Als Viktoriia Temnowa nach ihrer Flucht aus der Ukraine Mitte März über die Slowakei Berlin erreichte, war sie sich sicher, dass sie nie wieder auf den Auslöser ihrer Kamera drücken würde. Alles in ihr habe sich wie tot angefühlt, erinnert sich die Fotografin. Schlimmer noch, ihr Lebenswerk sei zurückgeblieben in der damals von der russischen Armee belagerten und bombardierten ukrainischen Hauptstadt Kiew.

„Ich war vor Kriegsbeginn Ende Februar eine bekannte Fotografin in der Ukraine, und im März stand ich mit nichts da, als Flüchtling in Berlin“, meint Temnowa. Die Fotografin zählt ihre wichtigsten Kunden in der Ukraine auf und nennt Modemagazine wie Vogue und Marie-Claire. Prêt-à-porter kam ihr dabei aber nicht vor die Linse. Temnowa trägt Stiefel zu einem luftigen pinken Oberteil. Sie bildete den Stil der ukrainischen Hauptstadt ab.

Verspieltes wie aus einem japanischen Manga mischt sich in Kiewer Szenevierteln wie Podil gerne mit Androgynität und einer Prise Punk. Temnowa schneiderte auch selbst Kostüme für ihre Shootings. Berlin kannte sie von Urlaubsreisen und Besuchen bei Freunden. „In meinem alten Leben war Berlin einfach eine tolle Stadt, die mich sehr an Kiew erinnert hat. Nur dass in Kiew alles viel schneller ist“, sagt sie.

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Fotografin Vika Temnowa

Temnowa sitzt auf einer Chaiselongue in einer Etagenwohnung an der Leibnizstraße 57. Die hohen Decken über ihr sind mit Stuck verziert. Die Wände sind so pink wie Temnowas Oberteil. Eine Fantasiewelt, in der aus Ideen Kunst werden soll.

Die Fotografin ist eine von 16 Künstlerinnen und Künstlern, die Zimmer in dem sogenannten Art Shelter in Charlottenburg bezogen haben. Der Name erinnert an die englische Bezeichnung für Luftschutzkeller, „Air Shelter“. Aber auf den 500 Quadratmetern unweit des Kurfürstendamms wird der Krieg zu Kunst transformiert. „Make Art, not War“, hat jemand auf ein Sofa gepinselt.

Künstler stellen Anträge

Der Frauenanteil überwiegt wie in der gesamten ukrainischen Exil-Community auch in der neuen Künstlerresidenz. Zwei Künstler sind unter den 16, die eine Jury für das Wohn- und Arbeitsprojekt ausgewählt hat. Sie sind aufgrund medizinischer Indikationen vom im Kriegsrecht geltenden Ausreiseverbot für ukrainische Männer im wehrfähigen Alter ausgenommen. Die Künstler verteilen sich in der Etagenwohnung auf verschiedene Zimmer. Viele sitzen auf Klappstühlen und beugen sich über Papiere. Sie müssen Anträge beim Jobcenter stellen. Es ist seit dem 1. Juni für Geflüchtete aus der Ukraine zuständig und übernimmt auch die Mietkosten in der Künstlerresidenz.

Die Berliner Immobilienexpertinnen Maya Miteva und Anaïs Cosneau haben das Schmuckstück an der Leibnizstraße über ihr Frauennetzwerk gefunden. Sie beraten und unterstützen Frauen beim Immobilienkauf. Die ungewöhnlich anmutende Gestaltung der Etagenwohnung erklärt sich mit der vorherigen Nutzung. Sie beherbergte einst ein Edel-Bordell. Miteva und Cosneau schildern ihre anfänglichen Bauchschmerzen in Anbetracht der Geschichte der Etagenwohnung. Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist eines der schmutzigsten Kapitel des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. „Aber alle Künstlerinnen, die hier waren, waren sofort von dem Ort begeistert“, meint Miteva.

