Zum sechsten Mal seit seiner Wiederbelebung 2013 findet das ursprünglich Anfang der Achtzigerjahre initiierte Berlin-Atonal-Festival im Kraftwerk an der Köpenicker Straße statt; auch in diesem Jahr wird ein umfassendes Programm jener Art technoider Geräuschorganisation geboten, die zwar dem Festivalnamen zum Trotz recht viel tonale Melodie und Harmonie birgt, aber dennoch von viel Gebrumm und Störfrequenz charakterisiert wird, sodass der rege Zulauf, der auch beim Eröffnungsabend am Mittwoch zu beobachten war, immer wieder erstaunt.

Bereits zu Beginn der Berliner Festival-Saison sahen wir die Berliner Kolumbianerin Lucrecia Dalt im Juni das Torstraßenfest bespielen; im Vergleich zu jenem recht intimen Konzert ging die verspielte Detailliertheit ihrer elektronischen Melancholie-Meditationen im riesigen Hauptsaal des Kraftwerks ein wenig im Betonwand-Hall unter. Auch schien es, als habe Dalt sich ein wenig den Bewegungsbedürfnissen des Publikums angepasst und mehr auf mitschunkelbare Loops gesetzt als auf freieres Spiel. Nichtsdestotrotz – auch im Wiederholungsreichen hat Dalt einen besonderen Touch, gerne schunkelte ich mit!

Selbst-Entfremdung musikalisch darstellen

Auch Mohammad Reza Mortazavi und Fis litten ein wenig unter dem futuristischen Kathedralenklang des Austragungsortes, Mortazavis Live-Spiel auf einer traditionellen persischen Trommel namens Tombak und dessen Echtzeit-Verfremdung im Laptop durch den Neuseeländer Fis wummerte ein wenig uninspiriert. Im brechend vollen Ohm-Club im Untergeschoss hingegen zerbrach und vermischte die Künstlerin Gemma Planel alias Tutu so ziemlich alle Genres und Sub-Genres, die die elektronische Tanzmusik bislang hervorgebracht hat, zu einem knackig präzisen, erstaunlich kohärenten und dennoch lose durch die Peripherie schwingenden Set; ebenso knackig, wengleich etwas weniger verspielt drehte im Ohm daraufhin Beatrice Dillon ethnische Perkussions- und Saiteninstrument-Samples in stotternde Elektrobeats, zu denen es sich gut schunkeln ließ!

Unser aller fortschreitende Selbst-Entfremdung und -Fragmentierung musikalisch darzustellen und gleichzeitig tanzbar zu machen – so scheint Technomusik heute also zu funktionieren; allein: Es gab im Kraftwerk auch weniger holistische Ansätze, so etwa die Lasershow des Australiers Robin Fox im Hauptraum. Hier konnten bewusstseinserweiterte Kunden in artig choreographiertem Strahlentanz schwelgen, wie früher bei Jean-Michel Jarre! Nur dass Fox die Rhytmisierung seines Strahlengeflimmers zuweilen durch erstaunlich stressige und fiese Digital-Drones erzeugte. Wem diese Kombination zu viel wurde, der konnte sich im Nebengang bei der Bar eine Frau ansehen, die im Dauerspagat auf dem Boden saß.

Einfach mal inne halten

Oder nebenan in die Schaltzentrale gehen. Hier spielte, kuratiert von den Kreuzberger Modular-Synthesizer-Händlern SchneidersLaden, der Technomusiker und Synthesizerhersteller Mark Verbos durch Vernetzung der hier zahlreich aufgestellten Blink- und Schaltkästen einen fulminant kratzigen Techno, der recht singulär auf die Zwölf haute, ohne aber den Feinsinn zu überprügeln.

Vieles gab (und gibt) es noch zu begutachten, um Mitternacht etwa hörte man die Kölnerin Lena Willikens im Ohm etwas gespenstischeren Techno spielen, zu dem auch wieder gut geschunkelt wurde.

Der Schunkelwille war auch wirklich groß: Selbst beim Auftritt des japanischen Duos Killer-Oma, der aus Geräuschgefummel mit zuviel Echoeffekt, inkohärentem Performancekunststudentengeschrei und hierzu irrelevanten Jazzloops des achtzigjährigen Kontrabassisten bestand und also sehr gut war, versuchten die Jugendlichen sich rhythmisch zu bewegen, was aber zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war.

Hey, Jugend! Einfach mal innehalten und das disparate Geflimmer von außen betrachten, anstatt ständig drin herumzugrätschen, wie wär’s damit? Doch toll, dass ihr euch so zahlreich für diese Musiken interessiert, die zwar weniger atonal und experimentell sind als sie sich geben – aber meinen Kumpels konnte ich mit sowas damals nicht kommen.

Das Festival geht noch bis Sonntag

berlin-atonal.com