Das grundlegend gewandelte Verhältnis zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten im Digitalkapitalismus zählt zu den zentralen Themen der Berlin Biennale. Ihm sind auch diverse Performances und Workshops gewidmet – wie zum Beispiel der von Armen Avanessian und Alexander Martos geleitete dreiwöchige Lehrgang „Discreet“, in dem die Teilnehmer sich zu Agenten in einem neu gegründeten Geheimdienst ausbilden lassen. Warum? Das haben wir Armen Avanessian gefragt.

Sie wollen während der Biennale einen eigenen Geheimdienst gründen. Können Sie uns sagen, was da passiert? Oder ist das geheim?

Es handelt sich um einen Think-and-Do-Tank, der sich damit beschäftigt, wie ein Geheimdienst im 21. Jahrhundert aussehen könnte, der im Auftrag der Bevölkerung handelt – im Interesse des Souveräns, der ja eigentlich der Nutznießer von Geheimdiensten sein sollte. Wir wollen Statuten für einen solchen „neuen“ Geheimdienst entwerfen und in diesem Sinn auch Agenten ausbilden; auf diese Agenten-Ausbildungsplätze konnte man sich bis zum Beginn der Biennale bewerben.

Nun würden ja sowohl die NSA als auch der BND jederzeit behaupten, im Auftrag und Interesse des Souveräns zu handeln. Wer definiert denn, was dieses Interesse ist?

Die Grundannahme des Projekts lautet, dass die entscheidende ökonomische und politische Ressource des 21. Jahrhunderts Daten und Informationen sind. Es gibt nun die Gruppe der großen Datensauger, also ökonomische Konglomerate wie Google, Facebook und Apple, die dem Souverän die Kontrolle über seine Daten entziehen. Gegen diese Konzerne sind die Geheimdienste die einzigen denkbaren Gegenspieler, die ein vergleichbares Know-how besitzen; sie könnten den Souverän vor den Konzernen schützen. Das Problem ist nur, dass etwa die NSA eben nicht für den Souverän arbeitet, sondern ihn ihrerseits ausspioniert – mit der Begründung, dass wir uns in einem Krieg gegen den Terror befinden. Dieser Krieg wurde aber einseitig ausgerufen, ohne den Souverän zu konsultieren. Er dient den Geheimdiensten als Argument dazu, unsere Persönlichkeitsrechte zu beschneiden und das heißt: unsere Souveränität.

Soll man die Geheimdienste also auflösen, wie es etwa die Linkspartei fordert?

Nein, das halte ich für naiv. Und diese naive linke Position ist im übrigen nur das Spiegelbild der reaktionären rechten, die sagt: Wir können die Entscheidung über den Gegenstand der Geheimdienste dem Souverän gar nicht überlassen. In Wirklichkeit geht es nicht um Allmacht oder Entmachtung; es geht darum, die Ziele und Arbeitsweisen neu zu bestimmen.

Was heißt das konkret?

Ich wüsste zum Beispiel gern, wie die Algorithmen funktionieren, die Google benutzt; was in den bislang geheimen Unterlagen zum TTIP-Abkommen drinsteht; wie viel Geld abgeschöpft wird, wenn ich die sozialen Medien gebrauche. Momentan geht die Tendenz aber dorthin, dass sowohl die Geheimdienste als auch die kapitalistischen Datenkraken sich auf die Ausforschung unseres Privatlebens stürzen, während die politisch und ökonomisch relevanten Informationen geheim bleiben.

Das heißt, Sie wollen einen Geheimdienst entwerfen, der demokratisch entscheiden lässt, was er transparent macht und was nicht.

Wir brauchen eine Ethik des Leakens, gerade auch als linke Theoretiker oder politische Aktivisten. Diese Ethik kann man nicht theoretisch entwickeln, sondern nur, indem man Experten aus unterschiedlichen Feldern zusammenbringt: Finanzexperten, Hacker, Juristen. Das wollen wir auf der Berlin Biennale versuchen, in der Akademie der Künste am Pariser Platz – an diesem neuralgischen Ort mit der US-Botschaft und der NSA auf der einen Seite und dem Kanzleramt mit Merkels Mobiltelefon auf der anderen Seite.

Was genau wird da passieren?

Wir schaffen mit künstlerischen Mitteln erst einmal einen Raum, an dem man über einen „anderen“ Geheimdienst spekulieren kann: ein Setting, in dem unterschiedliche Diskurse zueinander kommen und Experten sich von den auszubildenden Agenten befragen lassen, zum Beispiel ein Wissenssoziologe, ein Kryptografie-Experte, eine Geheimdiensthistorikerin… Jeden Donnerstag gibt es öffentliche Veranstaltungen, in denen sich das Publikum über die Arbeit informieren kann. Und jeden Tag semi-öffentliche Events, bei denen man in die eigentlich geheimen Arbeitsgespräche hineinsehen kann.

Ihr Kunstwerk ist also ein inszenierter Diskurs.

Das Kunstwerk ist der imaginäre Raum für den zu führenden Diskurs. Ein Raum zum Nachdenken, aber kein Seminarraum. Und ein Raum, der ebenso transparent wie geheim ist: semi-permeabel. Wir wollen mit unseren theatralischen und künstlerischen Mitteln also kein Werk produzieren, sondern ein Setting im psychoanalytischen Sinn. Dieses Setting performt das Paradox des Geheimdienstes im 21. Jahrhundert.

Das Gespräch führte Jens Balzer.