Liebe muss man sich leisten können: Warum Frauen ihr eigenes Geld brauchen

Unsere Autorin hat mit 24 geheiratet und wurde früh Mutter. Mit der Trennung kam die Existenzangst. Daraus hat sie viel gelernt – und ist wieder verliebt.

Liebe muss man sich leisten können.
Liebe muss man sich leisten können.Roshanak Amini

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. In unserer Gesellschaft hat das oft mit Geld zu tun. Geld bedeutet Sicherheit, und Sicherheit bedeutet Freiheit. In meinem Leben gab es immer wenig Geld. Meistens genug, aber nie so viel, dass es egal gewesen wäre, was etwas kostet. Mit 13 hatte ich meinen ersten Nebenjob. Es folgten etliche. Noch als Schülerin zog ich von Zuhause aus und lernte, wie viel Nudeln und Ketchup im Supermarkt kosten, wo sie am günstigsten sind und wie lange sie reichen. Manchmal nicht so lange wie erhofft. Während meine Mitschüler sich am Wochenende ihren Beitrag zum ersten eigenen Auto erkellnerten, schob ich Doppelschichten für die Stromrechnung.

Nach dem Abi zog ich zum Studieren nach Potsdam und wenig später mit meinem damaligen Freund in die erste eigene Wohnung. Zu zweit war es etwas leichter, über die Runden zu kommen, aber etwa an den Luxus eines Auslandsjahrs, den sich viele meiner Kommilitonen leisteten, war nicht zu denken. Weil das studentische „Mir gehört die Welt“ außerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten lag, wählte ich das gesetztere „Bis dass der Tod uns scheidet“ und heiratete mit 24 Jahren. Der sichere Hafen der Ehe versprach sowohl Geborgenheit als auch das bedingungslose „Füreinander-Einstehen“. Jetzt und für immer. Die Kategorien Meins und Deins galten nun höchstens noch für die Zahnbürsten. Als dynamisches Eheduo verschmolzen er und ich zu einem kompromisslosen Wir. Aufgrund meiner Selbstdefinition als Teil einer amorphen Ehemasse hielt ich meinen Namen im Mietvertrag der neuen Wohnung für unnötig. Also wurde nur er Mieter. Aber ich glaubte ja auch, dass diese Allianz bis ans Ende meiner Tage Bestand haben würde. So war es schließlich abgemacht. Safe also.

Kurz nach dem ersten Kind kam die Trennung

Nur zwei Jahre nach der Hochzeit kam das erste gemeinsame Kind und kurz darauf alles ganz anders als geplant. Wir trennten uns! Es wurde heftig gestritten. Vor allem um das Baby und die Bleibe. Gar nichts war mehr safe. Dennoch bemühten wir uns um eine einvernehmliche Trennung und beschlossen letztlich, dass ich in der Wohnung bleibe. Sie war relativ günstig und in Anbetracht der Wohnungsmarktlage für mich ziemlich alternativlos. Es sollte jedoch Jahre dauern, bis ich offiziell im Mietvertrag stand. Die Wohnungsbaugenossenschaft, bei der ich nun zwar Miete zahlte, aber auf dem Papier gar nicht als Mieterin vorkam, hatte strikten Aufnahmestopp. Anteile konnten nur von alten Eignern an neue übertragen werden. Und wer gibt schon seine Anteile einfach so her? Irgendwann fand sich eine Lösung, doch bis dahin lebte ich dauerhaft in der Angst, die Wohnung zu verlieren.

Kaum war mein Ex-Mann ausgezogen und der Hausstand halbiert, verdoppelten sich meine Kosten. Ich war nun wieder für alles allein verantwortlich: Miete, Nebenkosten, Versicherungen, neue Waschmaschine und so weiter. Also kehrte ich mit 40-Stunden-Agenturvolontariat in Berlin plus Überstunden und Kleinkind zum Konzept Nebenjob zurück. Ehe kaputt. Wohnverhältnis unsicher. Keine Zeit. Kein Geld. – Es gibt sicher vorzeigbarere Resümees, wenn man gerade 30 geworden ist. Es konnte eigentlich nur besser werden und das wurde es zum Glück. Eines behielt ich jedoch aus dieser Phase meines Lebens: Gar nichts ist safe! Erst recht nicht die Ehe.

