Der Verlust der Mitte, die Verfestigung der Extreme – sie sind überall“, sagt Eva Menasse. In ihrer Rede zur Eröffnung des 18. Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) am Mittwochabend verbindet die Schriftstellerin zwei Entwicklungen miteinander.

Von der digitalen Revolution, die Wissen so viel einfacher auffindbar und verbreitbar gemacht hat als noch vor zwei Jahrzehnten, kommt sie auch zu den Veränderungen in der Politik. Denn die elektronischen Möglichkeiten haben die Gesellschaft und die Stellung des Einzelnen in ihr verändert. „Der Daten- und Meinungsmüll, der uns hysterisch, zynisch und desorientiert werden lässt, begann vielleicht als natürlicher Effekt der Digitalisierung, wird aber inzwischen ganz aktiv von rechts aufgeblasen.“

Menasse untersucht dabei den Gebrauch bestimmter Worte, aber mehr noch die Wellenbewegungen, die dazu führen, dass Filme abgesetzt werden, Bücher nicht erscheinen, Menschen ohne Gerichtsverhandlung als Verbrecher dastehen. „Die Zustimmung wie die Ablehnung, das Jubeln und das Hassen wurden radikalisiert.“

Kraft des kleinen Schrittes

Eva Menasse schreitet in ihrer Rede, engagiert mit Blick in den voll besetzten Großen Saal des Hauses der Berliner Festspiele vorgetragen, einen Bogen ab von den Machtverhältnissen vor dem Mauerfall, erinnert an die Euphorie, die mit dem Gedanken an den Sturz von Systemen verbunden war und schließt damit, dass sie „an die Kraft des kleinen Schrittes glauben möchte“. Denn mit der Schnelligkeit der Entwicklung ist nach ihrer Ansicht zu vielen Menschen offenbar die Fähigkeit zur Reflexion verloren gegangen. „Sagen soll man es, nicht schreien. Schreiben soll man es, nicht twittern.“

Die 1970 in Wien geborene Menasse hat sich als Schriftstellerin mit sehr eigenem Blick einen Namen gemacht, ihre Romane „Vienna“ und „Quasikristalle“, der Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ zeigen das. Sie hat als Journalistin begonnen und schreibt heute noch publizistisch. Während viele ihrer Kollegen darauf beharren, dass ihr Werk für sich spreche, scheut sie sich nicht, öffentlich Stellung zu nehmen. Deshalb kann sie so eine starke Rede halten, die das Publikum wiederholt zwischendurch und anschließend lange applaudieren ließ.

Der erste Abend allein hätte auch ein Festival für sich bilden können: Auf ein pointiertes Klavierspiel (Igor Levit ) folgten Festansprachen (Festspiel-Intendant Thomas Oberender, Kultursenator Klaus Lederer, Festivaldirektor Ulrich Schreiber) und eben die Rede. Am selben Abend, auf anderen Bühnen, diskutierte ein kluger Schriftsteller mit einer Wissenschaftlerin (Raoul Schrott und Simone Pika), lasen internationale Autoren (Dima Wannous und Yaa Gyasi) sowie ein deutscher Schauspieler, der gerade zum Schriftsteller geworden ist (Burghart Klaußner). 

Überwältigung als Programm

Aber das ist nur der Anfang. Das Festival wird jetzt an vielen Abenden die an Literatur und an der Gesellschaft Interessierten vor die Frage stellen, wie sie sich die Zeit aufteilen: 250 Autoren aus 60 Ländern sind auf 309 Veranstaltungen zu erleben. Überwältigung kann man empfinden, wenn man sich hineinbegibt, aber das ist nur der oberflächliche Eindruck. Die Erfahrung lehrt, dass es an jedem Abend, zu (fast) jeder Stunde, ob im Haus der Berliner Festspiele, im Instituto Cervantes oder im Institut Français, möglich ist, sich in ein Thema zu vertiefen – vorausgesetzt natürlich, Autor und Moderator sind gut drauf.

Politische Fragen gehören zum ilb dazu, ziehen sich durch die elf Tage. Es geht in Vorträgen um das wirkliche Ende des Kolonialismus, es wird die Fortsetzung des Reportage-Projekts über Flüchtlinge in allen Erdteilen vorgestellt und ein zweitägiger Kongress fragt „Was kommt nach dem Nationalstaat?“. Eva Menasse schloss ihre Rede damit, dass man sich nicht übertönen lassen sollte vom Geschrei der schnellen Meinungen: „So weit, dass wir aus Angst verstummen, so weit sind wir noch nicht.“ Berlin ist in den nächsten Tagen in besonderer Weise eine Stadt, wo das Wort zählt, das bewusst gesetzt wird. Denn Literatur entsteht aus Nachdenken und Fantasie.