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Art Shelter im ehemaligen Bordell

Fläche umfasst 500 Quadratmeter

Tatsächlich bietet die 500-Quadratmeter-Fläche ausreichend Raum sowohl für das Leben der 16 Künstlerinnen und Künstler als auch für ihre Arbeit und ihre Präsentation. Ziel sei es, die Künstler rasch in Kontakt zu bringen mit der Berliner Kunstszene. Dazu seien private Veranstaltungen geplant, meint Miteva.

Wie viel wissen wir von Osteuropa?

Sybill Schulz, Weiberwirtschaft

Neben den beiden Immobilienexpertinnen gehört auch Sybill Schulz zu dem das Projekt Art Shelter tragenden Netzwerk. Schulz ist Aufsichtsrätin bei der Frauengenossenschaft Weiberwirtschaft. Sie sieht im Art Shelter auch eine Chance für die Berliner Kunstlandschaft, den Blick für die Ukraine und für Osteuropa allgemein zu schärfen. „Wie viel wissen wir von Osteuropa und den Veränderungen, die es dort gegeben hat? Ich glaube, wir haben dafür in der Vergangenheit zu wenig Interesse gezeigt. Es braucht einen neuen Dialog zwischen Ost- und Westeuropa, und Kunst kann dabei ein Medium sein“, meint Schulz.

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Ukrainische Künstler im Art Shelter, einem ehemaligen Bordell

Ukrainische Kunstszene blickt nach Westen

Der Blick der ukrainischen Kunstszene ging dagegen schon lange in Richtung Westen. Dies hänge mit den Bedingungen in der Ukraine zusammen, erklärt die Designerin, Musikerin und Produzentin Anastasiia Pasechnik. Sie stammt aus der nordostukrainischen Großstadt Charkiw und lebte schon vor dem russischen Überfall auf die Ukraine in Berlin. In der Ukraine sei es für Künstler schwer, Geld zu verdienen. Der eigentliche Markt für Kunst aus der Ukraine sei schon seit langer Zeit in Westeuropa und den USA gewesen.

Meine Familie hat seit Tagen keinen Strom. Ich kann sie nicht erreichen.

Anastasiia Pasechnik, Art Shelter

Pasechnik wirbelt zwischen den Künstlern auf den Sofas und Klappstühlen durch die riesigen Räume der Etagenwohnung. Sie ist in ihrem Berliner Leben derzeit mit der Organisation der Künstlerresidenz beschäftigt und hat etwa über Verschenkbörsen im Internet Möbel für die Wohnung oder gespendete Künstlerutensilien organisiert. Gleichzeitig werde sie absorbiert von den Sorgen um die Familie in Charkiw. Die ukrainische Armee brach zwar den russischen Belagerungsring um die Stadt. Doch Raketen und Bomben explodieren dort noch immer. „Meine Familie hat seit Tagen keinen Strom. Ich kann sie zurzeit nicht erreichen“, sagt Pasechnik. Ihr gehe es nicht anders als den anderen Ukrainern, die um sie herum in der Wohnung etwas Neues beginnen wollten. Leicht falle das nicht.

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Maler Anton aus Mariupol

Künstler setzen sich mit Traumata auseinander

Einge Künstler setzten sich in ihren in Berlin begonnenen Arbeiten mit dem Krieg und dem eigenen Erleben auf der Flucht auseinander. „Manche wollen lieber mit ihrer Kunst jetzt wie der Phönix aus der Asche davonfliegen“, meint Pasechnik.

Viktoriia Temnowa hat wieder mit dem Fotografieren begonnen. Im Moment seien Ukrainerinnen in Berlin ihre Motive. Viele von ihnen fühlten sich durch Krieg und Flucht zumindest innerlich gezeichnet und litten darunter. „Ich mache das, was ich auch in Kiew gemacht habe. Ich zeige ihnen, dass jeder Mensch schön ist“, sagt die Fotografin.