Diese Lithografie aus dem Jahr 1874, nach einem Aquarell von Eduard Hildebrandt, zeigt Alexander von Humboldt in seinem Arbeitszimmer. Der Schreibtisch   kehrte für die Ausstellung nach Berlin zurück.
Lithografie: Deutsches Historisches Museum/S. Ahlers

BerlinBerlin gebiert oft Absurditäten: Zwar wird das Humboldt-Forum in diesem Humboldt-Jahr nicht mehr eröffnet, das an den Geburtstag Alexander von Humboldts vor 250 Jahren erinnert. Aber die Ausstellung zur Geschichte, zum Leben und Denken der beiden Brüder – den Naturforscher Alexander (1769–1959) und den Bildungsreformer Wilhelm (1767–1835) – die gibt es nun doch. Allerdings nicht in Räumen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, obwohl die sich immer wieder als Erbin des Universal-Denkens der Humboldts inszeniert, sondern im Deutschen Historischen Museum im einstigen Berliner Zeughaus.

Gipsabguss eines aztekischen Kalendersteins – die Humboldts interessierten sich sehr für die indianischen Hochkulturen.
Gipsabdruck/ National Museums Scotland

Kuratiert ist das Projekt von der Kunsthistorikerin Benedicte Savoy und ihrem Kollegen David Blankenstein. Schon 2014 haben sie einen kleineren Vorläufer der Ausstellung im legendären Pariser Observatorium gezeigt. Nach fast zwei Jahrhunderten nationalistisch motivierten Fast-Vergessens wurde damit einer breiteren Öffentlichkeit wieder bewusst, wie bedeutend die Humboldts auch für Frankreich waren. Für sie nämlich, die „ohne Gott“, aber mit viel moderner Aufklärungsliteratur des späten 18. Jahrhunderts im Tegeler Schloss aufwuchsen und in vielen Sprachen parlierten und schrieben, war der Nationalismus des 19. Jahrhunderts ein Desaster.

Wissen wegen des Wissens

Er begrenzte die Lust am Wissen, die Neugier, schuf Grenzen – und die unter Napoleon wenigstens zeitweilig wieder aufgehoben wurden. Er schuf die politischen Bedingungen für die großen Reisen Alexander von Humboldts nach Südamerika, für die bis heute wirksamen Bildungsreformen Wilhelms in Preußen. Die Neugier lernten sie bei jenen oft jüdischen Salonieren, die Wilhelm später übel antisemitisch anging, die er als Frauen von seiner Universität ausschloss, ohne die das europäische Geistesleben um 1800 aber nicht zu denken ist.

Bei den Forschungen Alexanders ging es durchaus um Wirtschaft, um die Suche nach Naturschätzen, um das koloniale Projekt Europas in Südamerika oder Sibirien. Aber eben immer auch um Wissen um des Wissens willen. Man fragt sich schnell: Ist dies Europa der weltumspannenden Neugier nicht eines, auf das man wirklich stolz sein kann? Auch deswegen sind die Reiseberichte der Humboldts heute so spannend zu lesen – sie stehen am Beginn dessen, was wir heute Moderne nennen.

Aus dem Besitz der Queen

350 Objekte aus aller Welt wurden herangeschafft, darunter sensationell gut gemalte Porträts aus dem Besitz der britischen Königin, vieles aus Paris – das nationalistisch verblendete Preußen hatte kein Interesse am Nachlass des „Franzosenfreunds“ Alexander – aus Russland, Nord-Irland, Rom, und selbstverständlich auch aus Berlins Museen, Archiven und Bibliotheken.

Die Kunsthistoriker Benedicte Savoy und David Blankenstein haben durch die Präsentation vieler Briefe, Skizzen, Zeichnungen und Bücher den Kommunikationsrhythmus einer Zeit nachvollzogen, die noch ergangen und erritten werden musste: Im Zentrum steht ein breiter, baskischer Pferdesattel mit zwei Sitzen, der   Wilhelm auf einer Reise durch die Pyrenäen diente und Zeugnis der wachsenden Mobilität jener Zeit dokumentiert. Sieht hart aus.


Die Ausstellung „Wilhelm und Alexander von Humboldt“ im Deutschen Historischen Museum ist jetzt täglich von 10 bis 18 Uhr  
geöffnet, an Donnerstagen sogar bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 8 Euro, mit Führung 12 Euro. Mehr Infos auf der Internetseite www.dhm.de