Historikerin zu Tierhaltung: „Westliche Agrarexperten waren neidisch auf die DDR“

Veronika Settele untersucht die Geschichte der Massentierhaltung. Sie sagt: Unser Verhältnis zu Tierhaltern ist zu einem Problem für die Demokratie geworden.

Mitarbeiter im Schlachthof Berlin-Friedrichshain, Eldenaer Straße, aufgenommen im August 1977
Mitarbeiter im Schlachthof Berlin-Friedrichshain, Eldenaer Straße, aufgenommen im August 1977picture alliance/ZB/Deutsche Fotothek/Christian Borchert

Die Berliner Historikerin Veronika Settele erforscht an der Universität Bremen die Geschichte der Massentierhaltung. In ihrem Buch „Deutsche Fleischarbeit“ untersucht sie die Entwicklung der Fleischproduktion in Ost und West. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt sie, warum die Berliner früher Kühe gehalten haben, vor welchen Problemen Landwirte heute stehen, und warum wir uns mit der Art unserer Fleischproduktion ein demokratisches Problem geschaffen haben.

Frau Settele, in Ihrer Studie heißt es, Berlin habe erst 1881 einen eigenen Schlachthof bekommen – später als andere europäische Großstädte. Welche Rolle haben Tiere bis dahin in der Stadt eingenommen?

Tiere waren damals noch sichtbar in der Stadt, in den 1890er-Jahren gab es etwa 5000 Kühe in Berlin. Deutlich mehr Tiere wurden aber aus dem Umland Berlins in die Stadt gekarrt, dort ausgeladen und, vor Errichtung des städtischen Vieh- und Schlachthofs, privat geschlachtet. Das war vor allem für die Anwohner zunehmend unangenehm. Der Gestank, Schmutz und die Lärmbelästigung hat schließlich hygienebewegte Sozialreformer auf den Plan gerufen, die dafür plädierten, die Tiere zentral zu schlachten. Ihr Anliegen wurde dann etwas später als in anderen Großstädten auch in die Tat umgesetzt.

Mit dem zentralen Schlachthof im Osten der Stadt gerieten die Tiere dann aus dem Alltag der Menschen. Fleisch blieb aber ein Luxusprodukt. Wie gingen die Menschen damit um?

Man darf sich die Vergangenheit nicht als Zeit eines kontinuierlichen Mangels vorstellen. Aber bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es Konjunkturen des Mangels. Diese Mangelperioden wurden in der Wahrnehmung der Menschen umso problematischer, je stärker der Wohlstand wuchs und damit die Erwartungen stiegen. Je stärker sich die Idee in allen Schichten verbreitet hat, dass Fleisch zum guten Leben gehört, führte ein fehlender Zugriff auf Fleisch zu Unmut.

Um dem Mangel abzuhelfen, musste man die Fleischproduktion umstellen. Wie hat man das gemacht?

Agrarexperten verfassten seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Ratgeber um Ratgeber, die Tierhalter dazu anhielten, ihre Wirtschaften effizienter zu gestalten. Allein, ihre Wirkung blieb überschaubar. Im Nachkriegsdeutschland hingegen gelang es, die drei Dimensionen der Tierhaltung – Körper, Wirtschaft und Technik – zu verändern. Das Ergebnis war eine leistungsfähige Tierwirtschaft, die Hungerperioden verhindert. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Entwicklung der Tierhaltung eine Erfolgsgeschichte. Das ist in erster Linie das Ergebnis einer Agrarpolitik, die auf Produktivitätssteigerung gesetzt hat. Die Agrarpolitik der Bundesrepublik wurde als erster Politikbereich in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft integriert. Das, worauf sich alle dortigen Staaten einigen konnten, waren Maßnahmen, die die Tiere produktiver machten. Man hat zunächst die Zucht optimiert, um Tiere ins Leben zu rufen, deren Körper effizienter arbeiteten: So bekam man mit weniger Futter in kürzerer Zeit mehr Fleisch, mehr Eier, mehr Milch.

Das hat aber noch nicht gereicht?

