Peter-Michael Diestel: „Mein kluger Freund ist nicht mehr da“

Der legendäre Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase wurde in Berlin-Mitte beerdigt. Die Grabrede hielt der letzte DDR-Innenminister. Wir dokumentieren sie im Wortlaut.

Wolfgang Kohlhaase (1931–2022)
Wolfgang Kohlhaase (1931–2022)Michael Handelmann

Am Sonnabend um elf bei mildem Herbstwetter wurde der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte beerdigt. Seine Frau Emöke Pöstenyi, Freunde, Kollegen, Weggefährten nahmen Abschied von dem großen Mann des Films, der am 5. Oktober im Alter von 91 Jahren gestorben war. Die Schauspieler Jutta Hoffmann, Ulrich Matthes, Nadja Uhl und Hermann Beyer waren da, die Regisseure Andreas Dresen, Matti Geschoneck und Volker Schlöndorff, die Drehbuchautorin Laila Stieler, der Schriftsteller Eugen Ruge sowie der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper. Und viele andere.

Der Komponist Günther Fischer spielte den Titelsong aus „Solo Sunny“, der Regisseur Matti Geschonneck sang ein russisches Lied. Der Regisseur Andreas Dresen und der Jurist Peter-Michael Diestel hielten die Trauerreden. Diestel, letzter Innenminister der DDR, war Kohlhaases Freund, Skatbruder und Sparring-Partner im Boxring. Die Berliner Zeitung dokumentiert Diestels Rede hier im Wortlaut:

Liebe Emöke, liebe Freunde, mein lieber Wolfgang,

zwei Herren, einer vom Fach mit Herz und einer nicht vom Fach, auch mit Herz, werden sich bemühen, unsere Gedanken zusammenzufassen und das in der Gewissheit, dass unser Zensor alles mitbekommt.

Peter-Michael Diestel hält die Trauerrede in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs.
Peter-Michael Diestel hält die Trauerrede in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs.Benjamin Pritzkuleit

Andi Dresen und ich haben versucht, uns mit Worten in die Trauer reinzuteilen und haben dabei begriffen, dass man Trauer nicht teilen kann. Wir müssen alle, jeder für sich, mit der Veränderung umgehen. Deshalb, liebe Emöke und liebe Freunde, gestattet mir – als enger Freund Wolfgangs – Worte, die eigentlich gar nicht wiedergeben können, was uns verbindet. Könnte ich das so formulieren, dann hätte ich irgendwie Drehbuchautor werden können und nicht Anwalt werden müssen.

In der „Möwe“ kennengelernt

Wolfgang und ich haben uns in den frühen 90ern, ich glaube, es war 1990, in der „Möwe“ kennengelernt. Willy Moese hatte uns vorgestellt, und ich kann mich erinnern, dass wir in einem sehr angenehmen Gespräch mit Günter Gaus verbunden waren. Günter Gaus hatte zuvor der Welt die DDR-Nischen erklärt und klugerweise herausgefunden, dass die Menschen in der DDR nicht auf einem Misthaufen groß geworden sind und die Welt nicht durch Gefängnisgitter und Stacheldraht kennengelernt haben.

Wolfgang redete nicht viel, hörte sehr aufmerksam zu und hatte immer die schöne, schlanke, dunkelhaarige Frau an seiner Seite. Natürlich wusste ich, wer Wolfgang Kohlhaase ist und habe auch seine Filme aus der DDR-Zeit gesehen. Aber sie haben für mich keine Rolle gespielt, weil ich anders orientiert war, die DDR und ihre Kulturpolitik nicht mochte. Um es mit einfachen Worten zu sagen – ich war in gewisser Weise ungebildet und dumm.

Viel später, es muss in den 90er-Jahren gewesen sein, vermittelte unsere gemeinsame Freundin Daniela Dahn den Kontakt zu einem Filmprojekt Wolfgangs über die RAF-Aussteiger in der DDR. Also trafen wir uns, und ich habe damals noch Herrn Kohlhaase alles das erzählt, was er wissen wollte.

Ihr alle wisst, wie Wolfgang gearbeitet hat, deshalb konnten meine Hinweise nicht reichen. Also habe ich einen Kontakt mit der ehemaligen Führung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR aufgenommen und mit einem General über dieses Filmprojekt gesprochen. Natürlich weiß jeder hier im Saal, wie Geheimdienstler auf eine solche Anfrage reagieren. Ich habe aber nicht lockergelassen, und so konnte ich einen Kontakt mit dem legendären Geheimdienstoberst Horst Franz organisieren, der sich sehr lange mit Wolfgang unterhalten hat.

Wolfgang Kohlhaases Sarg wird aus der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs getragen.
Wolfgang Kohlhaases Sarg wird aus der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs getragen.Benjamin Pritzkuleit

Sonnabends ging’s zum Boxen

Warum erzähle ich das? Unmittelbar nach diesen Gesprächen mit Wolfgang Kohlhaase riefen mich die ehemaligen Geheimdienstler mit extremer Begeisterung an und sagten, was für einen klugen, sympathischen, gebildeten, toleranten Menschen sie kennenlernen durften. Das machte mich stutzig und nachdenklich, und zwar so, dass wir uns irgendwann verabredet haben, mit der offiziellen Absicht, Skat spielen zu wollen.

