Berlin - Ob auf dem Hamburger Kiez, in München-Schwabing oder auf Ibiza: Für den ewigen Freibeuter des deutschen Kinos (kein Geld vom Staat, keine professionellen Schauspieler, kein Drehbuch ) ging es immer um Kneipe und Party. Die Piste ist ihm, was die Prärie für John Ford war: Quintessenz des Lebensraums, Landschaft ewigen Kampfes. Bei Lemkes notorisch Unreifen – so jung sind sie ja auch nicht mehr, andere haben in dem Alter schon längst einen Bausparvertrag – ist es ein Kampf um Anerkennung und Beachtung, um Selbstdarstellung und befriedigte Eitelkeit. Oder schlicht um den wirklich geglückten Augenblick.

Nach München-Schwabing und Ibiza hat Lemke nun in Berlin einen seiner Lowest-Budget-Filme gedreht, der Stadt, die ihm immer suspekt war wegen ihrer vom Staat finanzierten Intellektualität und Sprödigkeit. Inzwischen ist in Berlin aber Dauerparty genug, um auch für einen Lemke-Film die Prärie abzugeben. „In Berlin für Helden“ kommen zwei aus der Provinz für ein verlängertes Wochenende in die Stadt, die Eine ist die Mitfahrgelegenheit des Anderen. In Berlin treffen sie bald auf drei, die schon länger hier sind, aber aus gleichem Holz: erlebnishungrig, eigenwillig, egozentrisch und schön.

Ein blonder Beau mit Jan-Delay-Hütchen, der aus seinem alten Mercedes ein Transportunternehmen machen will (Henning Gronkowski); eine herbe Schmalgesichtige, die Zurückweisungen schon mal mit Stiefeltritten heimzahlt (Anna Anderegg); ein eitel-aggressiver Jungschauspieler in grellblauem Anzug, der sein erstes Engagement im Gorki-Theater versiebt (Andreas Bichler); ein irgendwas mit Kunst und Musik machender italienischer Springpudel, der eigenartig sexy ist, obgleich ihm im Einzelnen alles dafür fehlt (Marco Barotti). Und schließlich die schielend immerzu Sex versprühende Saralisa (Saralisa Volm), die als Femme fatale durchginge, wenn hier nicht jeder das Zeug dazu hätte, selbst die Jungs.

Peinlich und großartig zugleich

Zwischen Clubs und Kneipen, notdürftig möblierten Wohnungen und Waschsalon baut der Film eine lose Fünferbeziehung auf, in der die Liebe kommt und geht wie eine Billardkugel. Nie weiß man genau, wer mit wem aktuell zusammen ist. Man probiert sich aus, verzehrt sich, geht sich auf die Nerven und flieht von einem zum anderen. Einer geht an Koks zugrunde und an seinem Narzissmus. Die Straßen sind Teil der Party mit wunderbaren Musikern an ihren Kreuzungen, die im Stil genialer Dilettanten dadaistische Elegien herauströten.

Der Film ist peinlich und großartig zugleich. Es gibt unfassbar dämliche Sätze („Man muss nach Berlin kommen, um sich mal wieder richtig durchficken zu lassen“) neben sehr einleuchtenden („Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht“), großspurig verunglückte Szenen neben hinreißend gelungenen. Niemand außer Klaus Lemke hat diesen subtilen Sinn für den Party-Existenzialismus, für die Strandung am Morgen an irgendeinem menschlichen Riff und für den kargen Lohn all der Glückssucherei, für die man Haut und Haar einsetzt.

Der Film ist ein gelungenes Porträt des hippen Party-Berlin, Kater inklusive, mit seinen zugereisten jungen Künstlern und Lebenskünstlern aus aller Welt. Aus diesem brodelnden, unterbeschäftigten Talentschuppen hat Lemke einen Großteil der Darsteller gecastet. Anna Anderegg beispielsweise ist eine zwischen dem schweizerischen Biel und Berlin pendelnde Tänzerin, die noch ganz im Projektzustand schwebt. Der Musiker Marco Barotti gehört einem ihrer Projekte an, seinen nicht zufällig nur in sehr kleinem Kreis berühmt gewordenen Song „Ich brauche Tankestelle“ kann man sich im Internet bei YouTube anhören. Ditt is Berlin, dett neue.

Das Schönste an diesem Film sind seine Straßenszenen. Für Straßenszenen ist Lemke berühmt. Niemand dreht sie so dicht wie er, diesmal beatmet vom dem schwankenden Blues und dem torkelnden Walzer des Berliner Musikers Malakoff Kowalski. Lemke lässt die Straßen nicht sperren (wovon auch?), kommandiert keine Komparsen, baut keine Schienen für die Kamera. Er trägt sie durchs Gedränge, lässt die Leute quer durchs Bild rennen, heftet sich an seine Helden und sieht im richtigen Moment, wenn diese sich plötzlich durch Zufall gruppieren wie von Tizian gemalt. Dann wird es still, die Sonne schickt einen Strahl zur rechten Zeit, und alles gerinnt zu einem losen Gruppenbild geglückten urbanen Lebens.

Berlin für Helden Dtl. 2011. Buch & Regie: Klaus Lemke, Kamera: Paulo da Silva, Darsteller: Saralisa Volm, Marco Barotti, Anna Anderegg u. a.; 79 Minuten, Farbe. FSK ohne Angabe.