbreiten, sondern weil sie uns die Augen öffnen wollen.“ 

Die 18 Filme des Berlinale-Wettbewerbs

  • Berlin Alexanderplatz
    Deutschland / Niederlande
    von Burhan Qurbani
  • DAU. Natasha
    Deutschland / Ukraine / Vereinigtes Königreich / Russische Föderation
    von Ilya Khrzhanovskiy, Jekaterina Oertel
  • Domangchin yeoja (The Woman Who Ran)
    Republik Korea
    von Hong Sangsoo
  • Effacer l'historique (Delete History)
    Frankreich / Belgien
    von Benoît Delépine, Gustave Kervern
  • El prófugo (The Intruder)
    Argentinien / Mexiko
    von Natalia Meta
  • Favolacce (Bad Tales)
    Italien / Schweiz
    von Damiano & Fabio D‘Innocenzo
  • First Cow
    USA
    von Kelly Reichardt
  • Irradiés (Irradiated)
    Frankreich / Kambodscha
    von Rithy Panh
    Dokumentarische Form
  • Le sel des larmes (The Salt of Tears)
    Frankreich / Schweiz
    von Philippe Garrel
  • Never Rarely Sometimes Always
    USA
    von Eliza Hittman
  • Rizi (Days)
    Taiwan
    von Tsai Ming-Liang
  • The Roads Not Taken
    Vereinigtes Königreich
    von Sally Potter
  • Schwesterlein (My Little Sister)
    Schweiz
    von Stéphanie Chuat, Véronique Reymond
  • Sheytan vojud nadarad (There Is No Evil)
    Deutschland / Tschechische Republik / Iran
    von Mohammad Rasoulof
  • Siberia
    Italien / Deutschland / Mexiko
    von Abel Ferrara
  • Todos os mortos (All the Dead Ones)
    Brasilien / Frankreich
    von Caetano Gotardo, Marco Dutra
  • Undine
    Deutschland / Frankreich
    von Christian Petzold
  • Volevo nascondermi (Hidden Away)
    Italien
    von Giorgio Diritti