Patti Smith weiß, wie man Fans umgarnt. Fast auf die Minute pünktlich beginnt sie ihr Konzert am Mittwoch im Tempodrom mit zwei alten Hits und der aktuellen Single „April Fool“. Anders als so manch andere gestandene Heldenfigur der Rockgeschichte hat sich Patti Smith noch nie geziert, den Fans auch die Lieblingsstücke aus der frühesten Vergangenheit – vom Einstiegstitel „Dancing Barefoot“ bis zum späten „Because the Night“ – vorzuspielen. Das sollte man auch deshalb begrüßen, weil ihre Songs auf der Bühne grundsätzlich gewinnen. Bei aller rohen Energie der frühen Studioalben hört man ihre Kraft am besten auf „Teenage Perversity and Ships in the Night“, dem berühmten Bootleg eines New Yorker Auftritts von 1976.

Bezaubernd charismatische Form

Überraschendes gibt es daher andererseits aus dem randvoll ausverkauften Tempodrom natürlich nicht zu vermelden. Aber keiner ihrer Auftritte der letzten Jahre wirkte so präsent, so konzentriert und unfransig, ohne ausladende Schamanentänze und mit prägnant reduzierten Ansprachen. Vielleicht lag es an der leichten Erkältung, die sie – „kommt nicht auf dumme Ideen“ - mit Nasenspray bekämpfte, und die sie auch mal zur fußballerhaften Schleimentleerung an den Bühnenrand trieb. In jedem Fall lief die 65-Jährige zu großer, bezaubernd charismatischer Form auf, was offenbar auch ihre Band um den lebenslangen Gitarrenbegleiter Lenny Kaye zu mitunter furios lärmigen, druckvollen Garagenrock-Strecken anstachelte.

Dazu brachte sie ja ihr unspektakulär gelungenes neues Album „Banga“ mit, für das sie zum ersten Mal seit acht Jahren wieder eigene Songs geschrieben hat. Die letzte Veröffentlichung „Twelve“ – auch schon fünf Jahre her – bestand ausschließlich aus leider nicht besonders interessanten Coverversionen. Vielleicht litt das Album daran, dass man ohnehin Smith’ gesamtes Schaffen als eine Art Hommage an jede Menge Wegbegleiter zwischen Paul (Symbolist) und Tom (Post-Punk) Verlaine verstehen sollte – Smith schreibt Songs als eine Art künstlerische Familienchronik.

Patti Smith kümmert sich

Dabei nimmt sie sofort in die Familie auf, wen immer sie gerade interessant findet. So gibt es auf dem Album Songs für die im letzten Jahr verstorbene Bertolucci-Schauspierin Maria Schneider und ein Stück, das sie als selbstgebasteltes Geschenk Johnny Depp zum Geburtstag schrieb. Live würdigt sie kurz hintereinander Amy Winehouse, William Burroughs und Christoph Schlingensief. Es gibt keinen Grund, die Herzlichkeit dieser Umarmungen zu bezweifeln. Ich habe sie anlässlich ihrer Filmbiografie „Dream of a Life“ vor ein paar Jahren einmal vom Bahnhof Zoo zum Hotel begleitet, und schon auf dem Bahnsteig galt ihre einzige Sorge der Frage, wann und in welchem Krankenhaus sie Schlingensief besuchen könne.

Sie kümmert sich um ihre Leute, so ließe sich auch dieses rundweg schöne Konzert überschreiben, wo sie selbst abgehangene Vorzeigenummern wie „Gloria“ mit erstaunlich frischer Lust brachte. Nur „Rock’n’Roll Nigger“ sollte sie bei aller raubeinigen Gassenhauerwirkung vielleicht mal aus dem Programm nehmen. In der Hippieseligkeit der Siebziger mag die falsche Assoziation eine lässlich romantische Anmaßung gewesen sein. Heute klingt sie doch recht grob.