Rashid Al Khalifa, Multicoloured Parametric, 2018, Emaille auf Aluminium
Foto: Rashid Al Khalif

BerlinUnzählige Steine und Steinchen reihen und türmen sich zu plastischen Mustern. Aus grauen, blauen und beigen Kieselsteinen hat Mary Bauermeister minutiös und wie mit dem Pinsel hingetupft Quadrate, Kreise, Pyramiden zu großen Steinreliefs geformt. Man meint, einer optischen Täuschung aufzusitzen, so dynamisch verdichten sich die von Gezeiten und Wellen flachgespülten, weich anmutenden Steine zu naturfarbenen Bildern.

Gesammelt hat die Künstlerin sie an den Küsten von der Bretagne bis Griechenland. Ein über eine Wandtreppe spitz zulaufender Turm heißt denn auch „Verschwindender Horizent“. Es ist eine frühe Arbeit von 1966, mit der die 85-Jährige und einstige Fluxus-Aktivistin die Natur und deren formende Zufallskraft bereits zu einem ihrer Werkinhalte gemacht hat.

Gegenüber, in der Ausstellungshalle bei Me Collectors Room/Stiftung Olbricht, ziehen Reliefs von ganz anderer Machart über die Wandflächen. Die sich als vertikale Wellen von der Wand abhebenden Gittergeflechte glänzen metallisch und industriell, mutieren jedoch zu farbstarken Bildern, sobald man den Blickwinkel ändert. Das faszinierende Vexierspiel aus Glanz und Licht, aus Farbe, Fläche und Tiefe, das durch Emaille auf Aluminium entsteht, hat der aus Bahrain stammende 67-jährige Künstler Rashid Al Khalifa entworfen.

Ein Gesamtkunstwerk

Trotz ihrer strengen Serialität und minimalistischen Ästhetik erinnern die Muster an orientalische Fenster, an die kunstvoll geschnitzten Arabesken, die das Sonnenlicht filtern und gemusterte Schatten werfen. Diese „Mashrabiyas“ dienen Al Khalifa als Metapher, trennen sie – und verbinden doch gleichsam das Außen mit dem Innen, das traditionelle mit dem modernen Leben. Die Ausstellung spielt hier subtil mit einer „Differenz der Künste“, verwebt sich darüber hinaus jedoch auf sinnliche, klangpoetische Weise zu einem Gesamtkunstwerk: durch die Musik von Simon Stockhausen.

Der 52-jährige Komponist und Sounddesigner und Sohn von Mary Bauermeister und dem Komponisten und Neue-Musik-Pionier Karlheinz Stockhausen (1928–2007) saugt die Wellenbewegungen der Werke in seiner Klanginstallation auf. So wandert der Sound mit orientalischen Anklängen und Polyrhythmen entlang von Rashid Al Khalifas Wellenreliefs, indem er ihr Changieren in sich verschiebenden Taktarten aufgreift.

Das Metallische von Al Khalifas Parametrics-Serie findet seinen Widerhall im Glockenspiel und pentatonisch gestimmten Xylophon. Aufhorchen lässt der Klang dort, wo er als Jazz-Improvisation eine unsichtbare Raumdiagonale zwischen den Werken überwindet und plötzlich im vom Wasser umspülten, rauschenden Kies irgendwo an der Atlantikküste mündet und in hypnotisierenden Flötenklängen im Atemrhythmus des Ozeans auf- und abschwillt.

Er breitet sich aus und der Schall fängt sich dort, wo Bauermeisters wie von den Wänden losgelöste skulpturale Arbeit, die Installation „Howevercall“ von 1964, die Schwerelosigkeit sucht und ihre großflächigen „Lichttücher“, gezeichnet aus Nähten, Flicken, Dichte und Fadenscheinigkeit, strahlend den Raum erhellen. Und er gerät dort in Schwingung, wo Al Khalifas Hängestrukturen aus filigranen Gitternetzen ihren Schatten wie ein Seelenbild auf den Boden werfen.

Mit diesem Soundtrack erfüllt der Ausstellungstitel „Transverse Wave“ mehr als seine technisch anmutende Begrifflichkeit, reicht das Spektrum von Transversalwellen doch von Saitenschwingung bis hin zu Licht im Vakuum. Hier aber verdichten sie sich zu einem 52 Minuten Kunst-Raum-Klang-Erlebnis vom Feinsten.

Transverse Wave

bis 31.Januar ., Mi–Mo 12–18 Uhr

Me Collectors Room, Auguststr. 68