BerlinIn Berlin leben 114.000 Polen. Sie stellen in der Hauptstadt die größte Einwanderergruppe aus einem EU-Mitgliedsland dar. Seit der Machtübernahme der PiS-Regierung in Warschau ist die deutsche Hauptstadt ein Knotenpunkt für all jene Polen geworden, die sich in ihrem Land nicht mehr sicher fühlen. Darunter sind viele Menschen aus der LGBT+-Community, die vor der homophoben Rhetorik der polnischen Regierung nach Deutschland flüchten.

Seit der Verschärfung des Abtreibungsverbots durch das polnische Verfassungsgericht, das selbst Abtreibungen von schwer missgebildeten Föten unter Strafe stellt, fällt Berlin als Fluchtort eine zentrale Rolle zu. In Polen gilt Berlin als offene und tolerante Stadt. Sie ist zu einem Zentrum für polnische Widerstandskämpfer aus dem liberalen Milieu geworden, die sich für LGBT- und Abtreibungsrechte engagieren.

Das Zentrum der polnischen Proteste ist Warschau. Am 30. Oktober kamen hier über 100.000 Menschen zusammen.
Foto: imago images/Lukasz Szczepanski

Unter den Exilanten befinden sich auffällig viele Musiker und Künstler, wie etwa die Sängerin Mary Komasa, die mit dem Kurs der polnischen Regierung nicht einverstanden sind. Deswegen finden so viele Demonstrationen gegen das polnische Abtreibungsgesetz in Berlin statt, etwa wie jüngst am Brandenburger Tor oder vor dem Polnischen Institut in Berlin-Mitte.

Die Berliner Proteste gehen noch auf einen anderen Umstand zurück. Hier lebt nämlich eine der geistigen Köpfe des Abtreibungsverbots, die Verfassungspräsidentin Julia Przylebska. Sie ist die Ehefrau des polnischen Botschafters in Berlin, Andrzej Przylebski, und residiert in einer Villa am Grunewald. Von hier aus pendelt sie regelmäßig ans Verfassungsgericht in Warschau. 

In den vergangenen Nächten dürfte die 2017 berufene oberste Richterin kein Auge zubekommen haben, denn Frauenrechtlerinnen haben die Adresse ihres Privathauses herausgefunden und zu Protestaktionen aufgerufen. Hunderte Demonstranten kamen an mehreren Abenden vor der Villa zusammen und verteilten in der Nachbarschaft Flugblätter – etwa an Nachbarn oder das Lieblingsrestaurant des Botschafterpaares –, die über die Identität von Julia Przylebska und das von ihr verantwortete Abtreibungsverbot informierten.

Außerdem wurde ein U-Bahn-Waggon der Linie 8 mit einem regierungskritischen Slogan beschmiert („Wypierdalac“ / zu Deutsch: „Verpisst euch!“). Das Berliner Aktionsbündnis Dziewuchy Berlin hat sich bereits von der Beschmierung distanziert. Die BVG hat die Schmierereien bestätigt und die Ermittlungen aufgenommen. Der U-Bahn-Wagen befinde sich in der Werkstatt und werde aktuell gereinigt, sagte die Pressesprecherin der BVG, Petra Nelken.

Fotomontaż? Zjęcie i film wagonu linii U8 w Berlinie krąży po kanałach społecznościowych.

Gepostet von Cosmo - Radio po polsku am Sonntag, 1. November 2020

Viele dieser Aktionen wurden in Polens Aktivistenkreisen positiv aufgenommen, aber es gab auch Kritik, vor allem in den sozialen Netzwerken, wo es hieß, dass radikale Proteste die zahlreichen gemäßigten Demonstranten verprellen könnten. Man sieht also: Die Polarisierung des Landes manifestiert sich auch in Berlin.