Rbb-Reporter Ulli Zelle hat sich in Tegel noch einmal umgesehen.
Foto: rbb

BerlinEine solche Reportage hätte eigentlich schon vor acht Jahren laufen sollen. Denn „Tegels letzter Sommer“ sollte ja spätestens 2012 ausklingen, nachdem das Gros der Technik laut Plan auf den neu eröffneten Großflughafen Schönefeld umgezogen war. Dort wäre dann auch im Sommer 2014 die Lufthansa-Maschine mit den Fußball-Weltmeistern gelandet – doch Philipp Lahm und Co flogen mit dem Goldpokal bekanntlich wieder nach Tegel.

Der Rbb-Reporter Ulli Zelle hat in seiner einstündigen Hommage an den City-Flughafen viele solcher Jubelbilder aneinander gereiht. Gern führt er vor, welche Prominenz hier ankam, ob Marlene Dietrich, US-Präsident John F. Kennedy oder der Papst Johannes Paul II. Viele Gäste werden, was für ein Zufall, von Ulli Zelle empfangen, erst für den SFB, dann für den Rbb. Zu seinen persönlichen Favoriten zählt er ausgerechnet die Begegnung mit Placido Domingo, der hier vor laufender Kamera drei Stewardessen heftig umarmt und ihnen ein Ständchen bringt. Andere sehen den Opernstar ja nicht mehr ganz so unbefangen. Er wird seit Monaten mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung konfrontiert.

Seinen aktuellen, oft melancholischen Rundgang unternimmt Zelle auf einem fast leeren Flughafen zu Corona-Hochzeiten. Immer wieder fällt der Blick auf Design und Ausstattung der frühen 70er-Jahre, etwa auf Wandtelefone mit Wählscheibe. Zu den „Geschichten vom Flughafen“ gehören natürlich die Vorgeschichten als Raketentestplatz und als Flugplatz der französischen Truppen nach 1945. Den markanten, damals wegweisenden Neubau mit dem Sechseck können die Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg dem Rbb selbst erklären und dabei stolz darauf verweisen, dass ihr Bauwerk inzwischen unter Denkmalschutz steht. Auch die früheren Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen und Walter Momper sowie den Gründer von Air Berlin Joachim Hunold hat der Rbb vor die Kamera geholt. Die Auswahl der Tegel-Episoden dazwischen wirkt etwas willkürlich – ein kurzer Stromausfall ist wichtiger als der Volksentscheid 2017, der gar nicht erwähnt wird.

Die Bewertung von Tegel fällt insgesamt sehr positiv aus. Befragt werden hier aber nur die Einheimischen, nicht die ausländischen Gäste, die sich in den letzten Jahren oft über Enge, Chaos und Abgenutztheit beklagten. Immer wieder betont Zelle, der Flughafen sei von vielen Berlinern geschätzt, ja geliebt worden, viele gute Erinnerungen würden sich mit dem „Startplatz in die Welt“ verbinden. So deutet die Doku an, welche besondere Bedeutung ein innerstädtischer Flughafen für die Einwohner der einstigen „Mauerstadt“ bis heute hat. Immer wieder werden die kurzen Wege in Tegel als Trumpf genannt – und die Überbeanspruchung klaglos hingenommen. Die Proteste gegen die immer stärkere Lärmbelastung sind für Ulli Zelle und seine Co-Autorin Silke Cölln nur eine Randnotiz, die die Schwärmerei zu stören scheint. Dass „Tegels letzter Sommer“ auch für Erleichterung in den überflogenen Stadtbezirken sorgen könnte, kommt den Machern offenbar gar nicht in den Sinn. Tegel liegt der Rbb-Zentrale doch deutlich näher als Schönefeld, nicht nur räumlich.

Historisch fast interessanter aber sind Rückblicke auf frühere Flughafen-Berichte des Senders. So fand sich beim Corona-Aufräumen in meinem Archiv eine RBB-Reportage vom Mai 2011, die auch auf Youtube abrufbar ist. Im Film „Airport am Start“ wurde die Baustelle des BER vorgeführt, dessen Inbetriebnahme ja zur Schließung von Tegel führen sollte. Während Autor Thomas Balzer schon leise Zweifel hat, ob hier Mitte 2012 tatsächlich Fluggäste einchecken könnten, präsentiert sich der damalige Technik-Chef Manfred Körtgen noch als „Zuversicht in Person“, der jede Kritik zurückweist. Vorgestellt wurde vor neun Jahren auch der neue Tower in Schönefeld – und der Anblick der damals neuen, inzwischen wahrscheinlich schon wieder veralteten Monitore ruft heute ebenso melancholische Gefühle hervor wie der Blick vom Tegeler Tower.

Tegels letzter Sommer –  7.7., 20.15, 24 Stunden Flughafen Tegel, 21.15 Uhr, Rbb.
„Airport am Start“ -  Die RBB-Doku ist auf YouTube abrufbar.