Berlin-Konzert: Warum die Rolling Stones so begeistern

Ein bisschen Torschlusspanik war sicher mit im Spiel, als ich die Einladung zum Konzert der Rolling Stones in London annahm. Ich habe die letzten 35 Jahre über Popmusik geschrieben. In dieser Zeit – und davor als Fan – habe ich jeden großen Musiker gesehen, der nicht vor meiner Zeit abgetreten ist. Zigmillionen Leute sind über die Jahre zu den Stones geströmt, mehr als 2000 Konzerte haben sie angeblich gespielt. Alle ohne mich.

Das liegt natürlich an den Stones. Man glaubt ihnen ja diese Mia-san-mia-Unverwüstlichkeit: Wenn’s diesmal nicht klappt, dann halt das nächste Mal. Doch nüchtern betrachet werden in diesem Jahr Mick Jagger und Keith Richards 75, Charlie Watts ist sogar zwei Jahre älter, und selbst Ron Wood, das 1975 dazugestoßene Bandküken, hat die 70 und eine Krebsbehandlung hinter sich gebracht. 1980 hatte ich ein Ticket für Bob Marley in München, bin dann aber nicht nach Riem rausgefahren, weil’s in der Stadt gerade so schön war. Und ein Jahr später war er tot.

Also stand ich am 22. Mai im Londoner Olympiastadion bei den Stones, als sie mit „Street Fighting Man“ ins erste ihrer beiden Londoner 70.000er-Konzerte im zweiten Bein ihrer „No Filter“-Tour gingen, die sie letzten Herbst in Hamburg begonnen haben.

120 Millionen Dollar Umsatz

Rund 120 Millionen Dollar haben sie mit den Konzerten der ersten Hälfte umgesetzt. Gemessen an ihrer ertragreichsten Tour zum Album „A Bigger Bang“ vor elf Jahren – Umsatz: rund fünfmal soviel – klingt das bescheiden. Stattlicher liest es sich, wenn man bedenkt, dass die alten Herren nur dreizehn europäische Konzerte spielten. Der Zulauf ist hart erarbeitet:

Die Rolling Stones haben den Stadionrock nicht erfunden (das waren die Beatles), aber sie haben schon auf der Amerika-Tour 1969 das technologische Niveau von Lightshow und Sound – wie auch die Businessebene – in die Moderne geholt. 1981 wiederum legten sie mit der „Tatoo You“-Tour noch einen drauf, mit den ersten Sponsorendeals, irrem Stagedesign und jahrelangen, teils heute noch gültigen Zuschauerrekorden.

Ich mag das Stadion-Format nicht. Wenn 80.000 Leute eine Band feiern, geht es um Idolatrie, nicht Musik. Auch mag ich den Designer-Größenwahn nicht, die aufblasbaren Riesenpenisse der Stones, die Louise-Bourgeois-Spinne von U2. Aber klar lasse ich mich in den Stadien beeindrucken, von Springsteen oder Bono oder Coldplay – wenn der Riefenstahl-Effekt wirkt, ist man machtlos.

Band in Harz gegossen

Es gibt indes noch einen damit zusammenhängenden Grund, warum mich Stones-Konzerte nie drängten: Die Band hat sich schon vor 40 Jahren von der musikalischen Schöpfung verabschiedet, sich ästhetisch in Harz gegossen. Keith Richards bestätigte das indirekt gerade im Rolling Stone (dem Magazin), als er meinte, die Phase um plusminus 1970 herum sei die beste der Band gewesen. Die Setlist in London bestätigte wiederum meine Meinung: Von den neuen Alben nach „Some Girls“ (von 1978) spielten sie praktisch nichts.

Okay, „Start Me Up“ von „Tattoo You“, aber das ist ja eine Selbst-Pastiche, Stones nach Zahlen. Was in einem umgekehrten Sinn auch für „Ride Em On Down“ gilt, einem alten Chicago Blues von Playboy Taylor. Den haben sie zwar erst seit zwei Jahren im Repertoire, seit ihrem Blues-Coveralbum „Blue And Lonesome“, aber er füllt nur ein Passepartout für die ganz frühe Phase der Band. „Da hinten, ganz in der Nähe“ nickt Jagger zum Jubel des Volkes ins Bühnenaus, „haben wir 1962 in einem längst abgewickelten Club mit Bluesnummern angefangen.“

Dann spielen sie das steinalte Ding. Schmirgeln daran herum, dass man sozusagen Funken spritzen hört, und Mick Jagger krümmt sich zwischendrin so super und sachdienlich über die lächerliche Mundharmonika, dass ich meinen Ohren nicht traue. Eigentlich nur Tribut an ihre schwarzen Helden, manifestiert sich in dieser Roheit ihr ganzer Appeal. Ich wiederum habe vierzig Jahre lang die falsche Frage gestellt.

