Erik Schmitt kommt ein bisschen zu spät zum Interview. Der Regisseur ist müde, sein Film „Cleo“, der in der Sektion Generation der diesjährigen Berlinale läuft, ist erst vor wenigen Tagen fertig geworden. Der Film ist ein modernes Berlinmärchen über eine junge Frau namens Cleo (Marleen Lohse), die quer durch die Stadt auf Schatzsuche geht. Sie sucht nach der versteckten Millionen-Beute der Gebrüder Sass, zweier Einbrecher aus der Zeit der Weimarer Republik, die bis heute nicht gefunden wurde.

Herr Schmitt, was war Ihr Lieblingsfilm als Kind?

Da gibt es mindestens zwei: „Die unendliche Geschichte“. Und später natürlich die „Zurück in die Zukunft“-Trilogie! Die schaue ich heute noch gerne.

Was war die Inspiration für Ihren ersten Spielfilm „Cleo“?

Diese Stadt war die Inspiration dafür. Die Gedanken und die Geschichten, die ich in den 17 Jahren Zeit gesammelt habe, in denen ich hier lebe. Ich wollte das alles in einem Film spielerisch zusammenfassen. Und der sollte bunt, vielfältig, aber auch tragisch und melancholisch sein … eben wie die Geschichte von Berlin selbst.

Der Film ist sehr hier in der Hauptstadt verankert. Wie haben Sie hier in Berlin die Drehorte für „Cleo“ ausgesucht?

Sehr unterschiedlich, wir haben ja 70 verschiedene Drehorte im Film. Manche davon sind persönliche Lieblingsorte. Andere sind historisch interessant. Und andere Untergrundorte sind so einzigartig, dass wir dort unbedingt drehen wollten. Zwar werden auch Menschen, die Berlin vielleicht nicht so gut kennen, ein paar Orte wiedererkennen: die Oberbaumbrücke und den Alexanderplatz zum Beispiel. Aber in „Cleo“ zeigen wir eben auch versteckte und geheime Ecken der Stadt.

Im Film beklagt sich Cleo über den Dreck und die Verrückten in Berlin. Sie führt Safari-Touren durch Berlin, die Stadt als Zoo quasi.

All das gehört dazu in dieser Stadt, das muss Cleo wieder lernen. Der Dreck und die verrückten Leute stören Cleo ja auch in einem Moment im Film, in dem sie nicht mehr im Einklang mit der Stadt ist und diese von außen betrachtet. Aber das Dunkle, Untergründige ist immer auch ein Teil von uns. Wir wollten deshalb für den Film auch in den Untergrund gehen, an die Orte, die man vielleicht nicht immer sehen will, die wir oft gar nicht wahrhaben wollen. Berlin ist keine Oberflächen-Stadt, die nur aus Postkartenbildern besteht. Die Stadt verändert sich sehr schnell. Jeder, der hier etwas länger lebt, weiß das. Uns ging es darum, zu zeigen, ja, das passiert, und trotzdem hat Berlin diese einzigartige Geschichte, die es nur hier gibt. Der Film kann in keiner anderen Stadt spielen. Er muss in Berlin spielen.

Den Topos der Personen, die etwas verschroben und eigen sind, gibt es im Kino öfter. Wie sind Sie bei der Charakterisierung der Figur von Cleo vorgegangen?

Cleos Geschichte ist ein Symbol für den Verlust der Kindheit: Sie verliert mit ihren Eltern ebenfalls ihre Kreativität und ihre Fantasie. Nicht jeder hat als Kind den Verlust seiner Eltern erleben müssen, aber jeder hat diesen Verlust der Kindheit erlebt. „Cleo“ erzählt die Geschichte, wie man da vielleicht wieder hinkommen kann, durch Aufmerksamkeit, durch den Blick auf Details. Um die Mauer zu durchbrechen, die wir damals gebaut haben.

Wie kamen Sie auf die Gebrüder Sass? Die gab es ja wirklich. Liegt der geraubte Schatz von 1929 tatsächlich noch irgendwo in Berlin?

Die Gebrüder gab es, das ist Fakt. Das Gerücht kursiert, dass deren Schatz irgendwo im Grunewald liegen soll. Ein Kommissar soll damals beobachtet haben, wie die Gebrüder Sass mit Schaufeln und mit Dreck beschmiert aus dem Grunewald kamen. Die Idee, dass der Schatz ausgerechnet an der Stelle vergraben wurde, wo später Hitlers Wehrtechnische Universität gebaut wurde und noch später der Teufelsberg aufgeschüttet wurde, ist von uns erdacht. Aber es könnte theoretisch stimmen. Es gibt immer noch Leute, die danach suchen. Auf unserer Locationtour sind uns mehrere begegnet. Der Schatz wurde nämlich immer noch nicht gefunden.