Berlin - Die schiere Masse an Kunst erschlägt einen fast. Aber gerade so wird der Kunst-Rhythmus der Stadt spürbar, als Energiequelle für Kreativität, das seit 30 Jahren zitierte, nicht zu unterschätzende Kapital Berlins.

Die Künstlerinnen und Künstler kommen von überall her zur Berlin Art Week 

Wie es aussieht, bleibt bei dieser achten Berlin Art Week kaum ein Fleckchen der Stadt unberührt. Von Gegenwartskunst wohlgemerkt, selten lukullisch, dafür zumeist von gesellschaftspolitischer Relevanz, konzeptuell oft, komplex, diskursiv, an der Grenze zu anderen Disziplinen und Medien. Zudem mit Theorien untersetzt, gar überlagert.

Zeitgenössische Kunst ist eben nicht mehr beim bloßen Flanieren zu konsumieren. Interaktion mit dem Publikum ist gefordert, das kann auch anstrengend sein. Junge Kunst will zumeist nicht mehr die Verbeugung vor dem Genie. Sie entsteht projektbezogen, oft im Team, sie möchte herausfordern, sucht Augenhöhe mit Betrachtern.

So jedenfalls ticken in der Mehrzahl Künstlerinnen und Künstler, die von hier stammen oder aber aus allen Richtungen der Windrose nach Berlin gekommen sind – auf Zeit, für ein paar Jahre. Für immer.

Mauerfall und Zukunftsplanung sind bei der Art Week Thema Nummer eins 

Kultursenator Klaus Lederer betont denn auch zum Auftakt die „gesellschaftliche Relevanz“, den „Umgang der Stadtgesellschaft“ mit ihrem sich so rasant verändernden Stadtraum und den Einwohnern seit dem Fall der Mauer. Die Veranstalter – die senatseigene Kulturprojekte GmbH, Galerienvereinigungen, 17 Museen und Kunstinstitutionen, 20 Projekträume, 15 inzwischen in Berlin angesiedelte Privatsammlungen mit zumeist eigenen, für den öffentlichen Publikumsverkehr offenen Häusern und musealen Ausstellungen, dazu die Messen Art Berlin und Position mit 200 beteiligten Galerien aus aller Welt – haben sich auf einen Nenner geeinigt: Gemeinsam Hürden zur zeitgenössischen Kunst abzubauen. Kunst soll, das ist der Ehrgeiz, als selbstverständliches, demokratisches „Lebensmittel“ in den Köpfen eines breiteren Publikums verankert werden. Dies eben nicht als Zuwendung an Eliten, auch nicht als Sahnehäubchen auf der Torte.

In Einzel- und Gruppen-Ausstellungen bekannter Künstlerinnen und Künstler, Projekten im öffentlichen Raum, wie etwa dem spannenden, kollektiv orientierten Zukunftslabor „Statista“ im derzeit noch der Generalsanierung harrenden Haus der Statistik nahe dem Alexanderplatz, werden Mauerfall und Zukunftsplanungen mit breiter Partizipation zum Thema Nummer eins.

Bei der Art Week ist das Potenzial der Künstler gebündelt 

Vor etlichen Jahren noch gab es, auch in dieser Zeitung, mannigfache Kritik an der Tatsache, dass die Kunstkräfte unserer Stadt viel zu wenig miteinander kommunizieren, dass jeder lieber seins machte, Termine selten abgesprochen wurden, dadurch Energien verpufften.

Diese Zeiten sind vorbei, wie man an dieser Art Week sehen kann. Das Potenzial wird gebündelt, der Kunst-Auftritt wirkt geradezu flächendeckend, die Kulturpolitik stellt sich sogar voran – die Senatsverwaltung für Kultur und Europa sowie die für Wirtschaft, Energie und Betriebe mit der Gasag als Mäzen.

Auch Fragen zur Stadtentwicklung dominieren die Art Week 

Gefördert werden diesmal mit 37.000 Euro 20 Projekträume, Geld für die nicht etablierte Kunstszene. An allen 20 Orten (www.projektraeume-berlin.net) wird ausgestellt. Und: Es gebe innerhalb aller Kunstkräfte eine spürbare Verständigung darüber, so betont Kultursenator Lederer, „dass wir mit der zeitgenössischen Kunst viel mehr Leute erreichen können.“ Er meint damit alle Altersklassen, deren Neugier, Interesse. Und die Akzeptanz.

