BerlinEva, so benenne ich sie mal nach der biblischen Mutter aller Menschen, auch wenn nicht ganz klar wird, ob sie am Ende doch eher ein Adam ist und der Maler des Bildes um 1994 ein wenig „genderte“. Sie wirkt liegend, aber keineswegs ruhend, eher bewegt. Es scheint, die Gestalt will sogleich aufstehen – ein Motiv eben nicht wie bei einem klassischen, idyllischen „Liegenden Akt“.

„Late Nudes“ - Gemälde des Nachkriegsmalers Karel Appel.
Foto: Galerie Hetzler/VG BIldkunst 2019/NL

Karel Appel aus Amsterdam (1921–2006), einer der wichtigsten Figuren-Nachkriegsmaler der Niederlande, hat mit zunehmendem Alter die Betrachter seiner Bilder immer lustvoller irritiert. Der eindeutig auszumachende Mann (rechte Abbildung) zeigt eine stehende Figur. Beide Akte gehören in den ab 1994 bis 2002 in New York entstandenen Zyklus der „Late Nudes“ und haben ein vertikales Format, so schmal, dass die Liegende und die aufrecht stehende Gestalt nur knapp hineinpassen.

Man könnte meinen, Appel habe diese Akte in einen Kasten gestellt.   In beiden Fällen dieser Nackten wird der Bildvordergrund stark von der Figur beherrscht, die in jedem Gemälde eine andere, expressive Position einnimmt. Das Frontale und Vertikale des Akt-Genres ist ein wiederkehrendes Thema in Appels Werk. Er ließ die Figuren nicht ruhen, sondern gab ihnen Dynamik, Rastlosigkeit. Haltungen verändern sich plötzlich, sogar abrupt und dramatisch, heftig, ja, aggressiv.

Inspiriert von Art Brut

Dies ist virtuose Ausdruckskunst, wie sie schon die deutschen Brücke-Expressionisten, die französischen Fauves sowie die expressionistischen Ausdruckstänze der Avantgarde um Mary Wigman und Martha Graham hervorgebracht hatten. Appel gab seinen Figuren in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue, existenzialistische Bedeutung.

Schon in seinen Bildern während der Zeit in der 1949 gegründeten und bis 1951 bestehenden Künstlergruppe CoBrA, das Kürzel für die Herkunftsstädte der Mitglieder aus Copenhagen, Brüssel und Amsterdam, gerieten ihm die Figuren in herber Poesie abstrakt. Während des Studiums in Paris sah Appel Werke der Art Brut (rohe, kindliche Kunst, Malerei von psychisch Kranken). Der Franzose Jean Dubuffet hat diese Art, die Welt so eigenwillig zu interpretieren zur Kunstform erhoben und dem konservativen Akademismus entgegengesetzt. Das war auch Appels Intention. Er bezog sich auf das Ursprüngliche, das Wilde, Emotionale, entwarf naive Bildwelten und gestaltete Assemblagen aus Holz sowie Bronzeskulpturen, die afrikanische Einflüsse erkennen lassen.

Mein Bild der Woche

Der Künstler: Karel Appel, geboren 1921 in Amsterdam, gestorben 2006 in Zürich, war einer der bedeutendsten Nachkriegsmaler der Niederlande. Von 1948–1951 war er Gründungsmitglied der Malergruppe CoBrA (Copenhagen-Brüssel-Amsterdam, zusammen u.a. mit Asger Jorn, Constant, Corneille). Appel lebte und arbeitete in Paris und New York.

Die Ausstellung: „Late Nudes, 1985–1995“ Galerie Max Hetzler, Goethestraße 2/3, bis 11. Januar 2020, Di–Sa 11–18 Uhr. Tel.: 346 497 85-0

Im zweiten Galeriebereich Hetzler, Bleibtreustr. 45, sind bis 11. Januar Werke von Carroll Dunham und dem Zeichner Michael William zu sehen.

Ab 1951, nach der Auflösung der CoBrA-Gruppe, lebte Appel in Paris. In seinen Bildern aus dieser Zeit prallen Farbmassen aufeinander, fügen sich gleichsam zu Gebirgen, zu Landschaften; unbändig und grell beherrschen sie den Bildraum. Ein Jahrzehnt später verliert sich das Figürliche in wilden Formen und dynamischen Gesten. Die Materialität der Farbe wird als Ausdrucksträgerin das Wichtigste. Dann, im Spätwerk, wirkt der Pinselstrich sehr viel beherrschter. Nun tritt die Figur wieder klarer aus dem Bildraum.

Männliche Expression aus der Serie „Late Nudes“.
Foto: Galerie Hetzler/VG BIldkunst 2019/NL

Zur gleichen Zeit wird die Nähe zur Art Brut abermals deutlich in seltsamen, fast surrealen Kopffüßlern, wo menschliche Gestalten kuriosen, auch lustigen Chimären gleichen. Mit diesen merkwürdigen Gestaltzeichen hatte Appel in Westdeutschland bald einen Bruder im Geiste: Horst Antes, der seine „Kopffüßler“ nach den Kachina-Puppen der Puebloindianer malte. Aber zurück zu den „Späten Nackten“ und ihrem seltenem Auftritt, jetzt in der Galerie Hetzler. Figur und Abstraktion finden sich innerhalb eines Bildes, Hintergründe bleiben fast unbearbeitet. Appel experimentierte leidenschaftlich, trieb Form- und Farbspiele immer weiter, ließ sich vom Jazz inspirieren. Er zielte auf Kunst, „losgelöst von jeglichem politischen oder didaktischen Zweck“.

Um echte Körperbewegung und Sprunghaftes zu studieren, arbeitete er mit Modellen.   Aber nie ging es ihm um Natur-Imitation. Appels Akte zeigen die Freiheit der Form, gewonnen in 50 intensiven Maler-Jahren: „Wir alle haben zwei Arme, zwei Beine, zwei Augen und einen Kopf – das ist es, womit man arbeiten muss“ – das war Karel Appels Credo um 1995 – und bis zum Schluss.