Nein. Daneben gab es eine riesige Bildungsoffensive, die zur betriebswirtschaftlichen Professionalisierung der Betriebe geführt hat. Auch da war das Ziel eine Produktivitätssteigerung. Man hätte die Landwirte ja auch in Verhaltensbiologie weiterbilden können, es war aber eine Bildungsoffensive der Rentabilität. In den 1950er-Jahren ging es mitunter noch um recht simple Zusammenhänge. Etwa, dass man nur so viele Tiere halten sollte, wie man auch ernähren kann. Dass also zehn satte Kühe besser sind als 15, die man gerade so über die Runden bringt.

Als dritten Faktor nennen Sie die Technisierung.

Genau. Die Tierhaltung hatte seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Arbeitskräfteproblem, weil die Jobs in den Ställen nicht begehrt waren. Die waren schlecht bezahlt, schmutzig, anstrengend und nicht prestigeträchtig. Wenn man nicht gerade Eigentümer des Hofs war, war es nie ein begehrenswerter Job. Und er wurde immer unbeliebter, je geregelter und besser vergütet andere Bereiche wurden. Wiederum agrarpolitisch motiviert, lösten rationalisierte Arbeitsprozesse dieses Problem. Neue Stalltechniken erlaubten so wenig Menschen wie noch nie so viele Tiere wie noch nie zu versorgen.

Auch in Ostdeutschland gab es Ende der 1940er-Jahre einen Fleischmangel, in den 1980er-Jahren hingegen wurde im Osten mehr Fleisch pro Kopf verzehrt als im Westen. Wie hat sich die Entwicklung in der DDR insgesamt von derjenigen im Westen unterschieden?

Das ist ein überraschender Befund: Unterm Strich bildete sich eine ähnliche Art industrialisierter Tierhaltung heraus. Der wichtigste Unterschied war der Zwangscharakter des SED-Regimes. Auch in der Landwirtschaft wurden Menschen verfolgt, die sich nicht systemkonform verhalten haben. Dazu gehören Tierärzte, die sich nicht in den Dienst von Großbetrieben stellen wollten, oder Bauern, die sich weigerten, mit ihrem Privatbesitz in die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft einzutreten. Dieser Unterschied zur Bundesrepublik und ihrem wirtschaftlichen Zwang ist bei allen strukturellen Ähnlichkeiten hervorzuheben.

Aber hatte der zentralistische Charakter auch seine Vorteile?

Ja, zumindest wurden sie ihm zugeschrieben. In den 60er-Jahren blickten westliche Agrarexperten sehr interessiert auf die DDR, weil sie neidisch waren auf diesen Zentralstaat, der einfach durchregieren kann bis in jeden Stall hinein. Man hat sich dort für große, spezialisierte Betriebe entschieden und konnte deren Aufbau schlicht durchsetzen. Aber diese Betriebe erwiesen sich ab den 70er-Jahren als zunehmend ineffizient. Man sah in der Landwirtschaft die grundsätzlichen Organisationsprobleme der Planwirtschaft. Regelmäßig wurde die geringe Arbeitsmotivation in den Tierhaltungsbetrieben beklagt, etwa von Melkern vor Einführung der Melkmaschinen. Das war eine Tätigkeit, die auch im Osten nicht attraktiv war. Entsprechend dem Stundenlohn in den 1950er-Jahren kursierte das Sprichwort: „Ob faul oder fleißig – Stunde 1,36.“

Mittlerweile ist durch die hohe Produktivität nur noch ein Bruchteil der Menschen überhaupt noch in der Landwirtschaft tätig. Verbraucher haben entsprechend wenig Kontakt zu denjenigen, die die Versorgung sicherstellen. Hat das Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Tierhaltung?

Definitiv. Es gibt keinen kommunikativen Faden mehr zwischen landwirtschaftlicher Teilöffentlichkeit und allgemeiner Öffentlichkeit. Und darum wissen die meisten Menschen schlecht Bescheid darüber, wie Tiere erzeugt werden. Was wir kennen, sind nicht repräsentative Biobauernhöfe. Hier in Berlin fährt man mit den Kindern in die Domäne Dahlem und dann sind da vom Aussterben bedrohte Rassen in Premium-Haltungsbedingungen. Danach hat man das Gefühl: „Heute haben wir was mit Landwirtschaft gemacht.“ Das hat aber mit echten Produktionsbedingungen nichts zu tun.

