Die Tipps der Kulturredaktion: Hier müssen Sie am Wochenende hin

Unsere Kulturredaktion hat für Sie die Veranstaltungspläne durchforstet und die besten Ideen fürs Wochenende zusammengestellt.

Uroš Pajović / BLZ

„Verrückt nach Trost“: Schauspielfest in den Sophiensälen

„Wir lieben Tiere, ohne sie zu verstehen, oder besser, weil wir sie nicht verstehen. Vielleicht ist das überhaupt der Sinn von Liebe, dass wir eine Beziehung eingehen können mit Dingen, die wir nicht begreifen.“ Das hat der Regisseur Thorsten Lensing der Berliner Zeitung in seinem bisher einzigen Interview gesagt, als er vor vier Jahren mit seiner Adaption von „Unendlicher Spaß“ zum Theatertreffen eingeladen wurde. Mit diesen Worten benennt er auch, was wir im Theater feiern könnten, wenn wir das pure Spiel zuließen: Dinge und Wesen sehen und lieben, aber nicht gleich wieder zerstören, indem wir sie begreifen. Mal abgesehen davon, dass er damit den Beruf des Theaterkritikers überflüssig macht, der da verkündet und erklärt, was das Publikum zu lieben hat – ist Lensing natürlich recht zu geben.

Ursina Lardi und Sebastian Blomberg
Ursina Lardi und Sebastian BlombergArmin Smailovic

Er arbeitet frei, mit Bedacht und Ruhe, und er lässt sich dabei auch nicht von einer Pandemie aus dem Gleichgewicht bringen. Seine neue Arbeit kam im vergangenen Sommer bei den Salzburger Festspielen heraus, erstmals ohne literarische oder dramatische Vorlage: „Verrückt nach Trost“ heißt das Stück, und wir haben viel Gutes bei den Kollegen Kritikern gelesen und gehört, dass sein grandioses Ensemble – Ursina Lardi, Sebastian Blomberg, André Jung und Devid Striesow – Tiere und Kinder spielt. Es geht um Erlösung. Man sollte also bei der Berliner Premiere und den Folgevorstellungen nicht fehlen. Ulrich Seidler

Verrückt nach Trost 30. September, 1., 2. sowie 7.–9. Oktober, 19 Uhr in den Sophiensälen. Karten und Informationen unter Tel.: 283 52 66 oder sophiensaele.com


Lesung & Gespräch: „Ein Kind der kleinen Mehrheit“

Kleine Mehrheit – so nennt Gianni Jovanovic die Roma. Er möchte nicht von einer Minderheit sprechen. 1978 in Rüsselsheim als Kind einer Roma-Familie geboren, wuchs er an verschiedenen Orten in Deutschland auf, wurde auf die Sonderschule geschickt. Schon als Kind in Deutschland hat er Diskriminierung und Gewalt erfahren. Seine Familie hat einen Brandanschlag überlebt. Mit 14 Jahren heiratete er, mit 17 war er zweifacher Vater. Sein schwules Outing hatte er mit 20. Er lebt in Köln, ist Unternehmer, Comedian und engagiert sich für die Rechte von Roma und Sinti.

Gianni Jovanovic
Gianni JovanovicBenjamin Pritzkuleit

Vergangenes Jahr ist sein Buch „Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit“ (Blumenbar Berlin) erschienen. Darin spricht er nicht nur als Aktivist, das Buch steckt auch voller Sarkasmus, Humor und saftiger Sprache. Am Sonntag liest er zusammen mit der Co-Autorin Oyindamola Alashe, für Musik sorgt Celina Bostic. Die beiden Autoren stehen auch für ein Gespräch mit dem Publikum zur Verfügung. Susanne Lenz

Gorki Studio, 2. Oktober, 20.30 Uhr, Tickets: Maxim Gorki Theater Berlin


Kapellengemälde in der Nikolaikirche: Helge Leibergs queerer Jesus

Noch immer ist die Berliner Zeitung alle acht Wochen dabei, wenn sich in der Grabkapelle der Familie Kraut im Museum Nikolaikirche Künstlerinnen und Künstler den Pinsel weiterreichen. „10 Variationen zur Auferstehung“ heißt das vom Stadtmuseumkurator Albrecht Henkys initiierte Langzeitprojekt.