Das hat mich jedoch nicht davon abgehalten, das Beziehungs- und Familiending mit fliegenden Fahnen gleich noch einmal anzugehen. „Die zweite Ehe ist der Triumph der Hoffnung über die Erfahrung“, schrieb der englische Schriftsteller Samuel Johnson im 18. Jahrhundert. Nur zu hoffen, dass es beim nächsten Mal besser läuft, ist allerdings zu dürftig für das Großprojekt funktionierende Beziehung. Wichtige Bausteine für einen zweiten Versuch sind auch Selbsterkenntnis und etwas mehr Realismus. Das Gute an einer geschiedenen Ehe ist, dass man zwar weiterhin an die Liebe glauben kann, aber jetzt auch weiß, dass diese möglicherweise endet. Mein neues Credo lautete also: Liebe wie das unschuldige Kind, aber lebe wie das gebrannte. Dazu gehören Absicherungen wie ein Ehevertrag, eine eigene Wohnung oder unantastbares Geld.

Absicherung gilt als unromantisch

Immer wieder wird der Vorwurf laut, man hätte kein Vertrauen in die Verbindung, wenn man sie schon am Anfang vom Ende her betrachtet. Vorkehrungen für den Beziehungs-Gau gelten daher als unromantisch. Was dabei vergessen wird: Eine Hintertür ist noch lange kein Fluchtplan, sondern nur ein Notausgang. Ich bin sicher, dass man auch einem Autofahrer kein mangelndes Engagement beim Fahren unterstellen würde, nur weil er sich anschnallt. Auch der sicherste Fahrzeugführer kann in eine Karambolage verwickelt werden.

Auch in der Liebe bleibt immer ein Restrisiko. Deshalb sollte man mit dem Herzen zwar durchaus all in gehen, aber mit der Autonomie besser nicht so hoch pokern. Dazu gehört ein soziales Netzwerk, das auch Bestand hat, wenn die Beziehung in die Brüche geht. Und unbedingt gehört dazu auch eigenes Geld. Gerade unter Frauen ist die Erwerbstätigkeit immer wieder ein Thema, sobald Kinder da sind. Als sich in meinem Freundeskreis die eine oder andere Beziehungskrise einstellte, hörte ich von meinen Freundinnen erstaunlich oft, dass sie sich eine Trennung überhaupt nicht leisten könnten. Die große Liebe, für die sie so viel geopfert hatten, fühlte sich plötzlich an wie ein Escape-Room ohne Hinweise. Der wichtigste wurde offenbar gleich zu Beginn übersehen: Nicht abhängig werden! Scheidungen und Trennungen kommen auf der ganzen Welt vor und immer da, wo Frauen sich wirtschaftlich unabhängig machen, steigt die Scheidungsrate. Es ist nicht die Erwerbsarbeit, die die Beziehung kaputt macht. Eigenes Geld erlaubt es den Frauen schlicht, eine miese Ehe zu verlassen. Eine Beziehung zu führen, die auf Liebe fußt, muss man sich auch leisten können. Sonst handelt es sich um ein Abhängigkeitsverhältnis.

Meine Finanzen waren bis weit in meine erste Festanstellung hinein ein prekäres Auf und Ab. Potsdam ist neben Berlin die teuerste Stadt in Ostdeutschland. Hier eine neue, bezahlbare Wohnung nach einer Kündigung oder Trennung finden zu müssen, bedeutet für viele Menschen die Bedrohung ihrer Existenz. Als ich daher vor einigen Jahren mit meinem neuen Freund zusammenzog, habe ich meine alte Wohnung behalten. Dort wohnt jetzt eine Freundin von mir und ich habe dort – viele Grüße von Virginia Woolf – ein Zimmer für mich allein. Für meine Beziehung bedeutet das: Die Freiheit zu bleiben, weil ich jederzeit gehen kann.