Schall und Wahn auf der Bühne der Kantine am Berghain: Berit Immig (v. l. n. r.), Johannes von Weizsäcker und Keith Duncan spielen beeindruckend gut.
Foto: Berliner Zeitung/Roland Owsnitzki

Berlin-FriedrichshainSie gehören zu den Bands, die von Kritikern und Kennern sämtlicher Feuilletons und Foren hochgejubelt werden – und dennoch keine Stadien füllen. Seit 20 Jahren. Woran liegt das? Will die deutsch-englische Independent-Formation das nicht? Oder ist das große Publikum noch nicht bereit für The Chap?  

Sänger Johannes von Weizsäcker – übrigens auch Autor der Berliner Zeitung – hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt, sie machten „Musik, die falsch klinge“. Doch daran kann es nicht liegen. Das zeigt ihr etwa einstündiges Konzert am Mittwochabend in der Kantine am Berghain. Über 200 Menschen wippen, tanzen und bekommen, womit sie womöglich in dieser Intensität nicht gerechnet haben: Techno!

Johannes von Weizsäcker ist Sänger, Gitarrist und auch Autor unserer Zeitung.
Foto: Berliner Zeitung/Roland Owsnitzki

Das Album „Digital Technologie“  ist gerade erschienen

Gleich zu Beginn hämmert Schlagzeuger Keith Duncan den Takt von „Pea Shore“ aus dem neuen Album „Digital Technologie“ schneller, härter und dumpfer in die Drums. Das elektronische, leicht verträumte Stück wird so in einen dunklen, technoiden Sound katapultiert, der sich wie eine Wolke durch den Raum zieht. Bassist Panos Ghikas rennt dazu auf der Stelle, während Keyboarderin Berit Immig ins Publikum starrt und von Weizsäcker „in your face“ säuselt. Das mit der Band gealterte Publikum jubelt. 

Das mittlerweile zehnte Album von The Chap, die sich in England um 2000 gründeten,  schrieb sich in der dreijährigen Produktionsphase bereits Techno auf die Fahne – endete aber dann doch im Chap´schen Sound, der trotz raffiniertem Songwriting immer ein wenig schnoddrig und blumig zugleich klingt. Was sich vor allem an den rockigen Liedern zeigt: Die hüpfende Indierocknummer „Help Mother“ ist nicht nur ein Weckruf, um der Mutter mal wieder unter die Arme zu greifen, sondern der ideale Festivalsong zum Mitgrölen!

„Pea Shore“ von The Chap. Der Song ist auf dem Album „Digital Technologie“ enthalten.

Video: YouTube/Lo Recordings

Selbstfindung und der Schweiß des tanzenden Nachbars

Ebenso der live ins Industrial getriebene Song „I Am The Emotion“, bei dem Panos Ghikas den Bogen über die Bratsche schrammelt als wolle er gerade den Küchenboden wischen. Eine Besonderheit an The Chap: Ihre teils technoide Musik feuern sie nicht vom Laptop ab, sondern mit Instrumenten und Gegenständen. Und zwar spontan. Und so passiert es dann, dass nach einer zehnminütigen Improvisationsnummer für ihren letzten Song leider kein einziger Gegenstand mehr zu finden ist.

Macht nichts. Denn das ist definitiv der Höhepunkt des Abends, der zugleich den Anfang wiederspiegelt: Ganz leise nähert sich die Band zunächst musikalisch einem Clubabend  – der Bass im Hintergrund, wirre Geräusche irgendwo in der Ecke; der Beat, der immer lauter wird und Gäste, die nach und nach zu tanzen beginnen ... bis es irgendwann nur noch Ekstase, Selbstfindung und den Schweiß des tanzenden Nachbars gibt.

Über 200 Besucher kamen um die deutsch-britische Band The Chap zu sehen.
Foto: Berliner Zeitung/Roland Owsnitzki

Berliner Radiosender spielen die Musik von The Chap

Nun sind es auch Gestik und Mimik, die die Band zeichnen. Verzerrte Gesichter, Hände, die gefühlt schneller als die kommenden Töne sind. Ein älterer Mann im Publikum ruft zu einer Frau rüber: „Wie bei Pink Floyd damals!“ Oder auch: der Mut zur Improvisation, zu den nicht glatten Tönen und sich die Rohheit zu bewahren. Und das klappt in einem kleinen Club nun mal besser als auf einer großen Bühne im Stadion. Wobei sich das auch bald ändern könnte …

Einige Songs aus dem neuen Album von The Chap werden von Berliner Radiosendern bereits hoch und runter gespielt. Die Masse wird also auf den Chap'schen Sound vorbereitet. Ein paar von ihnen können noch am Donnerstag  im Hamburger Club Hafenklang, am Freitag in Dortmund oder Sonnabend in Bonn dabei sein.