Seit Kriegsende 1945 ist das Wandbild „Auferstehung“ verschollen. Gemalt hatte es ein unbekannter Künstler um 1724. Das Kapellenensemble aus Skulptur und Malerei galt einst als das beste Barockmonument seiner Art in Berlin und Brandenburg. Gerade füllt der Maler Helge Leiberg die Leerstelle. Leiberg, Jahrgang 1954, enger Freund des Dissidenten und Weltbild-Malers A. R. Penck, mit dem er viele experimentelle Musikprojekte realisierte, verließ wie dieser seine Heimatstadt Dresden und die DDR. Er lebt seit 1984 im Berliner Westen, performt, spielt in einer Band, bekam 2013 den Brandenburgischen Kunstpreis. Die expressive, verknappte Bildsprache, kontrastierende Farben sind sein Markenzeichen. Und nie wandte er sich ab von der Figur.

Auch seine „Auferstehung“, Variante 10 der Projektreihe, ist ein Existenzzeichen: eine nackte, zwittrige schwarze Gestalt mit überlangen Extremitäten, in wild tänzerischer Gebärde, umzingelt vom Fegefeuer, oben Frau, unten Mann. Zu deren Füßen liegt der tote Jesus, neben ihm der zerbrochene Flügel eines gefallenen Engels. Der Messias ist bedeckt mit einem Leichentuch, drumherum hocken die – schwarzen – trauernden Wächter, zutiefst erschrocken von der Erscheinung des Erlösers als schwarzer Hermaphrodit. Deutlich wird in dieser Malerei die Verbindung mit Tanz und Musik.

Im barocken Sandsteinrahmen: Helge Leibergs ketzerisches „Stigma“, Tusche und Collage auf Karton, 2022
Im barocken Sandsteinrahmen: Helge Leibergs ketzerisches „Stigma“, Tusche und Collage auf Karton, 2022VG BIldkunst Bonn 2022/Albrecht Henkys//Stadtmuseum

Leibergs Kapellen-Bild heißt „Stigma“, bezieht sich auf das Theaterstück „The Gospel according to Jesus, Queen of Heaven“. Damit provozierte die britische Transgender-Autorin Jo Clifford 2009 nicht nur heftige Diskussionen, sondern auch wütenden Protest der Klerikalen. Dabei war der Gedanke eines queeren Jesus schon damals nicht neu. Viel älter, so Kunstprojekt-Leiter Henkys, sei die Überlieferung, dass es sich bei der historischen Person Jesus von Nazareth nicht um einen Weißen handelte, sondern womöglich um einen Schwarzen. In übersteigerten Farbkontrasten setzt Helge Leiberg dieses ketzerische Thema ins Bild. Ein anregender, provokanter Kontrast zum harmoniesüchtigen Barock-Brimborium der Kapelle. Ingeborg Ruthe

Kraut-Kapelle, Museum Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz, hinter der Hauptpforte links, Di.–So. 10–18 Uhr, Eintritt frei


„Mariupolis 2“ von dem in der Ukraine getöteten Regisseur Mantas Kvedaravičius & Gespräch mit seiner Partnerin

Als Russland 2014 die Ukraine angriff, reiste der litauische Filmemacher Mantas Kvedaravičius in die Hafenstadt Mariupol, um die Folgen des Krieges für die Bevölkerung festzuhalten – nicht ahnend, dass das Leid acht Jahre später noch mal ganz neue Ausmaße annehmen würde. Als das passierte, kehrte Kvedaravičius an seine alten Drehorte zurück. Der Regisseur konnte seinen Film nie beenden: Als er versuchte, aus der Stadt zu fliehen, wurde er von Soldaten erschossen. Seine Lebensgefährtin Hanna Bilobrova und die befreundete Cutterin Dounia Sichov stellten den Film schließlich fertig. Am Sonntag wird Hanna Bilobrova in der Brotfabrik in Weißensee zu Gast sein und nach der Vorführung des Films für ein Gespräch zur Verfügung stehen. Claudia Reinhard

„Mariupolis 2“ in Anwesenheit von Hanna Bilobrova, Brotfabrik, 16 Uhr, hier gibt es Tickets


