Berlin - Zum vierten Mal findet im Kraftwerk Mitte derzeit das Berlin Atonal Festival statt. Auch in diesem Jahr drängen sich wieder tausende von jungen schwarzgekleideten Menschen aus aller Welt durch die hohen Hallen an der Köpenicker Straße.

Eng umschlungen kuscheln sie zu dumpfem rhythmuslosen Gebrumm, das von bestenfalls trüb befunzelten Laptopbedienern auf einer weit entfernten Bühne erzeugt wird, während auf einer gewaltigen, vertikal angebrachten Leinwand darüber wahlweise digitale Schleifen und Schlieren, unwirtliche Landschaften auf Exoplaneten oder anatomische Zeichnungen aus früheren Phasen der Menschheitsgeschichte gezeigt werden.

Auf der Hauptbühne, auf der die Atonal-Abende beginnen, herrscht mithin eher die Kontemplation. In den späteren Stunden, etwa ab eins, kann man sich aber auch in den Katakomben des Kraftwerks in intimerer Atmosphäre von muffigen Typen an wüst verkabelten Effektgeräten mit Drillbohrergeräuschen belästigen lassen oder mit stotternden Schlägen über einem tinnitushaften Fiepfundament.

Oder man lauscht einem Pianisten dabei, wie er eine Stunde lang auf seinem Instrument das eingestrichene ,b‘ und ein paar drumherum flatternde Töne spielt: So ist es am Mittwochabend bei dem Konzert von Moritz von Oswald und Rashad Becker. Als Duo kombinieren sie Geschichte und Gegenwart in guter Weise.

Analoger Minimalismus

Oswald hat mit seinem Basic Channel Label in den Neunzigerjahren den typischen Sound des Berliner Dub Techno erfunden; Becker wirkt als Mastering Engineer im Dubplates-&-Mastering-Studio am Paul-Lincke-Ufer und ist gewissermaßen der Großmeister-Masterer unserer Tage. In seinen eigenen Kompositionen modelliert er rätselhaft schöne Töne undefinierbaren Ursprungs zu Stücken, die zum Beispiel „Dances I – IV“ heißen, aber selbstredend vollständig untanzbar sind. So liebevoll abgerundetes hohles Pochen, schnaufendes Schwingen und sägendes Sirren wie bei Becker bekommt man jedenfalls selten zu hören.

Damit erfreut er sein Publikum auch bei dem Auftritt am Mittwoch, bei dem er das von Oswald gespielte ,b’ filtert, manipuliert und prozessiert und über dem analogen Minimalismus mithin einen irren, sich gelegentlich auch ganz freiwillig selbst karikierenden elektronischen Budenzauber abbrennt. Das ist klug und kurzweilig zugleich, auch wenn manche Zuhörer über die Soundqualität klagen und besonders über in hohen Frequenzen unkontrolliert sich fortpflanzende Feedbacks.

Da ich nach vielen Konzerten ähnlicher Art in den hohen Frequenzen ohnehin nichts mehr höre, habe ich damit kein Problem – anders als mit den bizarr übertriebenen Kunstnebelmengen, die Becker und Oswald bald ins Publikum blasen und die den gewaltigen Saal schließlich dermaßen ausfüllen, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sieht.

Dass minimalistisch arbeitende Musiker im Dunkeln auftreten oder sich durch Nebel den Blicken entziehen, ist nicht nur zu einem Paradebeispiel multimedialer Einfallslosigkeit geworden, sondern beschädigt auch gerade in diesem Fall die Zartheit der dargebotenen Sounds durch den Überwältigungscharakter der Inszenierung.

Ich möchte darum an dieser Stelle ein Kunstnebel- und Verdunkelungsmoratorium für Elektronik-Pop-Festivals fordern. Besonders im Spätsommer! Die nebligen Tage des Herbstes kommen schließlich noch früh genug.

Die schönsten Schwaden der Köpenicker Straße

Was nicht heißt, dass die jungen schwarzgekleideten Menschen  im Kraftwerk nicht eine herzwärmende Szene abgeben, wenn sie trotz blickdichter Vernebelung unentwegt ihre Taschentelefonkameras hochrecken, um ihren Lieben daheim später zu zeigen, was sie nicht gesehen haben: Schau Schatz, die schönsten Schwaden aus der Köpenicker Straße.

Komplett ohne Kunstnebel oder sonstige Überwältigungsgesten kommt wiederum das interessanteste Konzert aus, das an den ersten beiden Atonal-Tagen zu sehen ist: Es wird von dem britischen Duo Raime gegeben, das in der Nacht zum Freitag gegen halbzwei auf der Stage Null im Untergeschoss sein neues Album „Tooth“ vorstellt.

Auch das ist eine Musik, die in den dunkelsten Farben gemalt ist und in Schwarz; doch herrschen hier nicht Vernebelung und das Diffuse, sondern im Gegenteil Dynamik und Präzision. Mit minimalen Mitteln erzeugen Raime eine untergründige Anspannung, die sich an keiner Stelle entlädt und das Publikum in immer neue Variationen eines unaufgelösten Unbehagens verstrickt.

Als Tom Halstead und Joe Andrews vor vier Jahren erstmals auf den Bühnen erschienen, wirkten sie wie die letzte Kohorte der immer dunkler und skeletthafter wirkenden Dubstep-Musik. Doch erweiterten sie die stotternden Rhythmen und schwankenden Bässe des Genres bald um Gitarren-Riffs und klassisches Schlagzeug und drosselten noch einmal das Tempo.

Auf „Tooth“ reichen nun manchmal ein paar weit auseinander liegende Schläge, um einen ungemütlichen Sound zu erzeugen; dann werden die Beats mit Aureolen aus Echokammer-Geräuschen umkränzt; ein komplex klickerndes und knickerndes Schlagzeug versucht eifrig, aber erfolglos, eine stoisch dasselbe Riff repetierende E-Gitarre aus dem Rhythmus zu bringen.

Beim Atonal treten Raime in Trio-Besetzung auf: mit Halstead an der Gitarre und Andrews am elektronischen Instrumentarium sowie nun mit der atemberaubenden Schlagzeugerin Valentina Magaletti als Gast. Ihr gleichermaßen kraftvolles wie funktional sich unterordnendes Spiel verstärkt noch einmal die Grundspannung aus Verzögerung und Intensität. Von der mühelosen Art, in der Raime dabei ihre monochrome Ästhetik ins Schillern, Flattern und Schwirren bringen, könnte das Gros der ambientösen Atonal-Dunkelbrummer allerdings noch einiges lernen.

Das Festival findet noch bis Sonntag, 28. August, statt.