Im Westen und Osten was Neues! Zur Abwechslung mal Stadtrand statt hipper Stadtmitte – so etwa klingt die diesjährige Maxime für das allherbstliche Berliner Kunstgeschehen an.

Das Koordinatensystem der bevorstehenden Berlin Art Week (17. bis 22. September) nämlich ist diesmal auf revolutionäre Art anders. Und das liegt nicht etwa an der Bundestagswahl ausgerechnet am Sonntags-Finale der Kunstmessen abc – art berlin contemporary (wieder am Gleisdreieck) und Preview (Opernwerkstätten Berlin), die abermals und nun schon bewährterweise mit dem Berliner Kultursenat und Gegenwartskunst ausstellenden Institutionen wie Akademie der Künste, Berlinische Galerie, C/O Berlin, Haus der Kulturen der Welt, Kunst-Werke Auguststraße, Nationalgalerie und den Kunstvereinen NBK und NGBK kooperieren.

Erstmals aber setzt eine mutige Juryentscheidung diesmal auch etliche, teils unterschätzte, teils eher unbekannte Stadtrandgalerien auf den Routenplan der Kunst-Karawane. „Spielerische Intelligenz“ nennt Juror Kaspar König, lange Direktor des Kölner Museums Ludwig, diese Steilvorlage für alle zähen Anhänger etablierter Kunstorte.

Mit der Instanz König entschieden die zwei weiteren Juroren, die bekannte Künstlerin Monica Bonvicini und die Berliner Kunstkritikerin Claudia Wahjudi, sich für diese pionierhafte Gemengelage: Erstens zwischen Ost- und West-Galerien. Zweitens zwischen einem avantgardistisch auftretenden Künstler-Residenz-Programm wie im Schinkel-Pavillon in Mitte sowie im Autocenter und den experimentellen Studenten-Projekträumen wie der Kunsthalle am Hamburger Platz in Weißensee und der Kleinen Humboldt-Galerie, außerdem votierten sie u.a. für die Neuköllner Frauenkunst-Initiative Goldrausch und die mehrmals von Schließung bedrohten und mittlerweile stark vom Marzahner Migranten-Alltag geprägten kommunale Galerie M.

Gestern stellte die Jury in den Räumen der Kulturprojekte GmbH diese von ihr benannten zehn zusätzlichen Art-Week-Partner vor und begründete die frappierende Auswahl. Eine, die, wie etwa Claudia Wahjudi betont, auch auf jene allgemeine Unsicherheit über den Status der Kunststadt Berlin reagiert.

Entdeckt hat die Jury bei tagelangen Besuchen der nun an der Art Week beteiligten, aus 60 potenziellen Bewerbern ausgewählten Kunstorte deren erstaunlich kontinuierliche Arbeit – oft gegen ständige Widrigkeiten. Letztere bestehen im permanenten Geldmangel wie auch in fehlender Lobby.

Und Wahjudi stellt gar eine „komische Diskrepanz“ fest – zwischen dem, was der routinierte, an schierer Menge verwöhnte – übersättigte? – Kunstbetriebsbeteiligte in Berlin so zur Kenntnis nimmt, worüber er redet und schreibt und dem, was an vielen unetablierten Orten der Stadt, mit viel Kraft und Kreativität, nicht zuletzt auch beim Verhandeln mit Vermietern, tatsächlich passiert. Dies alles abseits der privaten Trend-Galerien und der Neuen Nationalgalerie. Was für eine Vorlage zum Umdenken!