Das Filmtheater am Friedrichshain.
Foto: Sabine Gudath

BerlinEs ist leer im Filmtheater am Friedrichshain: Die Gänge sind verlassen, keine Schlangen an den Kassen oder den Toiletten. Der erste Kinoabend nach drei Monaten Zwangspause bringt nur wenige Film-Liebhaber in das Lichtspielhaus. Auch die Premiere von „Undine“, der Film, der Schauspielerin Paula Beer auf der Berlinale den silbernen Bären einbrachte, füllt die Ränge nicht. 

Für die 75 Plätze im Saal 1 wurden 38 Karten verkauft - ohne Corona würden 323 Sitze zur Verfügung stehen. Während einige noch auf ihre Vorstellung warten, kommen andere schon aus den Sälen heraus: „Nicht anders als sonst“, meint einer der Kinobesucher: „Man ist ja eher selten in einem vollbesetzten Kino.“ „Es sind die Folgen des Lockdowns, die sich an diesem Abend zeigen“, sagt Christian Bräuer, der Geschäftsführer der Yorck-Kino-Gruppe und Vorstandsvorsitzender der AG Kino. „Dass die Kinos wieder geöffnet sind, muss sich erst einmal rumsprechen.“ Dennoch zieht Bräuer am Freitagmorgen eine positive Bilanz des ersten Kinoabends: „Es gibt viel Unterstützung, sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war gestern da und einige Vorstellungen waren tatsächlich ausverkauft.“

Für die Öffnung hat der Kinobetreiber strenge Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Sie sind in einem 30-seitigen Handbuch festgehalten: So gibt es getrennte Türen für Ein- und Ausgang ins Kino und in die Säle. Muss jemand während des Films zur Toilette, können er oder sie also nicht einfach aus dem Saal gehen, sondern man muss einmal außen herumlaufen. Zudem müssen die Besucher beim Kartenkauf ihre Kontaktdaten hinterlassen und bis zu ihren Plätzen Masken tragen. Dort angekommen dürfen sie diese absetzten, dann kann man immerhin wie gewohnt Popcorn essen und Cola trinken.

Außerdem sind neben jeder Besuchergruppe mindesten zwei freie Plätze, um den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern zu garantieren. Das führe laut Bräuer dazu, dass selbst bei ausverkaufter Vorstellung der Saal immer noch sehr leer scheine. Für die Besucher kann das auch angenehm sein: Keine Diskussion darüber, welcher Getränkehalter zu welchem Platz gehört und kein Darübersteigen über Rucksäcke, die im Gang stehen, die können auf die freien Plätze und für die größeren: Endlich Beinfreiheit in alle Richtungen.

Die Maßnahmen kommen gut an: Alle, der von der Berliner Zeitung befragten Kinobesucher, sagten, dass sie sich sicher gefühlt hätten. Auch Manuela Bär hat keine Angst, sich im Filmtheater am Friedrichshain mit Corona anzustecken: „Auf der Arbeit sind wir doch viel näher zusammen.“

Zu den Wenigen, die es heute ins Kino geschafft haben, gehören auch Ingeborg Rothe und Wolfgang Striebitz. „Wir waren in der letzten Vorstellung im März auch hier, umso glücklicher sind wir, dass das Kino jetzt wieder offen ist“, erzählen sie. Normalerweise gehe er jede Woche ins Kino, sagt Wolfgang Striebitz. „Jetzt sind wir euphorisiert, aber erschrocken darüber, dass es so leer war“, meinen die beiden, die es sich nach der Vorstellung auf den Bierbänken des Sommergartens bequem gemacht haben. Für sie hatte die Leere aber Vorteile: Da sie die Karten nicht online kaufen können, befürchteten sie, keine mehr zu bekommen: Fehlanzeige! „In unseren Film waren wir nur zu viert!“

„Hier kommen doch nicht einmal die Betriebskosten rein“, sagt ein Angestellter. Obwohl die Abendvorstellungen bald beginnen, genießt er eine Raucherpause vor dem Filmtheater. Geschäftsführer Christian Bräuer gibt ihm recht. Einige Kinos wie beispielsweise der Zoo-Palast hätten sich daher gegen eine Öffnung entschieden. Für ihn jedoch sei es wichtiger überhaupt wieder Kultur anzubieten: „Das Kino gehört zu Berlin.“

Inzwischen beginnt auch unser Film und wir merken: Fast alleine im Kino, das fühlt sich ziemlich familiär an. Jeder weiß, wer lacht, einige der Besucher haben die Füße auf die Reihe vor ihnen gelegt, ohne dass es jemand stören würde. Die meisten derer, die gekommen sind, gehen mehrere Male im Monat: Der 60-jährige Michael Blume zum Beispiel geht eigentlich etwa zehnmal im Monat. Nach seinem Kinoabend sitzt er mit seiner Begleitung auf der Treppe vor dem Filmtheater und ist sich sicher: „Morgen komme ich wieder.“ Die Gäste des ersten Tages seien zumeist Stammpublikum, sagt Christian Bräuer. Er hoffe aber, dass durch das Anlaufen stetig neuer Filme in den nächsten vier Wochen auch wieder die, die nicht so oft ins Kino gehen, vor der Leinwand in den weichen Sitzen Platz nehmen. Sorge bereite ihm jedoch das Geschehen in den USA: Denn solange die Kinos dort wegen dem stetig steigenden Infektionsgeschehen geschlossen sind, werden auch die Premieren der Hollywood-Blockbuster aufgeschoben.

Die neuen Infektionen und die Corona-Pandemie kann man während des Films vergessen: Zwar gibt es nach der Filmwerbung noch einmal eine Erinnerung an die Besucher: „Bitte denk dran die Maske wieder aufzusetzen, wenn du den Saal verlässt“. Danach jedoch hindert einen nichts mehr daran, in fremde Welten einzutauchen. Beim Verlassen des Kinos über einen unauffälligen Seitenausgang eint das Gefühl etwas Besonderes erlebt zu haben: So geht es auch einem Pärchen, das gerade aus „Undine“ kommt: „Super, dass Kultur wieder beginnt.“