Die Nostalgie der Stones

Klar geht es bei einem Stones-Konzert auch um Nostalgie. Von der Seite her plaudert mich ein freundlicher Herr an, der geht, weil er es nicht ertragen kann, dass sie „Angie“ auslassen. Auch ich bin alt genug, um in den alten Nummern schmerzlich den vergangenen Glanz der Jugend zu erkennen. Ich hätte gerne „Time Waits For No One“ gehört, aber das wäre vielleicht unpassend gewesen.

Jaggers Idee des „Street Fighting Man“ war andererseits schon auf meinen Teenager-Parties der 70er-Jahre lächerlich. Aber das Riff ist super. Dafür holt die triumphale Version von „Miss You“ mit einer coolen Neon-Installation den Moment zurück, als ganz ohne Blues, mit Discoeinfluss, Beats und Synthies, eine neue Zeit begann.

Als Charlie Watts, der die ganze Zeit aussieht, als lutsche er an seinem Gebiss, die verdammte Kuhglocke von „Honky Tonk Women“ anschlägt, sehe ich mich im Sommer 1970 mit meinem Umhänge-Kassettenrekorder neben dem besten Freund die Bahnlinien entlanglaufen; ich wohne gegenüber der Schule und begleite ihn nur, um Musik zu hören und zum Rattern des Güterzuges drüber zu reden. Und ich ahne nicht, dass es dieses fehlfarbene Sommerlicht in den Feldern nie mehr wieder geben wird.

Aber dass ich so beeindruckt war, lag nicht an den Triggern der Rührseligkeit. Die materielle Kopplung von Sound und Erinnerung gehört natürlich wesentlich zur Popmusik. Auch um Design- oder Kostümüberwältigung ging es nicht: Jenseits der „Miss You“-Disco gab es nur brillante Screens für die Liveprojektion. Die angebliche Alterslosigkeit ist ein Mythos: Jagger ist fit, aber er hoppelt nicht gerade federnd über den Steg zu seiner Gockeltenne im Stehpublikum. Richards, souverän in den Riffs, wirkt mit seinen knotigen Fingern und den Faltenmassen manchmal desorientiert.

Jeder Verdacht der Lüsternheit verpufft

Es mag grob klingen, wie man ex negativo das Wesen der Stones in den zwei Stücken, die Richards sang, erkannte. Jagger hatte gerade noch zum Taumel des Publikums und charmant die Band vorgestellt. Als Richards begann, hörte man, ich schwöre, ein lautes „Schlrp“. Das war der Sound des fallenden Charisma-Barometers. Übrigens war ich den Stones einmal sehr nah, als sie 2007 für die Berlinale, wo ich gelegentlich arbeite, zu Martin Scorseses Konzertfilm „Shine a Light“ in Berlin waren.

Vor allem Mick Jagger brummte vor miesen Vibes, den Film konnte ich nie ansehen. In London nun kam er mit „Sympathy For The Devil“ aus der Pause zurück – es war, als hörte ich den Song das erste Mal, gefährlich, zynisch, laut, groovy. Wie später beim fantastisch gejammten „Midnight Rambler“ und schließlich dem brütenden, lauernden „Gimme Shelter“ ging mir auf, was mich so packte: Es war die Essenz der Live-Performance selbst.

Sexismus? Rassistische Momente in „Brown Sugar“? Heteronormativität, wie sie normativer kaum sein könnte? Schon 1975 schrieb, durchaus mit Bedauern, Ellen Willis, einst die erste, hochpräzise Rockkritikerin der New York Times, dass der Auftritt, also Jagger, den Sex verloren habe. Für die Greise gilt das doppelt: Jeder Verdacht der machohaften Lüsternheit verpufft, Sexualität könnte nicht abstrakter durch die Musik beben. Woran stattdessen die Alten in jeder Sekunde dieses tollen Konzerts erinnern: an die Lust des Lebens, an die Schönheit der Gemeinschaft, ans Wunder des Moments.

Letzte Chance? Am 22. Juni treten die Rolling Stones im Berliner Olympiastadion auf. Restkarten in allen Preiskategorien gibt es noch.