Liebe Freunde, aus dieser Absicht ist eine tiefe endgültige Zuneigung, Freundschaft und eine stabile Skatrunde entstanden, auch über den Tod hinaus. Wolfgang und Emöke wurden für meine Ehefrauen und mich Freunde und ständige Umgebung. „Die Stille nach dem Schuss“ hat uns zusammengebracht und einander schätzen gelernt. Unsere vielen Treffen in Neu Reichenwalde, Potsdam oder in Zislow am Plauer See haben mich das erleben lassen, was die vielen klugen Köpfe in ihren aktuellen Nachrufen zu Wolfgang auch aufgenommen haben.

Ich möchte aber nur über meinen Freund reden, der jetzt neben mir liegt und der mich hierzu auch vor nicht zu langer Zeit gebeten hat. Wir haben Erlebnisse gehabt, die Antje, meine liebe Frau, und ich nie vergessen werden. Deshalb gestattet mir auf ein paar Momente unserer Freundschaft zurückzukommen.

In seinem großen Freundeskreis hatte Wolfgang auch sportliche Typen wie Eberhard Esche und andere, und wie wir wissen, ging es sonnabends regelmäßig zum Boxen. Immer, wenn Wolfgang gut drauf war, das war häufig so, und zu leichtem Übermut tendierte, demonstrierte er seinem Gegenüber Übungen, die jeder Boxer erkennt und die man im Fach „Schattenboxen“ nennt. Andi hat hierzu einen tollen Film gemacht.

Emöke Pöstenyi nimmt Abschied von ihrem Mann.
Emöke Pöstenyi nimmt Abschied von ihrem Mann.Benjamin Pritzkuleit

Einmal stand Wolfgang in relativ großer Runde neben mir, machte ein paar solche Übungen, hatte jedoch einen Fehler in der Einschätzung der Distanz. Seine Linke traf meine Leber versehentlich, und es passierte dann, was passieren muss: Die Luft bleibt weg. In großer Runde muss man das weltmännisch hinnehmen und darf nicht zum Luftholen in die Knie gehen.

In unserer Zeit spielt das Handy eine permanente Rolle, auch in den Nachtstunden. Ich hatte drei Freunde, jetzt sind es nur noch zwei, die ständig mit dem Hinweis „anonym“ bei mir anrufen. Der eine ist ein DDR-Rockmusiker und der andere ein ehemaliger Generalsekretär des ZK der SED. Wolfgangs Anrufe begannen immer so: „Ja, Wolfgang! Peter, hast du noch diesen schlanken, pfiffigen Verkehrsrechtler in deiner Kanzlei, ich müsste mich mit dem mal unterhalten.“

Liebe Freunde, dies war ein permanentes Geschehen. Unsere Regine (Regine Sylvester d. Red.) hat in ihrem Nachruf richtig festgestellt, Wolfgang sei bis zum Schluss Auto gefahren. Aus allen kleinen Verkehrsdelikten sind wir gut rausgekommen.

Wolfgang war kein Zocker, aber ein außerordentlich agiler und leidenschaftlicher Skatspieler. Mich haben unsere Runden immer sehr angezogen, weil die Gespräche neben dem Kartenspiel wichtig waren und ich mir immer vorgenommen habe: Du musst mitschreiben, was du hörst. Ich habe es nicht mitgeschrieben, ich höre es nicht mehr, aber ich habe es in meiner tiefen Erinnerung.

Unser Freund hat sich in zwei völlig unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen und mit völlig unterschiedlicher kultureller Ausrichtung erfolgreich durchgesetzt. Das erkannten die jeweils Mächtigen auch an. So viel Verstand auf einen Haufen bzw. in einem Kopf verdient Anerkennung, auch die Anerkennung mit Orden. Diese spielten für Wolfgang keine große Rolle, aber er hat sie jedes Mal abgeholt.

Vor kurzem erhielt er den Berliner Verdienstorden. Antje (Diestels Ehefrau, d. Red.) und ich waren „Ordensbegleitung“ für Emöke und Wolfgang. Für Antje und mich war der Orden, den Wolfgang wie einen Faschingsorden trug, nicht das Ziel der Übung, sondern das anschließende Schnitzel und der Rotwein im Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt. An dieser Ordensverleihung haben wir zweimal teilgenommen, weil eine wegen eines Zwischenfalls unterbrochen werden musste.

