Die Anti-Corona-Maßnahmen sind heftig umstritten. Zu Recht. „Lockdown light“ ist die Parole. Teile des Gaststätten- und Hotelgewerbes, der Kultureinrichtungen und der Eventplaner werden an dieser Leichtigkeit zugrunde gehen. Musiker zum Beispiel sind seit Jahren auf Veranstaltungen, auf Live-Auftritte angewiesen. Selbst bei erfolgreichen Schriftstellern spielen die Einnahmen durch Lesungen eine erhebliche Rolle. Der Jazz-Trompeter Till Brönner hat mit seiner wütenden Warnung völlig recht: „Wenn ein gesamter Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass die Menschen nach Corona noch da sind.“

Vor zwei Wochen war ich im Theater und sah mir das neue Stück von Yael Ronen an: „Death Positive – States of Emergency“ heißt es. Man konnte wieder einmal sehen, warum wir Theater brauchen. Ronen zeigte uns die Corona-Situation im Theater und in unseren Köpfen. Sie hatte keine Antworten, aber sie stellte die richtigen Fragen. Auch die unerlaubten: „Warum soll ich euch glauben, wo ihr uns doch beim NSU jahrelang betrogen habt?“ Im Zuschauerraum stand nur jede zweite Stuhlreihe. Zwischen mir und meiner Nachbarin waren vier Stühle leer. Wer nicht will, wird sich nicht anstecken im Theater. Es ist alles dafür getan, einem das schwer zu machen. In den Restaurants sieht es sehr unterschiedlich aus. In dem einen sitzen die Menschen sehr dicht beieinander, in dem daneben saß ich drei Stunden mit meinem Sohn allein.

Beide müssen jetzt einen Monat lang dichtmachen. Gerecht ist das nicht. Wenn man dann noch daran denkt, dass manche Unternehmen Hunderte oder gar Tausende Euro ausgegeben haben, um für Abstand, Hygiene und Frischluft zu sorgen, dann versteht man die Wut und erschrickt darüber, dass sie vielerorts umzukippen droht in Verzweiflung. Geld soll helfen. Kein Wort dagegen: Geld kann helfen. Es muss mit Geld geholfen werden. Das heißt aber auch, dass es irgendwo von irgendwem verdient werden muss.

Wir müssen handeln, ohne genau zu wissen, was nötig und was richtig ist

Die Einnahmen werden aber immer geringer. Nur ein Beispiel: Der Frankfurter Flughafen hatte im August 2019 mehr als 6,9 Millionen Passagiere befördert. Im August 2020 waren es gerade noch etwas mehr als eineinhalb Millionen. Das war freilich eine gewaltige Steigerung gegenüber den 188.000 von April 2020. Klimapolitisch mag man das begrüßen, und man wird auch an anderen Stellen froh sein, wenn das Wachstum reduziert wird. Allerdings sollten wir uns keine allzu großen Hoffnungen machen. Selbst die doch sehr kräftigen coronabedingten Einschnitte haben unsere Ökobilanz nicht entscheidend verbessert. Das Virus hat bisher den Klimakiller Mensch nicht wirklich aufgehalten. Immerhin wird uns klar, wie gewaltig die vor uns liegenden Aufgaben sind, wenn wir uns wirklich daran machen wollten, uns unserer Selbstabschaffung in den Weg zu stellen.

Noch etwas macht uns der Kampf gegen das Virus klar. Wir müssen handeln, ohne genau zu wissen, was nötig und was richtig ist. Wir erinnern uns, wie Kindergärten und Schulen geschlossen wurden. Jetzt sehen wir, dass diese Einrichtungen geöffnet bleiben. Ich zweifle daran, dass irgendjemand wirklich sagen kann, welche der Maßnahmen vernünftiger ist. Wir probieren aus. Aber kontrollieren wir auch das Geschehen? Die großen Demonstrationen, bei denen Zehntausende eng nebeneinander durch die Städte liefen und zum Beispiel „Black Lives Matter“ riefen, führten sie zu mehr Infektionen? Wird das untersucht?

Im Fernsehen sah ich eine Dame, die über neunzig Jahre alt ist, sie erklärte: „Das Umarmen, das Anfassen gehört doch dazu. Es fällt mir sehr schwer, darauf zu verzichten. Ich weiß, ich muss es tun, aber es fällt mir sehr schwer.“ Ich bin 74, gehöre der Hochrisikogruppe an, habe aber den Vorteil, dass ich körperliche Nähe eher scheue. Ich muss schon Feuer gefangen haben, bevor ich jemanden anfasse. Dennoch: Es zerstört ein Gemeinwesen, wenn wir uns daran gewöhnen sollen, in jedem anderen einen uns tödlich bedrohenden Feind zu sehen. Das Virus wird, je länger wir mit ihm leben, desto einschneidender unser Leben bestimmen und also auch die natürliche Auslese. Die mediterrane Leichtigkeit, die an einigen Orten Eingang gefunden hatte in unsere Umgangsformen, wird verloren gehen. Die Stockfische unter uns werden überleben.

Menschen also, die keinen Sport machen, die nicht tanzen und singen, die nicht unter Menschen gehen, die lieber allein an ihrem Computer hocken. Das ist der neue Sozialisationstyp, der sich in der Corona-Epoche hochmendeln wird. Wir sollten darauf achten, zu verhindern, dass er unsere Gesellschaft prägt. Eines der bewährtesten Mittel dazu ist, was früher einmal Kultur hieß, was wir heute Freizeitindustrie nennen und gerade geschlossen haben. Für einen weiteren Monat.