BerlinIhr Gesicht mutet an wie eine zerklüftete Landschaft. Ihr Gang ist der einer Priesterin. Wenn sie spricht oder singt, kommt alles sonst zum Schweigen. Die greise Mantoa begibt sich noch einmal zu ihrem Dorf in den Bergen, sie will heimkehren in den Schoß der Erde, dem sie entstammt. Der Friedhof mit allen geliebten Ahnen soll auch ihre Wohnung werden. Doch als sie im Tal zwischen den bewaldeten Bergen ankommt, stößt sie auf Ungeheuerliches: Die Grabstätten sind von Müll überhäuft, die verbliebenen Familien haben resigniert, es gibt nichts mehr zu tun, weder für die Lebenden noch für die Toten. Denn Spekulanten haben das einst paradiesische Tal an sich gerissen, ein gigantischer Staudamm soll erreichtet werden. Bäume, Tiere, Häuser, Gräber – alles muss weichen, und das schon bald. Mantoa vertagt ihr Vorhaben. Sie kann jetzt noch nicht sterben. Sie wird zur Rebellin, schiebt ihren Tod auf, um die Lebenden zu retten.

Der Spielfilm „This is not a Burial, it's a Resurrection“ (Das ist keine Beerdigung, sondern eine Auferstehung) aus dem von Südafrika umschlossenen Königreich Lesotho kommt nach triumphalen Aufführungen in Venedig und Sundance endlich auch nach Berlin; leider vorerst nur in der Online-Ausgabe des diesjährigen „Afrikamera“-Festivals. Hoffentlich schließt sich „in normalen Zeiten“ ein reguläres Kinoabspiel auch in Deutschland an. Denn das zweistündige Opus von Lemohang Jeremiah Mosese entfaltet seine magische Energie erst auf großer Leinwand.

Der Film erschöpft sich dabei keineswegs in überwältigenden Bildern und ergreifenden Stimmungen. Es geht ganz konkret auch um Machtverhältnisse sowie um die Ermunterung, diese nicht klaglos hinzunehmen. Es geht um Zivilcourage und um die Kraft der Schwachen. Einen besseren Eröffnungsfilm für die diesjährige Festivalausgabe hätte es kaum geben können. Ihm folgen weitere Beiträge mit ähnlichen Intentionen, dies fiktional wie dokumentarisch.

„Softie“ von Sam Soko aus Kenia begleitet den unabhängigen Parlamentskandidaten Boniface Mwangi bei seinen Versuchen, das Monopol der korrupten politischen „Eliten“ zu brechen. Im angolanischen Spielfilm „Air Conditioner“ werden surreale Unfälle in den Straßen der Hauptstadt Luanda zum Gleichnis für die bröckelnde Allmacht des Establishments. Der senegalesische Kurzspielfilm „Tabaksi“ grübelt über den Sinn von Opferungen und ihrer Darstellung in der Kunst nach. Ebenso wie das Essay „Fahavalo, Madagascar 1947“ (über einen blutig niedergeschlagenen Aufstand gegen die französische Kolonialmacht) schöpft er Hoffnung aus den Wunden der Vergangenheit.

Mit dem Abschlussfilm „Poppie Nongena“ aus Südafrika schließt sich dieser Kreis. Wieder steht eine starke Frau im Zentrum. Die zunächst unscheinbare Titelfigur arbeitet 1976 in einem bürgerlichen weißen Haushalt als Dienstmagd und ernährt damit ihre Großfamilie. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wird sie aus relativ behüteten Verhältnissen mitten ins Zentrum der Apartheid-Willkür katapultiert. Fast droht sie zu zerbrechen, doch sie widersteht.

Afrikamera 2020: Urban Africa, Urban Movies: Politics & Revolution, leider nur Online: www.afrikamera.de, 17.–22. November