Das Tanzen beginnt vorm Kleiderschrank. Ich stehe – zumindest in Gedanken – auf der Tanzfläche, in den Armen eines Unbekannten, dazu leichte Musik. Was also anziehen? Obwohl es ein Termin für die Berliner Zeitung ist, obwohl ich einen Tanzpartner habe, der von der Tanzschule bestellt wurde, klopft mein Herz. Tanzen ist so schön! Es ist so ein außergewöhnliches Vergnügen, so selten, wer tanzt heute noch?

Das Ballhaus Walzerlinksgestrickt versteht sich als Mekka des Tanzes in unserer Stadt. Besitzerin Ulrike Balzer lobt die drei Tanzsäle in der einstigen Habelschen Malzbierbrauerei nahe dem Platz der Luftbrücke in Kreuzberg in höchsten Tönen. Das Ambiente ist tatsächlich angenehm: Im großen Ballsaal hängen rote Vorhänge von den Gewölbepfeilern. In der Decke wurden die Backsteine freigelegt. Der alte Industrie-Charme ist noch da, das neue Leben auf glattem Holzparkett bereits eingezogen. Moderne Glaselemente im Barbereich vermitteln Eleganz. Doch nicht auf die Stimmung soll es heute ankommen, sondern auf die Bewegung zur Musik.

Los geht es mit Foxtrott

Die wird mir Adriano Fonn, 52, Vertriebsmitarbeiter aus Reinickendorf, ermöglichen – mein Tänzer. Von ihm hängt alles ab. Hat er Rhythmus, hat er Gefühl, kann der Sonntagnachmittag großartig werden. Er tritt auf mich zu und begrüßt mich. Ein sympathischer Typ in heller Jeans und Hemd, ziemlich blond für einen Adriano, aber mit offenen, freundlich blinzelnden Augen.

Pünktlich zur vollen Stunde betreten wir unseren Raum, den Gartensaal. Wir sind sechs Paare zwischen Ende vierzig und Ende sechzig. Alle eher bodenständig, lässig gekleidet, keiner fällt aus dem Rahmen, das passt.

Los geht es mit Foxtrott. „Quick, quick, slow – quick, quick, slow“, wiederholt unser Trainer Jesse Hable, 25, eigentlich Medizinstudent im neunten Semester, den Rhythmus. Das klingt altbekannt. Ich habe schon mal einen Tanzkurs gemacht. Vor vierzig Jahren, ich gebe es zu. Ich liebe Musik und Disko-Gehampel habe ich früher sehr gepflegt. Wenn mal ein Mann auftauchte, der tanzen konnte, habe ich ihn gegriffen und ein bisschen „quick, quick, slow“ aufleben lassen.

Trotz Tritt verzieht er keine Miene

Mit Adriano, dessen Name tatsächlich auf einen italienischen Vater zurückzuführen ist, geht alles leicht. Er drängt nicht und hält dennoch fest; er verzieht keine Miene, wenn ich auf seinen Fuß trete oder aus dem Takt komme. Nach ein paar Trockenübungen kommen wir zum Reality-Check und das gleich zu Frank Sinatras „I get a kick out of you“. Wir schieben los. Das Gemeine an dem Lied ist, dass das Swing-Stück mit dem Rhythmus spielt. „Quick, quick, slow“ muss sich in die Sprache des Jazz finden. Der deutsche Marsch „eins, zwo, drei, vier“ hat ausgedient. Aber Adriano hat alles im Griff und während ich noch überlege, ob wir im Takt sind, lobt er mich schon.

Ach, was für ein Gefühl, wenn Musik und Schritt, Tänzerin und Tänzer es schaffen, synchron zu werden. Die Wangen beginnen zu glühen und in mir klingt es: „Mehr, mehr!“ Tanzen befreit von den Alltagssorgen. „Wenn ich tanze, ist alles andere weg“, sagt auch Adriano.

Seine Freundin tanzt seit sieben Jahren. Seit zwei Jahren sind sie zusammen. Erst hat er gezögert, ob auch er damit anfangen soll. Einholen kann er sie ja doch nicht mehr, doch dann – mehr zufällig – hat ihn die Leidenschaft gepackt. Er hat seine Freundin begleitet und in einem Kurs fehlte ein Tänzer. Da sprang er ein und blieb dabei. Inzwischen hat er in anderthalb Jahren das Pensum von zwei oder drei Jahren absolviert. So viel Spaß macht es ihm.

Das Tanzen wird von Rollenklischees entstaubt

Nach zwei weiteren Liedern Foxtrott kommen wir zum Cha-Cha-Cha. „Die Führenden einmal zu mir, die Folgenden vor mich“, sagt Jesse, als er die Schritte erklären will. Männer und Frauen sollen sich einander gegenüberstellen. Walzerlinksgestrickt hat diese neuen Bezeichnungen geschaffen, denn die Rollenverteilung Mann-Frau ist überholt. Männer tanzen mit Männern, auch in unserem Kurs, Frauen mit Frauen. Das Tanzen wird von Rollenklischees entstaubt, vor allem, damit mehr Männer sich trauen, tanzen zu lernen.

„Unsere Kurse sind für Männer konzipiert“, sagt Ulrike Balzer und meint damit, dass Sachlichkeit und ein Fokus auf die Technik bei der Vermittlung gepflegt werden. So sollen die Männer bei der Stange gehalten werden. Das funktioniert. Die Kurse laufen und manches Paar, das schnell mal für die Hochzeit ein paar Schritte lernen wollte, bleibt dabei – wie Pia und Ronny, beide 50, die vor zwei Wochen geheiratet haben und jetzt neben mir „vor, Platz, Cha-Cha-Cha“ machen.
Ich bin mittlerweile voll im Flow. Bilder von Tanzturnieren tauchen auf, in denen Männer wie Frauen immer ihre Hinterteile exzentrisch nach hinten strecken. Ob ich das auch kann? Mein Hüftschwung bringt uns etwas aus dem Takt. Jesse sagt lieber mal gar nichts dazu, aber der Spaßfaktor steigt. „Bend with me, sway with ease“ tönt es aus den Boxen. Die Melodie des Klassikers lässt vor meinem inneren Auge eine Strandterrasse in einer lauen Sommernacht erstehen. Ach, wäre es schön, jetzt dort zu sein.

Tanzen ist so assoziativ – jedes Lied transportiert einen in eine andere Atmosphäre, eine andere Welt. Brauchen Sie einen Urlaub? Gehen Sie doch tanzen. Wir üben die Drehung beim Cha-Cha-Cha und hören noch einen verträumten Song aus den Fünfzigern oder Sechzigern. Definitiv ist Tanzen eine Veranstaltung für Nostalgiker.

Schließlich kommen wir zur Königsdisziplin, dem langsamen Walzer. Jetzt darf es auch noch romantisch werden. Damit der Walzer funktioniert, müssen Führender und Folgender sich eng voreinander stellen, sich quasi miteinander verzahnen. Adriano zeigt mir, wie ich mich stellen muss. Wie zwei Puzzleteile passen wir zueinander – erstaunlich. 

Ich strecke mich und konzentriere mich auf meine Haltung. Seit einigen Minuten haben sich meine Füße gemeldet, die in den neuen, hochhackigen Schuhen nach Hilfe rufen. Aber jedes Mal, wenn die Musik angeht, höre ich ihre Schreie nicht mehr. Ich beiße also die Zähne zusammen und warte, bis die ersten Takte beginnen. Mit einer sanften Walzermelodie in Adrianos Armen endet die Stunde. Wären nicht die Füße – ich könnte ewig weitertanzen.