So viel wie nie zuvor auf einer der allherbstlichen Art Weeks dominieren Fragen und Ideen zu Stadtentwicklung, zum Erhalt kultureller Freiräume das Programm. Letzteres wird gefördert mit dem VBKI-Preis der Berliner Galerien. Vier junge Galerien stehen auf der Short-List, der Sieger wird mit 10.000 Euro bedacht. Und drei weitere Preisverleihungen markieren nach den Jury-Entscheidungen Berlins Kunstwoche: der Project Space Award, der Berlin Art Prize und der Preis der Nationalgalerie für jungen Kunst.

Die zahllosen Ausstellungen bilden den Kern der Berlin Art Week 

Selbstredend stehen im Mittelpunkt der Art Week traditionell die beiden Messen art berlin (mit dem Partner Koelnmesse) sowie Positions Berlin Art Fair auf dem Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens (ab 12. bis 15. September in den Hangars 5 und 6, Informationen: artberlinfair.com und www.positions.de).

An diesem atmosphärisch so besonderen Ort erwartet das Publikum ein – vom Land allerdings finanziell nicht geförderter – anspruchsvoller Kunst-Markt mit neuesten Produktionen aus internationalen, nationalen und regionalen Ateliers und Werkstätten. Art-Berlin-Chefin Maike Cruse verrät schon mal so viel: Man habe sich Messeformate ausgedacht, die jungen Galerien eine günstige Plattform statt der teureren Kojen bieten und zudem junge Sammler, gerade Anfänger mit kleinem Budget, anziehen. Etwa einen „Salon“-Bereich mit kleinen Flächen und Ständen zu Sonderkonditionen.

Und ebenso bilden die zahllosen Ausstellungen in Berliner Museen, sämtlichen Kunstinstitutionen, kommunalen und kommerziellen Galerien den Kern dieser Art Week. Allen voran beginnt am 12. September im Martin-Gropius-Bau, Haus der Berliner Festspiele, „Walking Through Walls“. Diese Schau an einem Ort, vor dem bis 1989 das Betonmonster verlief, wirkt wie eine gebaute Metapher. Es geht um Mauern im Leben wie in der Kunst. Zugleich um Geschichte.

Mit der Produktion der Berliner Künstler können zwei Ausstellungsorte bespielt werden 

In der Fotogalerie C/O Berlin werden ab dem 13. September 30 Jahre Berliner Clubkultur beleuchtet, das sind Aufnahmen etwa von Wolfgang Tillmans, Martin Eberle, Tilman Brembs und Ben de Biel, die in ihrer Mischung aus nüchterner fotografischer Beobachtung und Nachtleben-Ekstase zur Berlin-Mythenbildung beitragen. Als stilles Pendant dazu eröffnet eine Offerte von Arbeiten der gerade gestorbenen amerikanischen Fotografenlegende Robert Frank. In der Berlinischen Galerie beginnt heute Abend eine Skulpturen- und Fotoausstellung Bettina Pousttchis, in der es um Zeit, Geschichte und die Formbarkeit von Körpern geht. Sozusagen als erweiterter Kunstbegriff verlängert sich diese Schau der an der Schnittstelle zur Architektur arbeitenden Berlinerin in die Räume des Neuköllner Kindl-Zentrums für zeitgenössische Kunst. Und im Umkehrschluss schlagen von dort die Fotos des eulenspiegelhaft aus allen medialen Kanälen schöpfenden Verwandlungskünstlers und Verballhornungs-Meisters Björn Melhus eine Brücke ins Liebermann-Haus der Stiftung Brandenburger Tor.

Überhaupt scheint die Produktion der Berliner Künstlerschaft inzwischen derart intensiv und überbordend, dass problemlos zwei Ausstellungsorte damit bespielt werden können. Zudem ist ihr Schaffen derart selbstbewusst und kühn, dass etwa der Maler Thomas Scheibitz sich mit seinen Abstraktionen und Konstruktionen im Museum Berggruen an Figurationen von Picasso messen lässt.

Alle Infos, Orte, Öffnungszeiten und Touren auf: www.berlinartweek.de