Keine Zwanziger-Jahre-Show ohne Bananenrock: Dominique Jackson als Josephine Baker
Foto: Sven Darmer

BerlinÜber Berlin kann man großartige Geschichten erzählen, aber wenn man nur den Mythos der Stadt verkaufen will, rutscht man an ihrem Oberflächenglanz unter Umständen ganz schnell volle Klischeelänge mal Kitschbreite ab.

Gutes Beispiel: Die „Goldenen Zwanziger“ als „Tanz auf dem Vulkan“, die immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Dem grandiosen Musical „Cabaret“ gelang einst ein hochpolitischer, begeistert-kritischer Blick in die Vergangenheit. Bei der "Berlin Berlin“ indes funktioniert dies jetzt gar nicht.

Die Uraufführung dieser großen Show mit Sängern, Tänzern und Live-Orchester, die sich Martin Flohr (Konzeption) und Christoph Biermeier (Buch und Regie) ausgedacht haben, fand im Admiralspalast statt. Doch was den Besucherinnen und Besucher – viele zur Premiere im Stil der damaligen Mode gekleidet – angeboten wurde, wirkte leider mehr routiniert als inspiriert.

Ansonsten wird eher imitiert als interpretiert.

Es geht in einen verruchten Nachtclub mit Showtreppe und Combo, in dem Ikonen der zwanziger Jahre - Marlene Dietrich, Anita Berber, Josephine Baker, die Comedian Harmonists – auftauchen und Lieder singen. Martin Bermoser als halbseidener Clubbetreiber und zotiger Conférencier führt durch die lockere Nummernfolge dieser Revue. Darin sorgt die pathetische Lobhudelei auf Berlin („Ist Freiheit!“) für den roten Faden, an den Hit auf Hit gefädelt wird, wie die „Moritat von Mackie Messer“ aus der „Dreigroschenoper“ oder „Ich bin die fesche Lola“ von Friedrich Hollaender.

Nicht alles, was da mit Emphase und Mut vorgetragen wird, ist beste Gesangskunst, zumal die Orchestrierung bevorzugt in Richtung Marschmusik abdriftet, besonders scheußlich bei den Nummern aus dem „Weißen Rößl“. Sophia Euskirchen freilich überzeugt etwa mit „Life is a Cabaret“ und gibt dem Evergreen eine eigene, kraftvolle Note, wie auch Dominique Jackson mit „It don’t mean a thing“. Ansonsten wird eher imitiert als interpretiert.

Selbst die Choreographien von Matt Cole erschöpfen sich bald in ihrem artistischen Frohsinn. Als wäre schließlich irgendwem doch noch eingefallen, dass die dargestellte Epoche zwischen zwei Weltkriegen liegt, wird am Schluss eine gewaltige Hakenkreuzfahne gehisst, im Saal gepöbelt und deutsche Kunst verlangt. Von der neuen Bombenstimmung lässt sich der typische Folklore-Berliner hier allerdings nicht unterkriegen, es wird in einer peinlichen Aufzählung an die Mauer, den BER und die Love-Parade erinnert und dann „Zu Asche, zu Staub“ aus „Babylon Berlin“ geschmettert („Das bloße Haschen nach dem Wind“). Viel Aufwand, aber viel zu wenig Substanz: So ist Berlin nicht beizukommen.

Berlin Berlin Bis 5.1., Admiralspalast, Karten unter Telefon 01806-101011 oder online