Konzert: Hot Chip im Huxley's

Eine wesentliche Ingredienz der meisten Songs des britischen Quintetts Hot Chip ist die stampfende Kickdrum – fusioniert mit Harmonien, die so ambivalent zwischen euphorisierendem Bällebad und melancholischem Nebelnachtwandeln schillern, dass sich viele sicher schnell und zu Recht an die Pet Shop Boys erinnert fühlen; zumal ob der androgynen Kopfstimme von Hot-Chip-Sänger Alexis Taylor, die an Pet-Shop-Boys-Sänger Neil Tennant gemahnt. Das britische Quintett wackelt mit seinem Disco Noir immer zuverlässig erstklassig zwischen Tiefenphilosophie und Tanzbodenstudio 54, so auch auf dem neuen Album „Freakout/Release“.

Hot Chip waren schon auf ihrem Debüt „Come On Strong“ (2004) mit ihrer elektronischen Ästhetik bahnbrechend in Indie-Gefilden: Synthesizer und computergenerierte Loops gesellten sich bei Hot Chip zu den Gitarren. Das war derzeit völlig ungewöhnlich – und sorgte daher auch für Irritation unter Indie-Connaisseuren: Wer sind diese Hot Chip und wo wollen die hin? In der zweiten Hälfte der Nullerjahre zogen aber andere Gitarren-Indie-Bands nach, wurden auch elektronischer. Editors und Phoenix beispielsweise. Der neue Genrebegriff Indietronic machte die Runde. Hot Chip indes sind nicht nur fasziniert von Italo Disco, Chicago House und Detroit Techno – nein, sie holen ihre Inspiration auch aus dem HipHop. Wer wäre da nicht ready for the floor? Stefan Hochgesand

Huxley's Neue Welt Hasenheide 107, Samstag, 1. Oktober, 20 Uhr, 44 €


„Schreiben gegen die Norm(en)?“ im Schwuz

Beim Anpreisen von Lesung und Diskussion im Schwuz am 1. Oktober muss man schon ein bisschen aufpassen, nicht in die üblichen Muster für die Biografie- oder Genre-Zuordnung zu verfallen. Der Eintrag in den Veranstaltungskalendern macht aber neugierig. „Schreiben gegen die Norm(en)?“ ist dieser Abend vor Ort und im Stream überschrieben. Jchj V. Dussel, Heike Geißler, Siham Karimi und Marlen Pelny sind zu Gast in der Pepsi Boston Bar des Schwuz. Im Pressetext heißt es: „Alle Autor:innen zeigen eindrücklich, wie durch ihr Schreiben (hetero-)normative und dominanzkulturelle Strukturen in Gesellschaft und Literaturbetrieb dekonstruiert werden können.“ Sie haben zum Teil bereits mehrere Bücher veröffentlicht, stecken also nicht allzu tief im Normenkäfig.

Die Schriftstellerin Heike Geißler aus Leipzig.
Die Schriftstellerin Heike Geißler aus Leipzig.dpa/LST Kärnten/ORF

Heike Geißlers Roman „Die Woche“ um Frauen, die in Leipzig eine neue kleine Revolution anzetteln, stand auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022. Jchj V. Dussels Roman „Aus dem schlafenden Vulkan ausbrechen“ hat eine nicht-binäre Hauptfigur, die im Familienumfeld und in der Gesellschaft an Grenzen stößt. Dussel war gerade erst mit einem Theatertext beim Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Die Schriftstellerin und Musikerin Marlen Pelny beschäftigt sich in ihrem Buch „Liebe / Liebe“ mit Abgründen, die zwischen Kind und Eltern klaffen können. Und Siham Karimi, eine schreibende Person, die nicht mit Pronomen bedacht werden möchte, befasst sich laut Ankündigung in Lyrik und Prosa zum Beispiel mit der „Zugehörigkeit und dem Navigieren in einer cis-hetero-normativ-weißen Gesellschaft, der Diaspora und damit, wie es ist, ein Kind migrantischer Eltern zu sein“. Cornelia Geißler

Lesung und Gespräch im Schwuz, 1.10., 20 Uhr, Rollbergstr. 26