Aus unseren vielen Gesprächen heraus habe ich mir immer die Frage gestellt, was hat Wolfgang für eine Weltanschauung, was führt ihn? Ist er ein Linker, ein Bürgerlicher oder ein Mensch ohne Weltanschauung? Freunde, die sich in ihren Nachrufen auch mit dieser Frage auseinandersetzten, kommen zu der Erkenntnis, dass er wohl ein Linker sei. Wolfgang war gegen den Krieg, hat stets gute und harte Leistungen akzeptiert, führte ein bürgerlich-intellektuelles Leben und war in Fragen, über die man sich streiten konnte, pragmatisch und vernünftig gestimmt. In diesem Sinne könnte es sein, dass ich wohl auch ein Linker bin oder ein solcher werde.

Angehörige und Freunde nehmen Abschied von Wolfgang Kohlhaase.
Angehörige und Freunde nehmen Abschied von Wolfgang Kohlhaase.Benjamin Pritzkuleit

Mit seinem künstlerischen Schaffen und seinen publizistischen Werken hat Wolfgang für die Deutsche Einheit und für das Zusammenleben nach dem Kalten Krieg mehr erreicht als Politiker, Fraktionen und Parteien, denn er hat immer das Menschliche, das uns auch in der DDR verbunden hat, aufgenommen und sympathisch dargestellt. Damit hat er ein Beispiel für die Richtigkeit der Thesen Günter Gaus’ zu den „Nischen“ geschaffen.

In unserer letzten Skatrunde im Jagdhaus in Zislow am Plauer See bat mich Wolfgang am Ende unseres Spiels, mit mir noch einmal alleine reden zu wollen. Als alle draußen waren, zog er aus seiner rechten Brusttasche ein Manuskript und bat mich, es durchzulesen. Es war der Entwurf einer Rede für Andi Dresen, die er kurz danach in München gehalten hat. Es waren wohl nur eineinhalb Seiten, die mich getroffen haben wie ein Blitz. Ich habe etwas Derartiges noch nie in meinem Leben gelesen und ich bin außerordentlich stolz, lieber Andi, dass er diese Zeilen für dich geschrieben hat. Der Korrektheit halber muss ich sagen, ich konnte nichts hinzufügen, ein Komma war falsch, das merkt man in einer Rede nicht, und eine Dopplung haben wir rausgenommen.

Liebe Freunde, unmittelbar bevor sich Wolfgang bei uns abgemeldet hat, hatte er nach Neuhardenberg zu einer Buchlesung große Teile seines Freundeskreises eingeladen. Wolfgang kam in einem schwarzen Anzug, so kannte ich ihn nicht, war sehr gut drauf und präsentierte uns mit dem wunderschönen Vortrag Jutta Hoffmanns aus seiner Novelle „Begräbnis einer Gräfin“. (Eine Komödie aus dem Jahr 1991, Kohlhaase schrieb das Drehbuch, Heiner Karow führte Regie. d. Red.)

Eine tolle Runde, feierlich, irgendwie aber auch wie ein Abschluss. Dann haben wir gemeinsam zu Abend gegessen, relativ guten Rotwein getrunken und am nächsten Morgen gemeinsam gefrühstückt. Wir hatten noch viele Pläne und Vorhaben und sind beseelt, zufrieden, aber auch nachdenklich aus Neuhardenberg abgezogen.

Meine Nachdenklichkeit befasste sich mit der Frage: Hat sich Wolfgang jetzt an das ganz große letzte Drehbuch gemacht?

Wenn man eine solche Freundschaft leben darf, dann stellt man sich zwangsläufig auch die Frage, warum ist der andere so stark, warum ist diese Stärke so anziehend? Wolfgang hatte neben sich immer eine Wand zum Anlehnen, einen Hafen zum Anlegen und einen Wald für einen friedlichen Spaziergang, das ist Emöke, und das bleibt sie.

Wolfgang Kohlhaase, 2011.
Wolfgang Kohlhaase, 2011.Michael Handelmann

Er wird mich nicht mehr anrufen

Liebe Emöke, wir haben vorgestern lange über den heutigen Tag geredet und ich weiß, dass du vor diesen vielen Menschen und vor diesem Tag auch Angst hast. Ich habe diese Angst auch. Ich habe die Angst, weil ich nicht weiß, wie es weitergeht. Mein kluger Freund ist nicht mehr da, obwohl er uns nicht verlassen hat. Wolfgang hat so viel hinterlassen, dass er bei uns allen permanent präsent sein wird. Seine Bücher, seine Filme, die Gespräche mit ihm, sein Humor und seine brachiale Klugheit, die nie bedrohlich war, werden uns immer begleiten.

Aber er wird mich nicht mehr anrufen, und das wird das Problem sein, mit dem ich und mit dem wir wohl erhebliche Schwierigkeiten haben werden. Liebe Freunde, ohne unsere Zustimmung hat ein ganz Starker unsere Runde verlassen. Das Loch ist sehr groß, und wir müssen es schließen, wir müssen zusammenrücken. Emöke muss das Kommando übernehmen, Günther macht die Musik, Eugen, Andi, Regine, Daniela und die anderen, die es können, schreiben die Texte, die wir dann singen und über die wir reden. In diesem Sinne werden wir künftig so leben und so denken, wie Wolfgang es uns vorgegeben hat, auch wenn er uns nicht mehr anruft.