Trettmann rappt, hier auf der Bühne des Festivals Highfield.
Foto:  imago images / Christian Grube

Berlin Deutscher HipHop hat derzeit keinen guten Leumund. Dafür gibt es gute Gründe, die von geistiger Verwahrlosung bis zu Einfallslosigkeit reichen. Das hat nichts mit dem Genre an sich zu tun, wie Leute wie Trettmann beweisen. Dass er so gut ist, liegt auch an der Produktion. Trettmann, der eigentlich Stefan Richter heißt, kommt aus der Nähe von Chemnitz, arbeitet aber seit etlichen Jahren mit dem Kreuzberger Kitschkrieg-Kollektiv. 

Einen ersten Teil seiner Karriere hat er in den mittleren Nullerjahren in Leipzig als Reggae- und Dancehall-Sänger verbracht. Die Wurzeln, die er mit den drei Kitschkriegern teilt, hört man zum Beispiel auch auf „Standard“, Trettmanns Single-Hit von 2017. Wie dort handelt es sich jedoch auch auf den Tracks seines gerade erschienenen Albumdebüts „Trettmann“ um Varianten von Cloudrap- und Trap.

POP - Empfehlungen 

Trettmann 18.12., 20 Uhr, Velodrom, Paul-Heyse-Str. 26

Clairo
17.12., 20 Uhr, Lido, Cuvrystraße 7

Kompromat
17.12., 20 Uhr, Berghain Kantine, Am Wriezener Bahnhof

Deren steile Beliebtheitskurve im ablaufenden Jahrzehnt hat zu einer nicht sehr vorteilhaften Schwemme entsprechender Tracks geführt: Sie sind billig zu produzieren, bauen auf neblige Entschleunigung und meist benebelt-betrübten, Autotune-winselnden Singsang, der von Partyüberdruss und perspektivischem Allgemeinkater berichtet. Nun spielt man ja gerne, gerade in der bürgerlichen Kunst, den linearen Forschritt gegen die Wiederholung aus.

Dabei vergisst man ebenso gern, dass Leben und Denken sich im Ganzen als Wiederholung mit Differenz abspielen – ob man die eine oder andere als Leitmotiv erkennt, hängt von der Alltagsperspektive ab. Anders gesagt: Wie ein Leben von der Geburt zum Tod wirken Genrebewegungen von der Tafelmusik zum HipHop bei der oberflächlichen Begegnung vergleichsweise ähnlich. Die Besonderheit erkennt man erst, wenn man sich entweder tiefer einlässt oder durch besonders auffällige Signale darauf gestoßen wird.

Der Rapper Trettmann und die Sängerin Alli Neumann performen „Zeit steht". 

Video: YouTube/SoulForce Records

Trettmann mit besonderen Tracks im Velodrom

So habe ich Kitschkrieg erst mit Haiytis zweitem Album von 2018 richtig und erfreut wahrgenommen. Auch mit Trettmanns Debüt denken sie  über die Regeln hinaus. Das gilt zum einen für die sparsamen und verschwommenen Keyboards, mit denen sie die undeutlich melancholisierten, dubbigen Tracks voranschubbern lassen. Die zucken manchmal trappig, gleiten über Dancehallbuckel, wuppen aber auch in Richtung warm verlangsamter Housebeats.

Trettmann leiert durchaus vorschriftsmäßig durch die Stimm-App, findet dabei aber im Gegensatz zu vielen seiner deutschen Kollegen melodische Abzweige. Vor allem hat er Texte und Themen, die sich nicht anhören, als seien sie von einer lernschwachen KI zusammenbuchstabiert, sondern von einem menschlichen Kopf getextet. Dieser ist immerhin 46. Daran mag es liegen.

Zum Beweis nur die beiden ungewöhnlichsten und vielzitierten Tracks: Eines widmet er zärtlich seiner Tochter „Margarete“, ein anderes handelt von Berliner „Stolpersteinen“, worauf er sich beim Runterkommen vom Rave Gedanken über eine junge Frau macht, über deren goldenen Stein er gerade hinweggegangen ist. Und wie er da das eigene Glück mit der Trauer über das fremde Schicksal und der Wut aufs rechtsradikale Elend verbindet, das ist schon überzeugend.

Sängerin Clairo startet im Lido weiter durch 

Zu Clairos neusten Singelauskoppelungen gehört „Sofia".

Video: YouTube/Clairo

Im Netz zum Star gekürt, als sie 2017 mit 19 ihre erste Lo-Fi-Nummer „Pretty Girl“ hochlud, bringt Clairo (alias Claire Cotrill aus Massachusttes), nun im US-Sinne volljährig, ihr Debütalbum aus dem August auf Tour. Mit Majorlabelvertrieb und Ex-Vampire Weekend-Keyboarder Rostam Batmanglij als Produzent klingt es zwar nicht mehr nach Schlafzimmer-Basteln. Aber mit Indiegitarren, verzerrten Synthlinien über einem modischen Mix von Schlummerrock bis Breakbeats und unter ihrer verschlafenen Stimme klingen die Lieder nicht weniger charmant. Nun spielt sie im Kreuzberger Club Lido.

Elektro-Duo Kompromat in der Berghain Kantine

Unterhaltsam finde ich den Gummidildo-Elektro des französischen Duos Kompromat. Angeblich hat sich French-Touch-Veteran Vitalic vom Berliner Frühtechno inspirieren lassen. Aber wie Julia Lanoe (Ex-Sexy Sushi) mit lehrbuchhaftem französischen Akzent deutsch über die Sequenzer singt, liegen klar auch DAF auf Linie. Und siehe da – soeben haben sie auch schon deren „Räuber und der Prinz“ gecovert.  

Der Song „Niemand" von Kompromat.  

Video: YouTube/Kompromat Music