Noch fünf Tage, dann beginnt die 8. Berlin Biennale der zeitgenössischen Kunst. Der kolumbianisch-kanadische Künstler und Kunsthistoriker Juan A. Gaitán hat für die internationale Schau ein ungewöhnliches Konzept. Er wählte zwei Schauplätze in Dahlem, zieht die Koordinaten vom Institut Kunst-Werke in Mitte, seit den Neunziger Jahren Epizentrum des Berliner Kunstbetriebs, zum für ihn viel zu stillen westlichen Stadtrand. Wir fragten ihn, warum.

Herr Gaitán, jede der bisherigen Berlin Biennalen bezog sich auf die politische Geschichte der einst geteilten Stadt, auf die Leerstellen, auch auf den daraus entstandenen Mythos. Nun wählten sie zwei Ausstellungs-Orte am westlichen Stadtrand, wo seit 25 Jahren, verglichen mit dem trendigen Zentrum, nichts mehr los ist? Wieso?

Ich finde es nicht spannend, diesen Trend fortzusetzen. Und Dahlem, dieses Universum der Völkerkunde, wollte ich von Anfang an. Umso mehr, als ich erfuhr, dass die ethnologischen Sammlungen in einigen Jahren ins neue Schloss, dem künftigen Humboldt-Forum dicht an der Museumsinsel, verlagert werden. Wohl für die Tourismus-Maschinerie und damit ja alles schön auf einem Fleck zusammenkommt. Aber da draußen leben auch Berliner, die Kunst brauchen! Und mit der Biennale an diesem Ort will ich Fragen stellen. Ich denke, das kann zu dem Programm, das die Kultur- Verantwortlichen hier haben, ein Beitrag sein. Nicht zuletzt, indem sich die Leute mal in die entgegengesetzte Richtung bewegen, statt vom Stadtrand nach Mitte. Mal sehen, was dann passiert.

Wie kamen Sie dann auch noch aufs Haus am Waldsee?

Darauf kam ich bei der Suche nach weiteren Ausstellungsmöglichkeiten, kreuz und quer durch Berlin. Ich stellte fest, dass all die reizvollen Orte oder Räume, die zuerst leer aussahen, schon jemandem gehören. Alles was wir sahen, was uns geeignet schien, ist im Besitz einer Immobilienfirma.

Das hat Sie irritiert?

Nein, das ist mir nur aufgefallen. Aber der Berlin-Mythos, der, so meine ich, gerade verschwindet, besagt ja, dass es so viel ungenutzten Platz gibt, soviele erschwingliche Räume. Die magische Legende kursiert, aber die Realität ist längst eine andere. Deshalb habe ich ab einem bestimmten Punkt gedacht, es sei wichtig, Orte zu nutzen, die bereits der Kultur gehören. Wir wollten also nicht Räume in etwas transformieren, was sie nicht sind. Das Haus am Waldsee hat eine interessante Geschichte als Zentrum für Gegenwartskunst, als die Stadt in Ost und West geteilt war. Zudem liegt es nahe an den Dahlemer Museen, so dass es für die Besucher relativ leicht ist, sich zwischen den beiden Ausstellungsorten zu bewegen. Zudem kommt man mit der S-Bahn von der Auguststraße zügig raus nach Dahlem.

Das klingt pragmatisch

Ist eher logisch, schließlich ist es das erste Mal, dass die Berlin Biennale ihre Besucher bittet, so weit und quer durch die Stadt zu fahren. Wenn man es den Leuten zu schwer macht, dann werden die Begleitumstände wichtiger als die Kunstwerke in den Ausstellungen.

Sie wollen also auch die Berliner gewinnen, nicht nur die internationale Kunstkarawane?

Das ist einer der Gründe, warum unsere Künstler ihre Werke für gut zwei Monate in die Dahlemer Sammlungen integrieren. Viele Berliner kennen das Museum gut, Gäste von außerhalb aber kaum. Gleiches gilt für das Haus am Waldsee. Was für ein romantisches Setting: eine Villa am See, wo man junge Kunst in einst privaten Räumen, also mit, sagen wir „menschlichen Maßstäben“, zeigen kann und ein Stück weiter weg auch in den Sälen und Kabinetten des Völkerkundemuseums. Beide Häuser wurden übrigens fast zur gleichen Zeit gebaut, um 1920 herum. Auch in diesem Sinne will ich etwas ergründen: Die private Funktion von Kunst. Sie wurde noch nie richtig thematisiert. Normalerweise denken wir bei Kunst an ihre öffentliche Funktion – aber wie steht es um ihre private? Das Machen eines Kunstwerks – ein Künstler, der ein Werk schafft – ist ein privates Ereignis, kein öffentliches. Auch das Nachdenken über Kunst ist privat, es drückt die Auffassung, die Ansicht des Individuums aus, nicht Individualismus, sondern im Sinne von: Was sagt es mir, wo passt es hin ? Wenn sie so wollen, ist dieser Gedanke für mich wie ein Wegweiser.

