Herta Günther: „Klassentreffen“ ,1995, Pastell (Ausschnitt)
Foto: Galerie Helle Coppi/A. Günther/VG BIldkunst Bonn 2020

Berlin- Männer kamen eigentlich nie besonders gut weg auf ihren Pastellen, Aquarellen, den Farbradierungen und Kohlezeichnungen. Als Feministin hat Herta Günther (1934–2018) sich dennoch nicht gesehen, ein wenig rebellisch gegenüber der Männerdominanz im Kunstbetrieb aber schon. Ihre Frauenbilder fallen auf: extravagante Kleidung, rot geschminkte Lippen, rot gefärbte Haare, ein klarer, selbstbewusster Blick. Ein Hauch von Luxus umgibt diese Wesen. Erfundener Luxus, den es im aufs Pragmatische orientierten Osten mit seiner permanenten Mangelwirtschaft so überhaupt nicht gab. 

Sie malte aber auch einsame, melancholische, in Gedanken versunkene Frauen in den Cafés von Dresden, Leipzig, Ostberlin. Über den Toulouse-Lautrec-haften Szenen liegt ein Schleier des Stillstands, des Wartens. Die Figuren wirken oft wie in Selbstisolation. Die Interieurs lassen keine genauere Einordnung zu. Günthers meist in Rötel- und Sepiatönen gehaltenen Bildwelten sind so vergangen wie gegenwärtig und dadurch von einem besonderen, eigentümlichen Reiz.

Dann, 1990, kam ein harter, aggressiver, fast karikaturhafter Zug in ihre Stilistik. Diese Bilder aus dem Nachlass der Dresdner Malerin, die einst bei Max Schwimmer und Hans Theo Richter studiert hatte, waren seit ihrer Entstehung bis etwa 1995 noch nie öffentlich zu sehen. Jetzt füllen die Blätter die Wände der Berliner Galerie Helle Coppi. „Die Betrachtung der neuen Freiheit“, so der Titel der Werkreihe, ist sozusagen die Beobachtung und malerische Vivisektion der Veränderung nach der Wiedervereinigung, vor allem in der sich aus Alt (Ost) und Neu (West) findenden „gehobenen“ Dresdner Gesellschaft, in den Kreisen der Kunst, der Politik und Wirtschaft. Unübersehbar eine Männerdomäne, die sich am Champagner auf dem Dresdner Semper-Opernball delektiert, so, wie es dereinst alljährlich von 1925 bis 1939 die High Society tat, durchmischt von den jeweils politischen Eliten.

Zwei Beispiele dafür sind die hier abgebildeten Pastelle, das prahlerische „Klassentreffen“ und „3 X 1990“, ein Gruppenbild mit Beiwerk; eine Dame in Rot. Sie könnte einem Motiv von Dix oder Grosz entstammen. Sie ist in dieser Männer-Konstellation eine Fremde, mit Frisur und fast ein wenig ordinärem Make-up wie aus den 1920er-Jahren. Diese Dame blickt keinen der fünf Herren an, sondern aus dem Bild heraus, zum Betrachter hin. Es ist, als würde sie sagen: „Es gibt sehr viel, was Männer von Frauen nicht wissen!“

Herta Günther: „3 X 1990“.
Foto: Galerie Helle Coppi/A. Günther/VG BIldkunst Bonn 2020

Herta Günther malte zugespitzt die vermeintlichen Gewinnler der neu angebrochenen Zeit, die Banker und Auf- und Verkäufer, die Claim-Abstecker und Gentrifizierer, die neureichen Blender und Profiteure, die Besserwisser und Anschmeißer. Sie porträtierte auch deren Klunker- und Pelze tragenden Gattinnen, im City-Café von Dresen als eingebildete Puten. Sie malte absichtlich nicht die Leute in den Wartezimmern der Arbeits- und Sozialämter. Ihnen hätte sie diese Schärfe des Pinselstrichs, das Groteske in Physiognomie und Habitus auch nicht angetan. Es ist kaum zu übersehen, dass ihr die Typen, diese herrschaftlich feiernden „Sieger“, unsympathisch sind, sie überzog sie „mit dem Pathos der Kritik“, so, wie es die stilistisch aus dem Expressionismus in die Neue Sachlichkeit hinübergewechselten Maler Otto Dix, Jeanne Mammen, George Grosz auf ihren Gesellschaftsbildern getan hatten.

Als sich der Alltag ab Mitte der Neunzigerjahre normalisierte, auch Günthers geliebtes Dresden nach und nach zu einer zwar eher das Gutbürgerlich-Konservative schätzenden, aber in seiner Kunstliebe auch weltoffenen Metropole wurde, hörte sie auf, solch drastische bis boshafte Szenen zu malen, solch ein Figurentheater, das sich, wie die Bilder es besagen, auch in der Gemeinschaft fremd bleibt.

Galerie Helle Coppi, Auguststr. 83. Bis 4. September, Mi–Sa 13–18 Uhr. Katalog 5 Euro.