Berlin - Die Wasserfarben lassen alles zerfließen, sämtliche Konturen fransen aus. Nur die Bleistiftlinien geben den ins Papier eingesickerten Farben, diesem Rotbraunlilagelborangeweiß, gewissen Halt. Alles wirkt intim und zugleich universal. Nichts bleibt, wie es mal war: das Gute und Schöne, das Ersehnte und Enttäuschende, das Nervende und Zerstörende. In wenigen Worten: Himmel und Hölle der Gefühle in Sachen Amore.

Martin Dammann, Maler in Berlin, geboren in Friedrichshafen, einst Student der HdK (heute UdK) bei K. H. Hödicke und Katharina Sieverding, gab sich seit Ende 2019 und dann die ganzen eher einsamen Ateliermonate während des ersten Corona-Lockdowns seinen bisweilen lang zurückreichenden Erinnerungen an verflossene Gefährtinnen hin. Nunmehr schon längere Zeit glücklich in festen Händen, ging er da mutig ein mehr oder weniger erbauliches Thema an: die Exfreundinnen. Irrungen und Wirrungen verflossener Liebschaften. Gewinn und Verlust. Desillusion und Erkenntnis.

„Wendepunkt“, 2020, Wasserfarben, Bleistift/Papier.
Foto: Galerie Barbara Thumm

Die Ausstellung dieser Bilder in der Galerie Barbara Thumm ist beileibe keine Bilanz von Eroberungen oder Enttäuschungen. Auch nicht von Resignation. Eher betrachtet man ein interessantes Malexperiment, das fotografische Momentaufnahmen noch einmal fixiert. Und auch verfremdet. Jedes der Gemälde entstand nach einer Fotografie. So gesehen hängt an den Galeriewänden ein ganzes Fotoalbum der zeitweiligen Liebesbeziehungen. Da sind Szenen im Tiergarten. Eine ausgelassene Gruppe von Freunden, Leichtigkeit des Seins, Nähe, Verliebtheit ins Leben. Und eine Verflossene mittendrin. Der Anblick bekommt eine zusätzliche Ebene: Solche unbeschwerten Stunden sind in Corona- Zeiten selten geworden, zum Teil verboten. Als der Maler das Foto machte, war die Pandemie noch lange kein Thema, das Gemälde erzählt nun von einer Episode der Ausgelassenheit, des Glücks. Ebenso im Gemälde „Verbunden“, da ist ein tatsächlich inniglich verbundenes Paar im Atelier zu sehen.

„Engel (immer lächeln)“, 2020, Wasserfarben, Bleistift/Papier.
Foto: Galerie Barbara Thumm

Aber was ist Glück? Will man dem Melancholiker und Pessimisten Schopenhauer Glauben schenken, dann ist Glück die Abwesenheit von Unglück. Das Motiv „Wendepunkt“ zeigt ein berückendes Wesen aus der Rückenansicht: Sie entfernt sich, läuft hinein in eine fremde Landschaft. Seltsamerweise malt Dammann diese Szene, als die Beziehung noch ganz frisch war. So also malte hier die Vorahnung mit?

Eins der Bilder zeigt eine schreiende Frau. Da hat sich der Maler eine unangenehme Szene von der Seele gemalt. Ich muss an Picassos Serie der „Weinenden Frauen“ denken. Angenehmer wird’s auf dem Motiv „Engel (immer lächeln)“. Diesem anmutigen Wesen trägt der Maler offensichtlich nichts nach. Auch nicht „N“, die den hübschen Lockenkopf fröhlich neigt und dem Fotografierenden von damals ein offenes Lächeln schenkt. Auf dem Gemälde „Nordsee“ gibt es gar keine Frau zu sehen, nur den Dünenweg – auf dem sie einst ging. Oder verschwand. Aus den Augen, doch nicht aus dem Sinn.

„Verbunden“, 2020, Wasserfarben, Bleistift/Papier.
Foto: Galerie Barbara Thumm

Martin Dammann schildert, was ihn bewegte bei diesem Zyklus, wie er hin- und hergerissen war zwischen dem Zeigenwollen und lieber doch nicht, diesem durch die Aquarelltechnik ständigen Oszillieren zwischen Konkretisierung und Auflösung, Aufschichten und Auslassen. Der Maler, der einst Videos drehte und auf der Documenta X eingeladen war, ist heute einer der seltenen Aquarellisten im modernen Kunstbetrieb. Er sagt: „Ich war selber neugierig, was dabei herauskommen würde.“ Schließlich stand er vor den fertigen Bildern. Er meint: „Sie erzählen keine Geschichten. Es gibt nichts vor oder nach dem Augenblick. Dennoch sind da Fotos (erstaunlich wenige eigentlich bei den Unmengen, die ich in diesen Jahren gemacht habe), in denen viel von dem enthalten ist, was war. Was diese Beziehungen waren. Für mich zumindest. Spuren, Abbilder von Momenten, die sich abgespielt haben.“

Doch nun, im Ausstellungsraum, haben die Motive sich losgelöst von den Momenten, auf die sie sich beziehen. Und ihr Maler sagt: „Manchmal scheinen die Bilder sich sogar vor die Erinnerungen zu schieben, als wollten sie sie ersetzen.“ Dammann glaubt und hofft, manche Momente kämen vielleicht auch den Erinnerungen der Betrachter seiner Malerei nahe. Für einen Moment. Für ihn wäre das in Ordnung.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. Bis 31. Dezember, Do+Fr 12–18/Sa 13–19 Uhr . Tel.: (030) 2839 0347