„Engelchen flieg… “ – Jürgen Holtz, 2019. Filzstift, Fettstift auf Papier, 50 x 70 cm.
Foto: Galerie Bernet Bertram

BerlinDie Kühnheit, der Furor und das Sendungsbewusstsein des Schauspielkünstlers Jürgen Holtz werden immer wieder eingeholt durch seine Liebe, Freundlichkeit und Durchlässigkeit, die ihn angreifbar machen. Ein lächelnder Weiser, der die Geschehnisse auf der Welt, ihre Bewohner und die Abgründe der eigenen Seele mit Milde betrachtet, ist der 87-Jährige nicht. Für Verbitterung ist er sich erst recht zu schade. Das kann man erleben, wenn ein Lächeln von weit innen kommend sein Gesicht beseelt. Dann erscheint das Kind, das er gewesen ist: fähig, ohne Wertung zu staunen, ohne Netz zu vertrauen, sich dem Augenblick hinzugeben, aber auch sich zu entsetzen und ins Haltlose zu stürzen.

Das ist der Blick, den seine neueren, mit Fett-, Filz- und Aquarellstiften zu Papier gebrachten Bilder offenbaren. Sein Galerist Christian Bertram, selbst ein Theatermann, hat sie unter dem Titel „Kaspar, Puppe, Krokodil“ zu einer Ausstellung in seinen Charlottenburger Räumen arrangiert. Am Sonnabend wurde sie coronahalber ohne Vernissage eröffnet.

„Abraham “ – Jürgen Holtz, 2019. Filzstift auf Papier, 59 x 42 cm.
Foto: Galerie Bernet Bertram

Es ist für die, die Holtz im Theater vermissen, eine Möglichkeit, seiner Gedankenwelt und Schaffensfreude zu begegnen. Es geht ihm gesundheitlich nicht gut, nach zwei kräftezehrenden Frank-Castorf-Inszenierungen am Berliner Ensemble stand er hier zuletzt bei der Dernière von Robert Wilsons „Dreigroschenoper“ im Februar auf der Bühne, zwar nur zum Verbeugen, dies aber mit Genuss und Glück im Gesicht.

Die bildende Kunst ist für Holtz vielleicht eine weniger anstrengende und auch mit weniger Anspruch beladene Weise, sich auszudrücken. Seine Motive scheinen assoziativ auseinander hervorzugehen, als führten Künstler und Werk  ein Gespräch, das mal zärtlich zum Dialog aufschwebt, mal als Streit ausbricht. Krachige Kapuzengespenster, knebelbärtige Spießer, schreckäugige Kinder, eingedickte Menschenmassen, Gasmasken, Bomber, Brände, platzende Himmels- und Menschenkörper - und immer mal wieder ein paar übellaunige Schweinehunde, von übellaunigen Schweinehundebesitzern an Leinen zum Scheißen geführt.  

Ein Unterschied zwischen Fantasie und Wirklichkeit wird nicht gemacht, woher soll ein Kind auch wissen, was wozu gehört. Solch ein Kind taucht immer wieder auf in den Bildern, eingezäunt in ein Laufgitter, geschützt und gefangen. Ein kleiner Zeuge in dieser Bildwelt, ein Teil von ihr und doch abgegrenzt. Die Gittertür steht offen, mal ist ein Ohr abgerissen, mal grinst das Kleinkind breit und zahnbewehrt mit Krümeln und Fetzen im Mund. Mal beugen sich drei Ärzte über es. Nicht böse, aber in Affengestalt.

Kaspar, Puppe, Krokodil. Bilder von Jürgen Holtz in der Galerie Bernet Bertram, Goethestraße 2-3, Tel.: 32301133 oder bernet-bertram.com