Berlin kauft sich sein Ensemble zurück: Die BE-gGmbH kommt wieder in Landeshand

Berlin will Gesellschafterin der Berliner-Ensemble-gGmbH werden. Oliver Reese behält seinen Direktorenposten und kriegt Stammkapital von 50.000 Euro ausgezahlt.

Das Theater am Schiffbauer Damm, Spielstätte des Berliner Ensembles.
Das Theater am Schiffbauer Damm, Spielstätte des Berliner Ensembles.Moritz Haase

Auf einem Wahlkampftermin zu Ehren von Bertolt Brecht im Theater am Schiffbauerdamm am Freitagvormittag verkündeten der Intendant Oliver Reese und der Kultursenator Klaus Lederer (Linke), dass das Land das Berliner Ensemble als Alleingesellschafterin übernimmt. Streng genommen ist diese „Rekommunalisierung“ noch eine Willensbekundung, der Finanzsenator und das Abgeordenetenhaus haben auch noch ein Wörtchen mitzureden. Aber wer kann etwas dagegen haben?

Der bisherige Alleingesellschafter war seit seiner Amtsübernahme 2017 Oliver Reese. Diesem wird das eingelegte Stammkapital von 50.000 Euro ausgezahlt, das er sich nach eigenen Angaben zur Hälfte von seinem Vater geborgt hatte, um es Claus Peymann, dem Vorgänger im Intendanten-Amt, überweisen zu können. Nur um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: Gemeint ist mit dem Berliner Ensemble nicht das Gebäude am Schiffbauerdamm, das weiterhin der von Rolf Hochhuth gegründeten Ilse-Holzapfel-Stiftung gehört und vom Land Berlin gemietet wird, sondern das als Kapitalgesellschaft geführte Theaterensemble – also der Organisation des am Theater tätigen Personals.

Mit der Schaubühne fing es an

Dieses Berliner Ensemble wurde mit der Spielzeit 1992/93 als Eigenbetrieb des Landes aufgegeben und zu einer gemeinnützigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) privatisiert. Privattheater sind eigentlich solche, die von Impresarios auf eigenes Risiko und aus eigener Tasche geführt werden. Es war ein kurioser Präzedenzfall, als 1962 Jürgen Schitthelm und vier Freunde die Schaubühne am Halleschen Ufer als Privattheater gründeten, Berlin vor vollendete Tatsachen stellten und mit dem kulturellen Kapital des Peter-Stein-Ensembles, das natürlich nicht in mit Eintrittsgeldern abzufangen war, in die Zuwendungsgeberrolle zwangen. Man konnte so ein künstlerisch erfolgreiches Theater ja nicht einfach austrocknen lassen, schon gar nicht so nah an der Front des Kalten Krieges.

Oliver Reese auf dem Dach des Theaters am Schiffbauerdamm.
Oliver Reese auf dem Dach des Theaters am Schiffbauerdamm.Jonas Holthaus

Das Beispiel machte Schule, Düsseldorf, das Hamburger Schauspielhaus und andere Bühnen sind GmbH-Theater, können weniger bürokratisch und autonomer geführt werden, und haben die Möglichkeit, eigene Tarifverträge abzuschließen. Am Weimarer Modell, bei dem das Nationaltheater gerettet wurde, hat man das Ganze grundlegend durchdiskutiert. Jetzt ist es irgendwie bei diesen GmbHs geblieben, die neben den Landes-, Staats- und städtischen Eigenbetrieben existieren. Letztlich sind es Einrichtungen, die uns Steuerzahlern gehören, weil wir für sie aufkommen.

Claus Peymann, der 1999 Intendant des Berliner Ensembles wurde, nutzte die Betriebsstruktur, um seine Freude an prägnanten öffentlichen Auftritten auszuleben. Irgendwann hatte er die Anteile am Stammkapital, das sind jene oben erwähnten 50.000 Euro, die man für so eine GmbH einlegen muss, zusammengekauft und war damit Alleingesellschafter. Geschäftsführender Direktor war er ohnehin schon, nicht nur Intendant. Nun war er also der heilig dreifaltige Theaterdirektor, als der er sich immer gern gebärdete. Fast noch mehr Vergnügen als die morgendliche Kontrolle der Faxe mit den Einspielergebnissen machte es ihm, in regelmäßigen Abständen der Presse zu verkünden, dass der Gesellschafter des Berliner Ensembles den Intendantenvertrag von Claus Peymann um – zum Beispiel – weitere zwei Jahre verlängert. Das war gesellschaftsrechtlich völlig korrekt, bestätigt der stellvertretende Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins Michael Schröder der Berliner Zeitung am Telefon. Der damalige Regierende Bürgermeister und auch als Kultursenator tätige Klaus Wowereit sah sich um seine wirkungsvollsten Auftritte gebracht, konnte aber nicht viel tun.

Claus Peymann, hier bei einer Versteigerung im Jahr 2008, in seiner Rolle als allmächtiger Theaterdirektor.
Claus Peymann, hier bei einer Versteigerung im Jahr 2008, in seiner Rolle als allmächtiger Theaterdirektor.Imago

Claus Peymann konnte andersherum allerdings auch nicht viel tun, als Berlin ihn nach vielen, vielen Jahren nicht mehr als Theaterdirektor haben wollte und ihm als Zuwendungsgeber den Hahn hätte abdrehen können. Ohne den Zuschuss des Landes, der heute bei jährlich rund 17 Millionen Euro liegt, müsste die BE-gGmbH trotz ihrer beachtlichen 20 Prozent Eigeneinnahmen sofort Insolvenz anmelden.

Unterstützung vom Senat

Also alles Folklore und Eitelkeit? Nicht ganz. Oliver Reese haftet als Gesellschafter auch privat mit den eingelegten 50.000 Euro, dies aber nur für den Fall, wenn er das Haus grob fahrlässig führe, so sagte er in einem Interview mit Wir, dem Magazin für Unternehmerfamilien. Und das habe er nicht vor. „Angesichts von monatelangen Schließungen und nun stark reduzierter Zuschauerzahlen reden wir über Defizite, die einem schon etwas Angst machen können.“ Das Interview stammt vom September 2020, nach einer Spielzeit, in der der gGmbH inklusive ausgefallener Gastspiele ein siebenstelliger Betrag entgangen war. „Wir werden auf das Verständnis und Unterstützung des Berliner Senats angewiesen sein.“

Letzteres ist ohnehin die Grundverabredung. Wenn nun das Land als Gesellschafterin eintritt, sind die faktischen Machtverhältnisse und Verantwortlichkeiten besser abgebildet und werden auch die Reaktions- und Entscheidungsmöglichkeiten im Krisenfall besser handhabbar – ohne dass der Gestaltungsspielraum des Intendanten eingeschränkt wird. Denn auch weiterhin gilt die vertraglich gerahmte künstlerische Freiheit, in die das Land nicht hineinregieren darf. Das ist auch bei Landesbetrieben wie der Volksbühne oder dem Gorki, in denen die Kulturbehörde direkt als Arbeitgeber fungiert, nicht anders. Unbegrenzt ist die künstlerische Freiheit nicht, wie etwa Machtmissbrauchsdebatten schmerzlich offenbarten. Wenn jetzt der Rechtsträger direkter Einfluss nehmen kann und nicht nur vermittelt durch die drohende Winke mit dem Geldhahn, ist das zu begrüßen. Wer weiß, wann man die Hebel der Macht einmal braucht.