Berlin -  Der Duft von Zitronengras erfüllt den Raum, eine Kerze verbreitet den Geruch. Im Halbdunkel liege ich mit vier anderen Frauen und zwei Männern rücklings am Boden, unter uns Matten und Decken, den Kopf im Nacken leicht abgestützt. Am Rand sitzt eine Frau auf einem Stuhl, sie heißt Ulrike Müller-Thal und ist Feldenkrais-Pädagogin.

Langsam und ruhig gibt sie Anweisungen. Es sind keine großen Bewegungen, die sie uns an diesem Montagabend abverlangt, keine komplizierten Verrenkungen.

Stünde jetzt draußen vor dem Karlshorster Kiezladen ein Beobachter, der das Geschehen in dem Erdgeschoss-Raum verfolgt, er würde sich vermutlich wundern und fragen, welches Ziel die Übungen haben. Und vielleicht auch, was er da sieht. Feldenkrais ist weit weniger bekannt als Yoga und Qi Gong, besonders im Osten.

Der Beobachter sähe – gäbe es die Vorhänge nicht – beispielsweise, wie sich die Liegenden alle auf eine Seite drehen und die Knie fast wie in der Embryohaltung in Richtung Bauch hochziehen. Sieben linke Hände wandern an die Stirn, sieben Ellenbogen zeigen zur Zimmerdecke, dann beginnen alle, ihren Kopf hin und her zu drehen. Bei einer anderen Übung bewegt sich – aus derselben seitlich liegenden Position heraus – das oben liegende Knie Richtung Zimmerdecke, wobei die Füße aufeinanderbleiben. Jeder macht das in seinem Tempo, so soll das auch sein. Es geht also nicht darum, die Bewegung synchron zu machen, möglichst viele Wiederholungen zu schaffen oder sie möglichst „schön“ zu machen.

Das wird mir bei einer Übung bewusst, in der wir mit unserem einen Bein einen Halbkreis auf den Boden zeichnen sollen. Unwillkürlich strecke ich die Fußspitzen durch. Dann sagt Ulrike Müller-Thal in den Raum hinein, dass die Füsse locker sein dürfen, und ich fühle mich erwischt. Ich sei in die „Selbstbild“-Falle getappt, wird mir die Feldenkrais-Pädagogin nach der Probestunde erklären. Jeder habe eine bestimmte Vorstellung, wie er wirken möchte und wie eine Bewegung auszusehen hat. Und exakt so bewegt man sich dann immer und immer wieder. 

Bei Feldenkrais geht es nicht nur um den Körper

„Es geht bei Feldenkrais um das Spüren, es gibt kein richtig oder falsch“, sagt Ulrike Müller-Thal. Ziel sei es, das Repertoire an Bewegungen, die sich der Mensch im Laufe seines Leben angewöhnt hat, zu erweitern, Alternativen zu entdecken und so beispielsweise Abhilfe bei schmerzenden Gelenken zu finden. „Dabei gehen wir nicht von unseren Defiziten aus, sondern von unserem Vermögen“, sagt die Feldenkrais-Lehrerin. Aber es gehe nicht nur um die Physis: „Wer neue Körperbewegungen lernt, lernt neues Denken – und umgekehrt“ – so hat es Moshé Feldenkrais formuliert, der Erfinder der Methode.

Klingt etwas esoterisch? Dabei war Moshé Feldenkrais – 1904 in der heutigen Ukraine geboren, 1918 nach Palästina ausgewandert – ein handfester Mann: Seit Jugendtagen Jiu-Jitsu-Kämpfer unterrichtete er die Selbstverteidigungsmethode lange Jahre, später gründete er in Paris den ersten Judo-Club Frankreichs und bekam als einer der ersten Europäer 1936 den „Schwarzen Gürtel“. Nach Frankreich war Feldenkrais gekommen, um hier zu studieren – Elektrotechnik, Mechanik und Ingenieurwissenschaften. Später arbeitete er als Nukleartechniker und Ingenieur.

Ausgangspunkt für die Sportart war ein schmerzendes Knie

Eine alte, schmerzhafte Knieverletzung, die er nicht operieren lassen wollte, veranlasste ihn, sich ab den 40er-Jahren intensiv mit Bewegungsabläufen und Physiognomie zu beschäftigen. So entstand seine Lehre, der sich Feldenkrais ab 1952 ausschließlich widmete. Eine Methode, in der er „seine Erkenntnisse aus Physik, Mechanik, Elektronik und Bewegung“ verknüpfte. So schreibt es der Feldenkrais Verband Deutschland, in dem dem aktuell mehr als 1 700 Lehrer organisiert sind.

In den 80er-Jahren kam Ulrike Müller-Thal erstmals mit dieser Bewegungslehre in Kontakt. Nach der Ausbildung zur Gymnastiklehrerin und zur Physiotherapeutin folgte 2003 eine zur Feldenkrais-Pädagogin, die sie 2007 abschloss. Seither gibt sie Einzel- und Gruppenstunden. Es sind Erwachsene jeden Alters, die zu ihr kommen. „Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen sind ein häufiger Grund“, sagt die 59-Jährige. Der Schmerzpunkt stünde aber nicht im Zentrum der Lektionen. „Mit Hilfe der Feldenkrais-Körperarbeit ist es möglich, unbewusste Bewegungsgewohnheiten zu erkennen, vielfältige, gesündere Wahlmöglichkeiten zu finden und den Gebrauch des Körpers wieder zu verbessern“, schreibt die Deutsche Schmerzgesellschaft. Die Veränderungen geschähen zunächst im Gehirn, das die Motorik anders gesteuert. „Verkürzte und verspannte Muskeln werden länger und weicher, ungenutzte Muskeln werden wieder aktiv.“

"Angenehmer als Yoga"

Eine Frau, die in der Probestunde ein paar Matten neben mir liegt, hat die wohltuende Wirkung von Feldenkrais am eigenen Leib erfahren: Sie leide seit einem Bandscheibenvorfall an Rückenschmerzen, erzählt die 40-jährige Nadine. Die Mischung aus Bewegung und Pausen bei Feldenkrais tue ihr gut und lindere die Beschwerden, sagt sie. „Angenehmer als Yoga.“

Anders als beim Yoga gibt es im Feldenkrais kein Idealbild einer Übung, das erreicht werden muss. Und es gibt auch keinen, der Diagnosen stellt, die dann nur noch zu befolgen sind. „Das wäre für viele leichter“, sagt Ulrike Müller-Thal. Doch Feldenkrais bedeute vielmehr, in sich hineinzuspüren, wo Veränderung möglich und sinnvoll ist. 

Sehr entspannend

Aber sie unterstützt ihre Schülerinnen und Schüler dabei. In der Gruppen-Probestunde erhebt sie sich mitunter von ihrem Stuhl und geht zu den Übenden, um mit ihren warmen Händen die ungewohnte Bewegung zu begleiten. Erstaunlich rasch sind die 60 Minuten um. Ein beunruhigender Gedanke befällt mich: Bin ich möglicherweise zwischendurch eingeschlafen? Denn entspannend ist Feldenkrais auch.