Sehen Sie eine Möglichkeit, um Landwirte und Allgemeinheit wieder in einen produktiven Austausch zu bringen?

Dieses Abreißen des kommunikativen Fadens ist ein Ergebnis einer Agrarpolitik, denn Landwirtschaft und Tierhaltung sind in hohem Maße gesteuerte Politikbereiche. Es ist verkürzt zu sagen: „Die Verbraucher fordern so günstige Lebensmittel, deswegen muss es im Stall so aussehen.“ Denn in großem Maße definieren politische Gelder und die Richtlinien ihrer Zuweisung, was im Stall passiert. Die Stellschrauben, an denen man drehen kann, sind also bekannt. Es braucht eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber, für welche Handlungen Tierhalterinnen und Tierhalter entlohnt werden sollen. In welchem Verhältnis sollen günstiges Fleisch, Boden- und Klimaschutz und ein verhaltensbiologisch empfohlener Tierumgang stehen?

Über welche Anreize arbeitet die Landwirtschaft denn zurzeit?

Im Moment stehen in der Landwirtschaft weiterhin alle Ampeln auf Produktivitätssteigerung, was enormen betriebswirtschaftlichen Druck erzeugt. Wenn die Preise nicht beständig sind, dann ist die Lösung: Masse. Da muss man noch mehr produzieren und rationalisieren, um überhaupt die Kredite bedienen zu können. Wenn wir wollen, dass Betriebe anders wirtschaften, muss man fragen: Was sollen diese Betriebe stattdessen machen? Wie sollen die Tiere gehalten werden? Wie sollen die Umweltauswirkungen sein? Dann würde Einkommen möglicherweise nicht mehr primär über die Produktionsmenge, sondern über natur- und tierschutzgemäßes Handeln generiert werden. Das würde gleichzeitig wieder mehr Konsens schaffen, tierische Produkte aber teurer machen. Das kommunikative Hauptproblem ist derzeit, dass Tierhalterinnen und Tierhalter ihr Tun in erster Linie ökonomisch bewerten, wohingegen die Öffentlichkeit tierethisch oder ökologisch argumentiert. Und diese zwei grundlegend verschiedenen Deutungen müsste man wieder ins Gespräch bringen.

Die Kritik an der Massentierhaltung ist in Deutschland nun schon seit 50 Jahren präsent, kulturell werden Vegetarier zunehmend tonangebend. Ökonomisch und politisch hat sich bisher aber wenig verändert. Reicht das also vielleicht nicht?

Es gibt durchaus Veränderungen. Wir haben zum Beispiel keine herkömmliche Käfighaltung bei Geflügel mehr. Aber Reformen sind in diesem Bereich extrem träge. Wir sehen auch eine Zunahme der Biolandwirtschaft. Nur leider ist deren Boom ebenfalls im Diskurs größer als in der Realität. In der Tierhaltung liegt der Bioanteil im einstelligen Prozentbereich, bei der Schweinehaltung gar unter einem Prozent. Wir haben also durchaus einen Wandel, aber der Wandel im Stall ist langsamer als der Wandel in der Gesellschaft.

Warum ist dieser Wandel denn so langsam, wenn der ganze Sektor abhängig ist von der Politik? Führt die Abhängigkeit nicht auch zu einer Steuerbarkeit?

Die Abhängigkeit ist beidseitig, schließlich braucht die Gesellschaft auch die Lebensmittel, die von Landwirten kommen. Der Konzentrationsprozess zur Produktivitätssteigerung – weniger Betriebe, dafür aber mehr Fleisch – führte dazu, dass die Lebensmittelversorgung in immer weniger Händen liegt. Ich glaube, dass wir es hier mit einem demokratischen Problem zu tun haben, eben weil der kommunikative Faden gerissen ist und landwirtschaftliche Verbände ihre Interessen sehr wirksam durchsetzen können, die nicht dem Allgemeininteresse entsprechen. Wir haben zunehmend postmaterialistisch eingestellte Konsumentinnen und Konsumenten, aber weiterhin fordistisch wirtschaftende Tierhalter. Daher rührt die Spannung.