Wie wollen Sie und die Künstler diese Ideen, dazu all diese Fragen sichtbar machen?

Nun, das eine ist das kuratorische Gerüst. Das andere ist die Ausstellung selbst. Sie funktioniert nach außen, weil sie von den Kunstwerken selber kommt. Ich will kein interpretatives Rahmenwerk, kein Bezugssystem und möchte nicht, dass die Leute denken, es gehe in diesen Werken nur um Privatheit – nein, es ist der Maßstab des jeweiligen Hauses, und wie man darin der Kunst begegnet. Es geht mir auch darum, dass die Besucher entdecken, wie sehr künstlerische Formen zeitweise immigrieren. Das ist aber etwas anderes, als die kunsthistorische These, die Formen seien alle schon mal da gewesen. Dass Formen nomadisieren, weiß jeder, aber mich interessiert, wie sie reisen. Mit anderen Worten, unsere drei Ausstellungen, und die Art wie sie gebaut sind, sollen diese Ideen vermitteln. Und die Tatsache, dass man raus nach Dahlem fahren muss und zurück, die transportiert bestimmt weitere Ideen.

Sie lassen den 50 eingeladenen Künstlern dabei völlig freie Hand?

Es gibt keine Vorgaben. Wir haben viel geredet, aber ich habe nicht gedrängt. In vorangegangenen Biennalen ging es darum, die Künstler mit der Stadt Berlin spielen zu lassen. Heute ist die Welt eine andere, eine viel globalere. Da stellen Künstler ganz andere Fragen, die sie aus ihrem Lebensumfeld, oft aus Krisen-, gar Kriegsgebieten, aus der Geschichte, etwa der kolonialen und postkolonialen, mitbringen. Die Arbeiten selbst wirken, reagieren so autonom wie nur möglich. Außerdem wollten wir so wenig „Eingriffe“ in die Häuser wie möglich, es geht auch darum, den Orten ihren jeweiligen „Spirit“ zu lassen. Wichtiger ist der Moment der Begegnung zwischen Besucher, altem Museums-Objekt und neuer Kunst. Nicht alle Exponate sind dazu bestimmt, auf die gleiche Art gesehen zu werden, wie Recherche-Arbeiten, die viele Künstler zeigen. Es geht auch darum, die Mechanismen des Ausstellens und der Ideologien, die diese Mechanismen durchkreuzen, zu erhellen.

Sie sagten vorhin, der Berlin-Mythos stimme nicht mehr.

Das wird natürlich verneint von all denen, die schon so lange darauf reisen – Tourismus-Industrie, Wirtschaft, Politik. Was ich sehe, ist eine immer noch vielfach geteilte Stadt: Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain Kreuzberg, die Subkultur in Neukölln und am Ostkreuz, der neue Trend nach Tiergarten und Charlottenburg. Und dann brave, beschauliche Bezirke wie Schöneberg, Zehlendorf. Die Leute bewegen sich nicht weg. Es gibt Dahlemer, die nie nach Mitte fahren. Ihre Straßen haben immer noch die alten Namensschilder, zugleich gibt es im Zentrum eine Menge Leute, die nie nach Zehlendorf gehen. Berlin besteht aus unterschiedlichen Städten. Etwa Dahlem: Da gibt es eines dieser alten West-Berliner Cafés, wo man einen Euro für den Kaffee bezahlt. Gegenüber wurde gerade ein junges Café eröffnet, wo sie eine Blume auf den Café Latte malen. Für mich ist das eine Allegorie auf das, wie es heute wirklich ist.

Und wie ist es?

Ich erlebe ein Berlin, das die Transformation relativ entspannt sieht. Wenn man ins Café geht und Englisch redet, kümmert das keinen, auch nicht den, der kein Englisch kann.

Aber wie sehen Sie die Kunstszene in Berlin, es heißt vorwurfsvoll, sie sei längst Teil der Gentrifizierung ...

Gentrifizierung ist ja nicht etwas, das man generiert, indem man da ist. Künstler gehen eben in Räume, wo sie preiswert arbeiten können. Wird es teuer, ziehen sie weiter. Dann wird aus dem Atelier, aus der Galerie ein Schuhladen. Oder eine Kanzlei. Das passiert so in jeder Stadt der Welt.

Das Gespräch führten Irmgard Berner und Ingeborg Ruthe.