Am Haus der Kulturen der Welt beginnt das Sommerprogramm.
Foto: Volkmar Otto

BerlinDer Plan für das diesjährige Wassermusik-Festival im Haus der Kulturen der Welt (HKW) war ziemlich perfekt: Ein Programm, das an die Ufer des Mississippi führt, wo einst der Blues entstand. Eine Rückkehr an die Wiege des Pop also, aber auch an die ehemalige Verkehrsader für Plantagenwirtschaft und Sklaverei. Und angesichts der aktuellen Rassismus-Debatten wären auch sicher viele gekommen, um genauer hinzuhören.

„Sehr ärgerlich“ sei es für Detlef Diederichsen, Leiter des Bereichs Musik und Performing Arts am HKW gewesen, das ursprüngliche Programm pandemiebedingt abzusagen. Aber: „Wir freuen uns, dass wir das neue Festival in so kurzer Zeit mit fast allen Wunschkandidat*innen auf die Beine stellen konnten.“ Gerade mit Blick auf die Berliner Kultur- und Clubszene will Diederichsen nicht klagen: „Ihre Situation ist dramatisch, wir mit unserer Dachterrasse sind da sehr privilegiert, weil wir draußen veranstalten können.“

Und weil Privilegien geteilt werden wollen – aber auch, weil die Reisebeschränkungen teils immer noch gelten – bespielen bei „20 Sunsets“ Berliner Künstler die Fläche unter dem filigran gebogenen Dach des HKW. Einige Abende entstehen in solidarischer Kooperation mit lokalen Kulturproduzenten, etwa dem Ausland, einem Ort für experimentelle Musik im Prenzlauer Berg, das derzeit keine Veranstaltungen anbieten kann.

Mit dabei sind auch die Neuköllner Lesereihe Kabeljau & Dorsch sowie das Flaneur Magazin, das bereits mit den Winkeln der Dachterrasse gespielt hat und diesmal seinen Podcast launchen wird. Nicht zu vergessen das Arsenal – Institut für Film und Videokunst, das mit sorgsam ausgewählten Filmen das Publikum Ländergrenzen überwinden lässt: An sechs Wochenenden geht es  etwa in die touristisch strapazierten Alpen, ins Vierländer-Eck zwischen New Mexico, Arizona, Colorado und Utah und in die Wüste, erzählt mal aus der Perspektive von Enrique, der als Sklave Ferdinand Magellans genauso als erster Weltumsegler in die Geschichte eingegangen sein müsste, mal von kritisch-reflektierenden Tieren.

Nur 300 Gäste dürfen zu den Konzerten kommen, 150 zu den Lesungen

Zu den Konzerten darf das Haus lediglich 300 Gästen Einlass gewähren; für die Literaturveranstaltungen sind 150 Personen geplant. Weil die Bestuhlung ausgelassenes Tanzen aus gutem Grund unmöglich macht, lässt man es ruhig angehen mit akustischer, teils elektroakustischer Musik von Singer/Songwriting über südamerikanische und arabische Klänge bis Ambient. Wobei es bei dem Auftritt von Bernadette La Hengst gut sein kann, dass sich die Gäste zum Wippen auf ihren Sitzen hinreißen lassen. 

Am Montag vor der Eröffnung türmen sich die Stühle noch im Schatten hinter der Konzertbühne, wo ein Crew-Mitglied sie gerade sauber wischt. Ein dunkelgrüner Stuhl steht an der Kante der Spree-Terrasse, in mehr als sicherem Abstand zu allem, aber auch ein wenig einsam.

Dass es keinesfalls so bleiben soll, erzählt Mathias Zeiske, Leiter des Literaturprogramms im HKW, als er die Treppen zur Terrasse hochkommt: „Wir wollten nicht bloß Autor*innen einladen, die ihr Buch lesen, sondern dass es vielstimmig wird, dass die Texte mehrerer Leute im Dialog sind, sodass etwas Geselliges entsteht“, erklärt er. Deshalb wird die legendäre Erzählung „Die Henne und das Ei“ zur Feier von Clarice Lispector, die in diesem Jahr 100 geworden wäre, auch performativ aufbereitet: Mit an ihrem Körper befestigten Klangquellen wird die kolumbianische Soundkünstlerin Lucrecia Dalt zwischen den Sitzreihen wandeln und dabei Sounds erzeugen, die den Text bereichern. Vielstimmig wird auch der Abend mit Olivia Wenzel, die mit ihren Mitstreitern Banafshe Hourmazdi, Malu Peeters und Minh Duc Pham öffentliches, privates, klangliches Feedback auf ihr autofiktionales Debüt „1000 Serpentinen Angst“ um eine junge, schwarze, in der DDR geborene Frau verarbeitet.

Wer sich die weiteren Namen im Programm zu Gemüte führt, kann sich guten Gewissens überzeugen lassen: 20 Sunsets ist keine behelfsmäßiges Corona-Programm, sondern das lang ersehnte kulturelle Miteinander, auf das alle gewartet haben.

Die Konzertreihe „20 Sunsets“ findet vom 16.7. bis 23.8. statt. Tickets, Infos und Programm unter:  hkw.de/20sunsets