Lana Del Rey
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Wo war der Biber? Am vergangenen Mittwoch, so stand es hier zu lesen, hatte ein Exemplar der possierlichen Nager zum Ausklang des Konzerts von Billy Idol im Wassergraben der Zitadelle geplantscht. Als wir jedoch nach dem Freitagskonzert von Lana Del Rey die Ufer scannten, hatte es sich offenbar im Schilf weggeduckt. Es war nicht die einzige Enttäuschung des Abends.

Man konnte die Vermutung nicht ganz von der Hand weisen, das Tier sei lieber weggetaucht angesichts des Tosens, mit dem das Konzert zu Ende gegangen war. Es waren jedoch nicht die sechstausend Fans, die lärmten. Die hatten sich nämlich, nachdem das minutenlang dröhnende Abschlussgedudel von Keyboard, Gitarre, Bass und Drums verhallt war und die Sängerin davongehuscht, still und wie achselzuckend zur Ausgangsschleuse gewandt.

Nur zwei Songs aus neuem Album

Es war auch alles gesagt. Eine der Entscheidungen der Künstlerin hatte darin bestanden, das Repertoire wesentlich mit Stücken aus „Born To Die“ zu gestalten, ihrem millionenfach verkauften und längst betourten ersten Major-Album von Anfang 2012. Der soeben erschienene Nachfolger „Ultraviolence“ blieb bis auf zwei Stücke ausgespart.

Das war gleich mehrfach schade. Lana Del Rey spitzte nämlich einerseits das musikalische Missverständnis noch zu, das ihr erstes Album prägt. Daher hörte man ihre suggestive, in höchsten Höhen streunende Stimme und die innerlich an den 1960ern orientierten Popsongs in Triphop-artigen Rockarrangements, die klangen, als habe man sie sich nach der oberflächlichen Kontrolle jüngerer R&B-Trends ausgedacht – statt den Sound weitläufig zu öffnen und zu erheben, hockten wuchtige Bandbeats und Streicher radiotauglich und breitärschig aufeinander.

Damit enttäuschte Del Rey zum anderen auch betrüblich das Versprechen des neuen Albums, das eine deutlich andere Richtung einschlägt. Reden wir also lieber ein wenig von „Ultraviolence“. Das Album ist nämlich sehr schön. Und zudem überraschend, weil Elizabeth Grant, wie Lana Del Rey bürgerlich heißt, regelmäßig resignativ einbricht und nach „Born to Die“ eigentlich nicht mehr weitermachen wollte – eine fatalistische Grundhaltung, die sie in Interviews schon mal als Todessehnsucht formuliert und die auch das Subjekt ihrer Songs bestimmt: Del Rey bewegt sich weniger singend in der Musik. Sie lässt sich scheinbar halbsediert hindurchtreiben.

Daran hat auch Dan Auerbach vom Bluesrock-Duo The Black Keys nicht gerührt, der „Ultraviolence“ in seinem Studio in Nashville produziert hat. Aber er hat mit einschneidendem Effekt fast den ganzen irreführenden Beat-Pomp rausgeworfen. Auerbach reduziert dabei nicht, sondern wählt nur eine sanftere Anästhesiemethode als den Hammer. Nun stehen schwer twangende Gitarren, Streicher-Gischt, bumm-zischendes Schlagzeug zugleich transparent für sich, um erst in einem fern verhallenden Raum ineinander zu strömen. Darin schwimmt Del Reys Stimme weh und zeitlupenhaft, als wehre sie sich vergeblich gegen das Schwinden des Bewusstseins. Der schicke Retro-Effekt ihres psychedelischen Pops darf sich vordergründiger entfalten und entfernt sich zugleich als Pastiche.

Das erleichtert auch den Umgang mit den problematischen Texten. Man kann sie natürlich als schönen, reinen Sound ignorieren. Aber sie lassen sich nun auch leichter als dämmernde Fantasie lesen, in der unwillkürlich zerkratzt-erotisierte Vintage-Bilder aufsteigen. Del Rey besingt sich hier als Mätresse, als Frau, die sich zum Erfolg vögelt. Und vor allem besingt sie sich (wie seit der ersten Single „Video Games“) als trauriges Lolita-Mädchen, das hübsch aussieht, wenn es weint – und das dazu als Braut des Typen mit dem Hang zu Drogen, Jazz und alten Cabrios viel Gelegenheit bekommt. Dafür hat man Del Rey eine Gangsta-Nancy-Sinatra genannt.

Schläge wie Küsse

Tatsächlich erinnert hier manches an die flirrend verspulten Songs, die Sinatra mit Lee Hazlewood aufgenommen hat. Während Nancy Sinatra jedoch auch Boots hatte, mit denen sie ihren Lover treten konnte, fühlen sich für Del Rey Schläge wie ein Kuss an. Im Titelstück von „Ultraviolence“ zitiert sie den schon in den 1960ern umstrittenen Crystals-Song „He Hit Me (And It Felt Like a Kiss)“.

„Ultraviolence“ ist, um doch noch auf das Konzert zu kommen, eins der beiden neuen Stücke, die Del Rey in der Zitadelle spielte: fett, wuchtig, mit synthetischem Streichermumpf, gleichsam auf den Kopf gestellt. Immerhin nahm sie in „West Coast“, dem zweiten neuen Stück, die neuen Erkenntnisse ein wenig auf und stellte effektvoll dessen dynamischen Sturz aus einer akzentuierten Strophe in einen flauschig weichen Refrain nach. Zentral blieb jedoch ein unterschiedslos gegen die tatsächlich außergewöhnliche, vielleicht hypnotische Stimme wummernder Poprock und eine Leinwand, die Videos mit „Easy Rider“-Bikern und US-Weiten zeigte oder Bilder von Jesusstatuen und malerisch suizidalen Klippenstürzen.

Hypnotisiert wirkte am Vorabend ihres 28. Geburtstags auch die Sängerin selbst – so als entweiche ihr der Gesang und ein bisschen automatisches Publikumslob im Halbschlaf. Sie sah dabei natürlich sehr apart aus, wie sie barfuß und planlos hin und her über die Bühne ging, unter dem hochgeknöpften weißen Kleid gut trainierte Quadrizepse an kalifornisch braunen Beinen zeigte und auch mal verrucht eine Zigarette rauchte.

Das Ende verbrachte sie, während die Band auf ihr „National Anthem“ einprügelte, beim Selfie-Bad in der Menge. Das wurde mit einem Retro-Effekt auf die Leinwand projiziert, so dass sie aussah wie Jackie Kennedy im Wahlkampf ihres Mannes. Zweifellos ein beeindruckendes Bild – mit dem naturgemäßen Makel, dass also die Person, um die es eigentlich gehen sollte, so seltsam abwesend schien wie der blöde Biber in seinem Graben.