Berlin - Von wegen Lockdown-Melancholie: Die privaten Berliner Galerien tun derzeit ihr Möglichstes, um den Mangel zu kompensieren, wo doch alle Museen und kommunalen Ausstellungsorte wieder zu sind. Der Kunsthandel, vor dem Gesetz dem Einzelhandel zugehörig, kann wie gewohnt offen bleiben und stemmt sich der kulturellen Verödung derzeit tapfer entgegen. Mit strengstem Abstandsgebot, versteht sich. So hatte ich dieser Tage an einem grauen Nachmittag die hohen Räume der Kreuzberger Galerie Tammen ganz für mich allein.

Es war eine Überraschung: Linolschnitte wie die von Sabine Ostermann habe ich so wirklich noch nie gesehen. Welch eine Innovation: Die in Falkensee bei Berlin lebende Künstlerin, geboren 1968 in Backnang, ausgebildet an der Kunstakademie Mainz, stellt den klassischen Linolschnitt sprichwörtlich auf den Kopf. Und tritt so den Beweis an, dass ein so altes Material – Linoleum wurde als faserverstärkter Kunststoff 1860 von dem Chemiker Walton erfunden – durchaus zu so originellen wie verblüffenden Innovationen taugt. Der Linolschnitt ist bekanntlich eine grafische Technik des Hochdruckverfahrens, die im Prinzip dem Holzschnitt gleicht. Negativmuster werden in die Platten geschnitten, Farben aufgetragen, Abzüge gemacht.

Foto: Galerie Tammen/Sabine Ostermann
„Leute machen Kleider oder andersrum (V)“, 2020.

Ostermann indes kehrt das typisch grafische Vorgehen um: Nicht der Abzug vom Druckstock wird zum Bildwerk, sondern der Druckstock selbst. Selbiger wird dadurch zum kostbaren Unikat, montiert auf Holzplatten, dass man zunächst meint, ganz außergewöhnliche Holzschnitte vor sich zu haben, virtuose Reliefs, deren Motive alle aus Fäden zu bestehen scheinen. Die Schnittrillen der großen Formate hat die Malerin teils mit Blattgold ausgelegt, als wären es Ikonen. Sie bemalt diese Schnitte mit leuchtenden Farben, aber keinen Druckfarben, sondern Alkyd – klassischen Maler-Lacken.

Foto: Galerie Tammen/Sabine Ostermann
„Leute machen Kleider oder andersrum (IV)“, 2020.

Jede Tafel ist ein Ereignis aus spielerischer Fantasie, doppelsinnigem Humor und exzellent-handwerklichem Können. Etliche Motive hat Ostermann „freigestellt“, wie man das in Druckerkreisen nennt. Es sind keine Bilder mehr im klassischen Sinne, sondern freie Mal-Relief-Objekte voller detailreicher Szenen aus Fäden, Seilen, Tauen, Strippen und Quasten. Ein witziges Thema sind die jüngsten Tafeln zu „Leute machen Kleider oder andersrum“ – mit fadenstarken Kostüm-Figurinen, die mal an Velazquez-Gemälde, mal an die üppigen dekorativen Kleider auf Frida-Kahlo-Bildern denken lassen.

Eine Feier der Schönheit und der derzeit wegen Corona rigide auf null gesetzten Gemeinschaft, durchzogen mit Witz, wie das große Format „Quasselstrippen“. Doch auch ein wenig Melancholie schwingt dabei mit. Wieder einmal geht es um das folgenreiche Zusammenspiel der in den Linolgrund geschnittenen Fäden:Seilschaften, Gespinste,  Netzwerke -  Lebensmuster unterschiedlichster Leute. Alles im Leben unserer irdischen Welt-Manege hängt eben mit allem zusammen.

Foto: Galerie Tammen/Anna Arnskötter
„Regenspeicher“, 2018, Keramik (mit Stahl).

Die Terrakotta-Fantasiebauten und Glasurbrände der Bildhauerin Anna Arnskötter, Wahlbrandenburgerin, geboren 1961 in Greven/Westfalen, scheinen ganz ähnliche Gedanken-Wege zu gehen. Wenn auch formal völlig anders.

Foto: Galerie Tammen/Anna Arnskötter
„Turmspeicher“, 2014, Keramik.

Ihre Gebilde, mal dem wabenartigen Turmbau zu Babel mit seiner Sprachverwirrungs-Metaphorik ähnlich, dann wieder als Schutzspeicher für Wasser oder als Leuchtturm lesbar, scheinen zu signalisieren, wo ein Zuhause oder das Sehnsuchtsziel liegen. Sie wurden unter Arnskötters formenden Händen und im Brennofen zu eigenartig schönen Reservoires für die kostbaren Energien der Erde. Sie verkörpern die Elemente des Lebens, die es zu hüten gilt.

Galerie Tammen, Hedemannstr. 14. Bis 28. November, Di–Sa 12–18 Uhr. www. galerie-tammen.de