Englische Technik in „Hansa-Blue“: das Mischpult im Studio 1.
Foto: Hansa Studio/Meisel

Berlin-KreuzbergEs ist dreieinhalb Meter breit, hat 6.734 Knöpfe und Schieberegler und trägt die Bezeichnung SSL 4.000E. Es ist ein Mischpult der Oberklasse, hergestellt bei der englischen Firma Solid State Logic. Als es in Auftrag gegeben wurde, legte der Besteller aus Berlin Wert auf eine spezielle blaue Lackierung. Dass diese Farbe seither als „Hansa-Blue“ einen festen Platz im Katalog des inzwischen Peter Gabriel gehören Unternehmens SSL aus Oxford hat, sagt viel über den Ort, an dem das Pult seit Jahrzehnten steht: Köthener Straße 38, vierte Etage, Hansa-Studio.

Das Haus liegt versteckt im Hinterland des trubeligen Potsdamer Platzes. Zu ebener Erde befindet sich der Meistersaal, der mit guter Akustik bekannt, aber vor allem durch seine Lage und seine Nutzer berühmt wurde. David Bowie etwa produzierte in der „Big Hall by the Wall“ unter anderem „Heroes“ und U2 unmittelbar nach dem Mauerfall Teile des Albums „Achtung, Baby“.

Heute besteht das Hansa-Studio, das nach wie vor zum 1926 gegründeten Berliner Musikverlag Meisel gehört, ausschließlich aus dem Studio 1 in der vierten Etage. Und es ist bis heute für Berlin das, was die Abbey Road Studios für London sind: eine Institution.

750 Euro am Tag

Das Studio ist groß genug, dass sich darin eine Band ausbreiten kann. Es gibt einen mit italienischem Marmor getäfelten Raum für besonderen Schlagzeug-Sound. Neben dem Mischpult im Regieraum stehen zwei 24-Spur-Bandmaschinen, falls ein Musiker noch die analoge Aufnahmetechnik bevorzugt, und zwei Ledersofas aus den Siebzigern, auf den schon Bowie, Iggy Pop und Bono gesessen haben – und etliche mehr. Tatsächlich ist die Liste derer, die hier Musik produziert haben, seitenfüllend. Sie reicht etwa von Nick Cave bis Pavarotti oder von Mitch Rider bis PVC.

750 Euro kostet die Studio-Nutzung am Tag. Hinzu kommen Extras. Zum Beispiel ein Toningenieur oder auch nur einer, der sich in der Stadt auskennt und morgens um drei Uhr Burger, Sushi oder eine Flasche Jägermeister auftreiben kann. Handys sind verboten, weil man keine Fotos will.

Prominente Besucher

Ein Studio ist Privatbereich wie eine Hotelsuite und wird entsprechend diskret geführt. Wer gebucht hat, bleibt geheim. Allenfalls im Nachhinein wird bekannt, wer in der Köthener Straße gastierte. Zuletzt nahmen die Pet Shop Boys im Hansa-Studio ihr jüngstes Album auf, und Cher nutzte ihren Berliner Konzertaufenthalt im September für einen Abstecher.  

Wenngleich das Hansa-Studio das legendärste in der Stadt ist, das einzige ist es nicht. Es gibt noch mindestens 120 weitere. Zudem haben Universal Music, BMG und bald Sony Music ihren Sitz in Berlin. Insgesamt gehören rund 1.450 Unternehmen zur hiesigen Musikbranche. Sie beschäftigen etwa 13.300 Menschen und erwirtschaften einen Gesamtumsatz von 1,9 Milliarden Euro.